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Noch vor wenig Jahren vernahm ich aus dem Munde eines sonst urteilsfähigen Politikers die famose Bemerkung, es sei ;,aus patriotischen Gründen" schliesslich das beste, wenn der Napoleon, einerlei, was die Forschung dazu sage, im Gedenken des deutschen V o 1 k e s als der Kako- dämon par excellence fortlebe, ganz wie die alten Römer noch Jahrhunderte nach der Schlacht bei Zama mit dem ;,Hannibal ante portas" die kleinen Claudier und Julier ins Bett zu jagen pflegten . . . Die kleinen nun wohl , aber ich denke, den grossen Caius Julius würde damit wohl schwer- lich einer zu Bett gebracht haben, und ich erlaube mir, im Gegensatz zu der erwähnten geistreichen These der Meinung zu sein, dass die Deutschen, die von Börne und Heine noch immer als Kinder behandelt wurden, allgemach gross genug geworden sind, um in dem ,,Korsen" nicht mehr den ;,Buze- mann" sehen zu müssen, sondern die Grösse dieser phäno- menalen Persönlichkeit ruhig eingestehen zu können, ohne sich verpflichtet zu fühlen, bei der jeweiligen Nennung ihres Namens in patriotischer Entrüstung ein Dutzend Schimpf- wörter in den Mund zu nehmen, die schon durch ihre stereo- type Wiederkehr längst abgebraucht und langweilig geworden sind. -'4887-1 - IV — Wem auch heutzutage diese Sprache noch immer nicht ge- fallt, der mag dieses Vorwort und alles Darauffolgende in Grottes Namen ungelesen lassen; aber eins wird er nicht so leicht widerlegen können: Auch die historische Wissenschaft — keineswegs allein die deutsche, denn es giebt ja auch einen Charras, Lanfrey, Jung u. s. w.^) — auch sie hat den Korsen, den Buonaparte, vorwiegend mit einer gewissen Ungunst behandelt, die nach bekanntem Sprichworte ver- stimmend wirkt. Schon früher hat Ottokar Lorenz in ;, Goethes politischen Lehrjahren^ einmal so etwas ange- deutet Seit jenem Professor Saalfeld, der von der Höhe des Göttinger Katheders herab auf den korsischen Tauge- nichts so unbändig zu schimpfen pflegte, dass in seinem Auditorium die Füsse des stud. iur. H. Heine aus Düssel- dorf unwillkürlich die respektwidrige Musik des Scharrens an- stimmten, von jenem guten Saalfeld an war auch unter den deutschen Historikern eine Auffassung traditionell geworden, die Leopold von Bänke, wie aus einem kostbaren Blatte seines Nachlasses hervorgeht, als die ;,landläufige^ bezeichnen konnte, aber für seine Person vornehm ablehnte. Um von vielen andern Namen zu schweigen, muss ich — neben Häusser und Sybel — Max Duncker nennen, gegen den sich das Kankesche Wort persönlich richtet, Arthur Böhtlingk, den sein antinapoleonischer Eifer kostbare Jahre vergeuden liess, um ihn schliesslich in die ärgerlichsten und fruchtlosesten Streitereien zu verwickeln, dann — last not least — den temperamentvollen Heinrich von Treitschke, dessen Aufsatz ^^Frankreichs Staatsleben und der Bonapartismus^ trotz aller möglichen scharfsinnigen und auch richtigen Bemerkungen im einzelnen, als Ganzes genommen, den auf dem Standpunkte heutiger Erkenntnis stehenden Leser fast wie ein anti- napoleonisches Pamphlet anmutet. Auf dem Standpunkte der heutigen Erkenntnis! Ja, er ist ein anderer geworden, und in dieser Hinsicht schauen 1) Selbst ein Forscher allerersten Ranges wie Taine ist mit einer nur allzu wahrnehmbaren Voreingenommenheit an Napoleon heran- getreten. — V — wir schon auf die letzten Jahrzehnte des neunzehnten Jahr- hunderts wie in eine ferne Gegend. Ein Berliner Professor — es darf symptomatisch genannt werden — Max Lenz, hat den Mut gehabt, in einem berühmt gewordenen Aufsatze der ^Cosmopolis" (IX), der Legende von der ^^Eroberungsbestie^ entgegenzutreten. Die gründlichen Forschungen Gustav Ro- loffs haben bewiesen, dass im letzten Grunde nicht Napoleon, sondern der Engländer unersättliche Habgier die Blutbäder von Austerlitz, Jena, Wagram und aller folgenden grossen Schlachten heraufbeschwor^). Andreas Fischer hat in seiner schönen Studie ^Goethe und Napoleon" all die albernen Tüfteleien und Deuteleien widerlegt, die aus Goethe einen Patrioten im hergebrachten Sinne, wohl gar im Stile der Alt- deutschen und der Alldeutschen, zu machen versuchten ; dieser scharfblickende Schweizer hat klipp und klar bewiesen, dass der Grösste der Germanen den gewaltigen Cäsar der latei- nischen Rasse bewunderte, rückhaltlos bewunderte, mit kon- genialem Empfinden, der Riese den Riesen, der Übermensch den Übermenschen^). Ich darf behaupten, in Deutsehland einer der ersten ge- wesen zu sein, die sich zu dem neuen Evangelium bekannt haben, das doch im Grunde nur ein vom wuchernden Un- kraut der Scholastik gereinigter alter Glaube war. In zahl- reichen seit dem Jahre 1890, vornehmlich in den Beilagen zur „Allgem.", ^Voss." und ^Magdeburg. Zeitg." veröffentlichten Aufsätzen habe ich, mit einer gewissen Vorsicht , deren Be- rechtigung in solchen Sachen selbst Heine für sich in An- spruch nahm, eine würdigere Auffassung unseres grossen Gegners verfochten. Dass ich Anklang fand, darüber hat 1) Yergl. dazu Roloffs tüchtige Studie «Die Eolonialpolitik Napoleons I.**, eine gleichfalls sehr lesenswerte Abhandlung desselben Verfassers in den „Preuss. Jahrbüchern* (93, 257 ff.) und meinen Aufsatz „Napoleons Landung in England und die öffentliche Meinung in Deutschland", Sonntagsbeilage zur „Voss. Ztg.*, 1900, Nr. 37 und 38, nochmals abgedruckt , Bonner- Ztg.*, 1900, Nr. 237 und 243. 5J) Der Ausdruck Nietzsches ist mit Vorbedacht gewählt. Es ist nicht von ungefähr, dass auch dieser geniale Denker für Napoleon die höchste Bewunderung hegte und das Memorial de Sainte-Helene zu den von ihm bevorzugten Büchern gehörte. — VI — mich manche Zuschrift ans historischen nnd sonstigen littera- rischen Kreisen belehrt, aach der siegreiche Ausgang einer hitzigen Pressfehde, die 1892 ausbrach, als ich es gewagt hatte, einen der Paladine des Kaisers, den Marschall Dayout, gegen die unsinnigen Übertreibungen und Verleumdungen in Schutz zu nehmen, die von Hamburg aus in der furchtbaren Erregung der Kriegsjahre von 1813/15 gegen den Verteidiger dieser Stadt in Umlauf gesetzt waren und welche sich mit einer merkwürdigen Zähigkeit achtzig Jahre hindurch im Kurs erhalten hatten. Die Richtung meiner Studien hat es dann mit sich ge- bracht, dass ich später weniger in Archiven nach Dokumenten stöberte, um diese oder jene Handlung Napoleons in dem oder jenem Lichte zu zeigen, sondern vielmehr die Ansichten zu untersuchen begann, die in Deutschland in den verschiedensten Kreisen der Bevölkerung, unter den geistigen Spitzen wie in den Schichten des Volkes, von der Zeit seines ersten Auf- tretens an bis auf die Gegenwart über den General und späteren Konsul und Kaiser in Umlauf gewesen sind, um auf diesem Wege die napoleonische und das, was ich die „antinapoleonische^ Legende nenne, in ihrer Entstehung und- physiologischen, auch pathologischen Wirksamkeit festzustellen. Die in der Beilage zur ^Allgem. Zeitg.^ (1898/99) erschienenen ;,Litteratur- und Stimmungsbilder aus den ersten Koalitions- kriegen", meine Schrift ;,Der erste Konsul Bonaparte und seine deutschen Besucher" (1900), sowie ein in der Ber- liner ^, Bühne und Welt" (Juni 1900) veröffentlichter Auf- satz ^Napoleon im deutschen Drama" waren dieser Aufgabe gewidmet. Auch in die Säkularpoesie unserer Ahnen, die von mir in einem kleinen Buche behandelt wurde, spielen diese Verhältnisse .gelegentlich hinein. In weiterem Umfange soll ein in einigen Monaten im gleichen Verlage erscheinendes Werk ,,Heinrich Heine und Napoleon I." die hier in Frage kommenden Dinge behandeln. Für die vorliegende kleine Schrift ist ein Fonds von Materialien verwertet, der bei den Vorarbeiten für das eben genannte im Entstehen begriffene Werk zusammengetragen war, aus diesem aber ausgeschieden werden musste, weil er — VII — dessen Einheit zerstört haben würde, während er unter dem gewählten Titel ungezwungen zu einem Ganzen gestaltet werden konnte. Wenn die Welt von 1902, in der gegen früher so manches anders geworden ist, worin die alten Häuser der ßokokozeit unter Hacke und Hammer zusammenbrechen, die Damen radeln uud studieren und neue Arten von Hochschulen ent^ stehen, um andere Zweige des Wissens zu pflegen, wenn sie, auf Grund zahlreicher, vielfach erst unlängst erschlossener Dokumente eine günstigere Ansicht von dem grossen Baumeister der Neuzeit^) gewinnt, so wird sie auch diejenigen anders beurteilen, die den Glauben der Lanfrey und Treitschke über ihn nicht teilten. Ich meine damit nicht uns, die wir uns durch das Verdikt, wir seien in der napoleonischen „Legende" befangen, nicht mehr bange machen lassen, ich meine die be- deutenden Geister der Vorzeit, die von dem riesigen Menschen, der durch ihre Reihen wandelte, mit Bewunderung und Sym- pathie gesprochen haben. Dem liebenswürdigen Dichter Beranger, dem Sänger Napoleons und seines Heeres, hat Treitschke einmal seine „Durchschnittsbildung" vorgeworfen. Wenn aber die Hugo, die Lamartine, die Byron und Pusch- kin, die Chamisso, Immermann und Grillparzer an die Gruft des Kaisers treten, wenn selbst Excellenz von Goethe, der weimarischer Minister und nebenher auch etwas Dichter und Denker war, eine Blume auf den Sarg des Hochverehrten legt? Allen Respekt vor dem Andenken Treitschkes, aber die Frage, ob sich die „Spitzen unserer Bildung" bei dem Leichenbegängnis von Longwood nicht eingefunden haben, sie kann doch wohl schwerlich im Ernst aufgeworfen werden. Zu dem äusseren Gewände dieser Abhandlung nur zwei Worte: Die aus den Litteraturen der verschiedensten euro- päischen Sprachen stammenden Materialien sind bis auf einige 1) Wer Napoleou diesen Ruhm nicht zugesteht — und es ist ja wahr, dass wenigstens sein eigener Bau einstürzte — wird doch wohl nicht daran vorbei können, den riesigen Werkmeister in ihm anzu- erkennen, der den gewaltigen Schutthaufen des mittelalterlichen Feudalis- mus, und zwar gerade ausserhalb Frankreichs, mit Blut und Eisen wegfegte. Auch wir Deutschen sind ihm hierfür Dank genug schuldig. — VIII — Stellen, wo eine Mitteilung des Originaltextes wünschenswert erschien, sämtlich in deutscher Übersetzung wiedergegeben, wozu bei den zahlreichen Gedichten die besten Übertragungen gewählt wurden. Nur die französische Tagespoesie des An- hangs wurde aus verschiedenen Gründen in der Ursprache mitgeteilt. Die Orthographie ist abweichend von dem in meinen früheren Studien beobachteten Verfahren einheitlich in die moderne verwandelt; nur lautliche Abweichungen (z. B. „ahnden^^ für „ahnen'' u. ä.) glaubte ich beibehalten zu müssen. Allen denen, die mich bei meiner Arbeit durch Zufuhr wertvollen Rohstoffs und anderweitige Beihilfe unterstützten, ganz besonders den Verwaltungen der Königlich bayerischen Hof- und Staatsbibliothek zu München und der Universitäts- bibliothek zu Göttingen sowie den Herren Oberbibliothekar Dr. R. Ehwald in Gotha, Professor Dr. F. Solmsen in Bonn, Otto Arms troff aus Duisburg, Louis Grub, Carl Schneider und Maurice La Ghesnais in Paris ent- richte ich auch an dieser Stelle mit Vergnügen den Zoll schuldiger Dankbarkeit. Bonn, 2. Februar 1902. Der Verfasser. • "• • • • •••••• ,•!••• •• • • • • ? t • • '••;•'••••••. • ,«.• • I. Der Geftrn^ene toir St. HefeiM. N-idit ohAie tiefes psydiiotogisches Interesde vermdg der Ben^ kencÜe die Äussevungen der Mitwelt lA d«r Stunde des Abscheiden« einer bedeutenden PersöiilieMieit zu betraehten. Die naive Be^ wumderütfi^ eines fürstlichen Trauerg^ränges duircb die „iViel^u>- Vielen", m^ äer sel^ Friedrieh Nietzsche die gedftnkelilose üüleng^ zu benamsen pflegte,, auf der einen, die oft plötzliche Ab^ kühlung serviler Trabanten auf der aaidern Seite, auch der Kampf zwischen Anstandsgefühl und Abneigung, der m der Seele ein^s ehrlichen Gegners ausgefoc&ten wird, das alles und noch mnosu^es andere ist zwischen deti' Zeilen vieler Nekrologe zu lesen. Die Älteren des heute lebenden Qeschlechtes sind ja in der Lage, aus eigener Erfahrung an zwei klassischen Beispielen zu ermessen , ob das Gesagte riditig und inwieweit die erhabene Majestät des Todes im stände ist, bei der Beurteilixng des auf die Bahre Gestreckten selbst die Leidenschaft ausgeprägter Ghtderiker ZU' dämpfen, falls diese über das Niveau gemeiner Naturen erhoben sind. Wem wäre der kalte Märzmofgen vöo 1888 entfallen, an dem sich Berlin in Trauer kleidete und in Köln am Rhein die Kaiserglocke ihre Bassstimme erhob, um das Leid des deutsclien Volkes bei des alten Kaisers Tode über die Lande zu läuten? Auch ritterliche Feinde von 1870 haben damals an der Seine dem Toten ein nicht unsympathisches Abschiedswort nachgerufen. Und auch an jenem andern Tage, als dem Kaiser sein Kanzler in das Schattenreich folgte, hat die Grösse des Mannes selbst scharfen Gegnern vernehmliche Töne des Beileids und der BewundeiruDg entlockt. Auf der andern Seite wird man sich natürlich davor hüten müssen, dem Nekrolog, mag er auch der feinsten und scharf sin- Holzhausen, Kapoleons Tod. 1 • • • •• • •./ •• • • •! • ^ •••••• • • , ••• — 2 — • ••• nigsten Feder entsprungen sein, den Charakter einer Urkunde beizumessen. Für die Kleinen, die Naiven, die „Herdenmenschen** mag er diese Geltung besitzen; dem ernsten Kritiker hat er nur den Wert einer Momentaufnahme, und manchmal kaum diesen; denn das de mortuis nü nüi bene^ womit der schmeichelnde Photograph das Bild des Entschlafenen zu retouchieren pflegt» muss mit zwingender Notwendigkeit die Naturfrische der Aufnahme beeinträchtigen, oft sogar wird es sie bis zur Unkenntlichkeit ver- wischt haben. Etwas anders freilich lag die Sache bei dem Tode Napoleons. Von der Weltbühne war der einst mit dem Geschmetter der Trom- peten und Fanfaren Gefeierte seit Jahren abgetreten, und als er am 5. Mai 1821 auf dem einsamen Maierhofe von Longwood, zweitausend Seemeilen von Europas Küsten entfernt, von physischen und seelischen Qualen erschöpft, einem bei: dem damaligen Stande der medizinischen Wissenschaft völlig unheilbaren Leiden erlag, ging ein politisch Toter ins Reich der Schatten. Zwar waren die Leidenschaften, die einst um seine Person getobt hatten, noch nicht völlig ausgegohren, imd schäumenden Gischt werden sie bei dem Hinscheiden des einstigen Weltherrschers von neuem auf- werfen. Aber sie hatten längst andere Farben, wenigstens andere Nuancen angenommen, seit dßm schicksalsschweren Tage, wo der Kaiser im Lager der letzten Heerhaufen seiner tapfem Garde^ auf dem Schlosse zu Fontainebleau, den wild hingekritzelten Namenszug unter die Abdankungsurkimde geworfen hatte. Zu jener Zeit war die Welt in zwei grosse Parteien gespalten gewesen, die mit tödlichem Hasse einander bekämpften, seine Anhänger imd die es nicht waren. Die ersteren bestanden neben dem bei weitem grössten Teile des französischen Volkes und einem dem unvergleichlichen Feldherrn unbedingt ergebenen Prätorianer- tum aus einem über alle Länder verstreuten stattlichen Anhange von Leuten, die teils dem „Übermenschen" den ZoU persönlicher Verehrung entgegenbrachten, teils trotz des despotischen Regiments der Kaiserzeit noch immer den grossartigen Exekutor der fran- zösischen Revolutions- und Freiheitsgedanken in Napoleon be- wunderten. Daneben gab es wieder andere, die gerade umgekehrt den Bändiger der Anarchie, den Wiederbringer von Ordnung und Sitte in Frankreich und den Schöpfer des Gesetzbuches nicht ver- gessen hatten, also in dem grossen Zeitgenossen ein positives, gestaltendes Genie erster Klasse zu erkennen glaubten, dem um seiner riesigen Neuschöpfungen willen die Gewaltsamkeit der Mittel, — 3 — mit deren Hülfe er sie durchsetzte, verziehen werden müsse. Statt anderer Namen aus diesen Kreisen mag tiur der eine des vornehmen Mannes Erwähnung finden, dem im Reiche der Geister kein Waterloo das Szepter entwinden konnte : Wolfgang Groethe. Diesen Freunden und Bewunderem des Kaisers stand um 1814 die gewaltige Masse der Nationalen in den mit Frankreich im Kampfe begriffenen Ländern gegenüber. Angeführt von der deutschen Romantik oder doch mit ihr im Bunde, überwinden sie den, wenn man so will, heimatlosen Cäsar, den Nachkömm- ling der Antike, den ein Anachronismus der Weltgeschichte an die Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts gestellt zu haben schien^). So war Napoleon geschieden, von den einen noch in seinem Falle vergöttert, von der Mehrzahl verwünscht, verhöhnt, mit Flugblättern und Brochüren, Spottversen und Zerrbildern bis in die Einsamkeit seines ersten Kerkers auf Elba verfolgt. Aber schon sein Wiedererscheinen anno mirahili 1815 hatte die Stimmungen in Europa wesentlich . zu des Vielgeschmähten Gun- sten verändert. Schon während seiner kurzen Abwesenheit hatte die Reaktion gar manches gethan, was die Herzen entfremdete. In Frankreich mit Begeisterung empfangen, wurde der heim- gekehrte Kaiser selbst von alten Gegnern, den spanischen Libe- ralen, gegen deren elenden König um Hülfe angerufen. Li Deutschland war die Stimmung eine geteilte. Bei den Preussen über- wog der alte Hass gegen den Sieger von Jena, siebzehn- und achtzehnjährige Jünglinge, Holtei, Wolfgang Menzel und Studiosus Immermann, eilen begeistert unter die Fahnen*). Doch hat ein nüchterner Mann wie Gneisenau sich den Gedanken durch den Kopf gehen lassen, mit Hülfe des zurückgekehrten Na- poleon sein Preussen in den Besitz des vielumstrittenen Sach- sens zu setzen. Im übrigen Deutschland wurden noch ganz andere Stimmen laut. In Hannover z. B., dem „deutschen China", wie es der Freiherr vom Stein wahrhaft klassisch genannt hat, wo die Junker- und Beamtenherrschaft „mitsamt ihren langstieligen . . . 1) Doch ist sein Platz als internationaler und übernationaler Bil- dungsträger unmittelbar neben dem grossen Alexander und nicht unter den Condottieri des Cinquecento, wohin ihn Taine verweisen möchte. 2) Karl von Holtei, Vierzig Jahre, herausgegeben von Max Grube, Breslau, 1898, 1,229; Immermann, Memorabilien, Hamburg, 1840, 1,240; Menzel, Denkwürdigkeiten, 78 f. Vergl. auch Platens Tagebuch, hrsg. von K. Pfeufer, Stuttgart und Augsburg 1860, 44 ff. 1* — 4 — . . .Eriftssm^ ihreniB(Ms)ii undf H«iM5ehefa, ibreii S^&aftdf^&üso, ¥^t&fktmmmrt»i Oalg«ii tmä iSad*' wiedier pnmk^ndea Efaisfag g»- ludft», erklärt rufidh«^ der Primaner HemncDp Hofimimii (^mmi FallerBlebai?): y^Fur die sehöne K^iensig werde iclk mdne* Haut nicht z« Maskt to^n.'<^) Vad dfe ^^emeaiB'V die vidrerbeitete Zeitfldmfl: d^es Jena^ Professors Lndenf, eine beMge^ (Segaena ]!$apoleoQs^ bem^kt inr Töne höchster ü&itiräetQnf^^ dasS' andk dessen Rückkehr von Elba. efaemaGge Rheinbtnidolfiaiere bei* Mk- Udsimi Bee&erklang auf aieoes Stolmgen ihics alten Feldherm an»* ^sstoseen haben. Solchen Erseheintittgen lasst smh die Bedetrtung' nkht uh- sprechen. Auch kann es für einen Kenner des merk#iurdtgett JahRs^ nicht zweüdJitfffi s€^>, dass nadi nur zwei oder drei Sii^en des Zurüdcgekehrten in mehr als einem der europäischea Kabinette wieder eine Stehwenkung^ m seinen Gimsleiy er- folgt wäre; Aber Napoleon wurde bei Wiftterloo geschlagen, trotz des P^tenners Heinrich Hofftnami. Und doch ist die jämmeifich kurze Regierung von 1815 für den wenige Jahre spater ent- stehendeir, yieiinehr aas kaunr erkalteter Asche neu erwachenden Napdleoffkultus von« nicht zu: unterschätzender Wichtigkeit Denn wensn au»h' die bekannte „Zusatzakte^ die der Herrscher Bxxt dem g&nzenden MaifeMe, seiner letzten imposanten SchausrteUun^ {H*oklamiert hatt^ den Wünschen cfer Liberalen keineswegs enir sprach, so war doch die persönliche Mrlde des kurzen Regimentes unbestreitbat, und der Kaiser könnte sich auf sie als «ne min- destens scheinbare Garantie einer* Umkehr und Abkehr von der Foliti-fc der letzten Jahre seiner Weltherrschaft berufen. Die Frage, ob es Napoleon mit diesen liberalen Anwand- lungen recht Ernst gewesen, kommt hier weiter nicht in Betracht. Genug, in weiten Kreisen glaubte man an diesen Ernst, und, obwohl die französischen Liberalen während der „hundert Tage*' selbst eine mehr als zweifelhafte Rolle gegenüber dem Kaiser gespielt hatten, so begannen doch sie und die Bonapartisten nach dem abermaligen Sturze des Mannes von Elba sieh gegenseitig als Bundesgenossen zu betrachten, und das Band der Verbrüde» ruBg. wurde um> so schneller und fester zwischen ihnen gewoben^ als beide* in Frankreich und den früher von diesem abhängigen 1) Hoffmanns Leben, Ges. Werke (Gerstenberg), 7, 41. 9 Den l^krtli^efeDdeii Hf emden des *fi»t Beoehung «uf die F«^ des bouitboniaelien IjilieirbaimerB eegeaaBnten „weissen SelKFec^B^i^'« dean ifeapfere Helden, dae ^^ey^, «die Sruske, die Lab^dey^ie, «itm Opfer f^len, fotgten in Slrankreicili Jaln« «roU «iflbifcteilier pisla- meotarfsch«: Kämpfe, in de^m ü^rliche Frei- sinn aus den Läden und den AnjtsstiCben der Advokaten; !bei den zahlreichen V«Ä;hwörungen, die von 1818 — 1823 Frankretcli erschüttern, dem Didierschen Putsch (1816), den Lyoner Unruhen (1817), den Komplotten von Saumur und Beflfort und dem Bertonschen Aufruhr (1822), gehen sie todesmutig miteinander zur JRichtstätte. In er^eifenden lüedern singt der liberale BSranger das Elend der Veteranen des grossen Heeres; bei allen Freiheitskämpfen der jiäehsten fünfzehn Jaihrei, in Piemont, Nea- pel, Spanien, Gjdechenland, Polen, selbst unter Botiyars Fahnen in den Landen der CordiUeren, streiten Sfänner, denen der Sieges- ruhm von Jena und von Wagr^m das Stü(fcjhen roten Bandes ins Knopfloch geflochten liatte. Die Verbindung des Liberalismus mit dem Bonapartasmus war doch noch etwas mehr .als eine yein fesserliche Waffen- brüderschaft wider einen gemeiusamen Gegner. Wirkliches Gemeingut beider Parteien war die Idee der „Gleichheit", die I^ap^leon von seine Anhänger fanden darin sogar ein Kompliment vor ' seiner Grösse — jedenfalls aber hätte man für eine würdige und rücksichtsvolle Behandlung des grossen Gefangenen sorgen können. Hiervon geschah das Gegen- teil, und das ist heute, nach den glänzenden Invektiven Heines auf der einen, den spitzfindigen Verteidigungen Englands auf der andern Seite ^) , nun auch von ' einem der führenden Männer unseres angelsachsischen Vetternvölkes hockherzig eingeräumt worden '). Die St. Helenatragödie nach Lord Roseberys — trotz mancher nicht einwandfreien Stellen — glänzender Darstellung noch- mals aufzurollen, liegt hier kein Grund vor* Wie sie aber als Stim- mungserreger auf das Volksempfinden bis zum Tode des Gefangenen wirkte, muss in Umrissen angedeutet werden. Der parteilos kri- tische Beurteiler von heute muss Lord Rosebery recht geben, wenn dieser von dem eigentümlichen Geist der Unwahrheit redet, der den Erzeugnissen der in hohem Grade unerfreulichen St He- 1) 0. Jäger in seiner Weltgeschichte. 2) Gemeint sind die bekannten Werke vonForsyth und Seat on. 3) Lord Rosebery in dem schönen Bache: Napoleon. Tke last Phase. Citiert ist das Werk nach der bei Hachette erschienenen Pariser Ausgabe, von der mir der Verfasser ein Exemplar zu übersenden di^ Liebenswürdigkeit hatte. i — 11 — lenalitteratur fast ausnahmslos anhaftet ^). Man versteht ihn nur dann, wenn man in diesen Schriften von vornherein weniger historische Dokumente als vielmehr höchst subjektive Zeugen^ aussagen eines Sensationsprozesses sieht, was sie in Wahrheit auch gewesen sind. Auf der einen Seite steht da der Liebling aller antinapoleonischen Historiker, Hudson Lowe, der Gouverneur der Insel, einer der aUerelendesten Ritter von der traurigen 6e-* stalt, der die drakonischen Befehle des Ministeriums Castlereagh- Liverpool mit der Tölpelei eines Sehulf uchses ausführt, ein herz- und gefühlloser Pedant schlimmster Sorte, der wie alle Leute gleichen Schlages bei passenden Gelegenheiten, an denen es in dem heiklen Verhältnis und bei Napoleons Temperament nicht fehlen konnte, Proben einer unverfälschten John-Bullschen Grobheit ablegte. Diesem widerwärtigen Gesellen gegenüber trieben der gefangene Kaiser und seine Begleiter, vor allem der bekannte Graf Las Gases, ein skrupelloser Advokat seines unglücklichen Herrn und ein jesuitisch feiner Schlaukopf, ein0 meisterhafte Ob-» struktionspolitik, durch die sie mit ihrer geistigen Überlegenheit den hölzernen Pedanten Lowe oft genug abführten und das Urteil der Zeitgenossen in einer überwältigenden Weise für ' sich zu gewinnen verstanden. Ein Meisterzug war z. B. gleich die — in London erfolgte — Veröffentlichung der ersten Schrift über St. Helena , der Briefe eines englischen Schiffsarztes Warden^), der den Kaiser auf der Fahrt nach der öden Insel begleitet hatte und nun 1816 nach Europa zurückkehrte. Dot ungebildete Verfasser dieses aufsehen- erregenden Buches, das wie die gesamte St. Helenalitteratur in die massgebenden Kultursprachen, vor allem das Französische und Deutsche, übersetzt würde, war, ohne es zu ahnen, das Sprachrohr der Franzosen gewesen. Mit diesem Buche,, nicht erst mit den später erschienenen „Briefen vom Kap der guten Hoff- nung", beginnt die Reihe der Verteidigungsschriften für den Ge- fangenen, die zwar ihr nächstes Ziel, eine nochmalige Rückkehr 1) Vergl. Lord Rosebery, S. 8 der franz. Ausgabe. 2) War den, Letters written on board H, M/s Ship the NorihumbeV' land, and at Saint Helena, in which the Conduct and Conversation of Na- poleon Bonapaiie ,., ,are faithfuUy .... related. . . . etc. (Deutsch : Frankfurt, 1817, u. ö.). — Auf die recht interessante, aber auch sehr weitschichtige Bibliographie der St. Helenalitteratur kann hier der Raumverhältnisse halber nur in beschränktem Umfange eingegangen werden. Zur Pest- stellung der englischen Ausgaben ist der Katalog des British Museum benutzt worden. — u — 400 V'CvIbaiiMteii, verUilteB, aber mM «wfiUtem, m dmd Mr ait e aten Knsiaen furätn imd ame S«bteloMie /Stmmui^ ^ Mackfii' Ni^Mm doM UBs adion ib«kiiiuile»i fAUtiadieii LcätoofeiF mes Ubenien ador Ifterafoierand«» KiuserHS wmL ^»» mm famaifte 40r BAßmi" hmg 4dB wi^ücklkdiexi Gefas^wett geaddckt in Sommb feaetat W«ldieo jQukdmdc «avaate «e in fiiwQpa jH^aebun, mtsm mm «rfnbr^ cbflB «die «brkbebe fic^erac^ — und 4«b lasar nefatig ^— wt; cboi VievpiCkgiüif skoateu für den berülunbaa /äefaftgeoiw in efcalhafter Wume jbianaoiie.! ^). Da hot^ laao gv, daes d^r Mantt^ tleia die ScbJösaer Europas x^ e\gm •gebmi, eem Sübergeaehier mit den AMem katte .seraehlagan laaae«, Hin fik den kfufem Eriöa di aa or sidben BeUquien ein «StAc^kohen Baot filr «idb «und aeine Tn&oiax z» tkavii£an. Gpewäae, dne war war ein Theateralxeich, aber in aeiner Alt eki JiCdstemtüek» das aai denßohadUlM^ttikmstkr ^^t^oq Amiarlita erinnerte nnd .auf desaen Erfindimif der muEfinienlieate Diploinat TaJfejrandscher .oder Metternicbaobier Obaenwaz aidii «tRvna bitle einbilden dürfen. Daa Publikttsa ^^mpBa^ die erate Ksande tagn d«n Sddnebli^ Jcdiiten des Keiikermeisters Hudson Lowe dnrdb nwei .Sehriftox, die wieder in London das licht der Weit «rbUekten, aber üPie die vorige und alle folgenden schnell ins DfwtBcfae überaeUet wunden. Die «eine von ihnen tmg den J^mnen fiaaLtinis, eii»es auf Veranlassung der englbdbea Rfigiemng xfi dem Kainer sdfbst bequem dbsatt>«»«rt wnftfetti koeiKteiE« I&swie^i^if haeie* diese» sdIftiBt einen IdnüHefc^A Pirotest feg«a misß Behandlung erkisaen. E» ist dtts jener nMi^ wSi^di^ Btfiefv dea am 23f. Attguat ISfg' der Tt^t^ste- der O^ isnmm von St,. HeJ»«»^ €(räi Meslstotoii, im Auftrage seiaes He«»i an dien Gou'Tevneiff Hudson Iio^^e gerichtet h«e6» und der, wohl ircHi voFUhierem fu^ die Ofisntlidkkeit bestimmt, dtv^ck einen ge«- beitti^ Sai^^ {woM aAicb gandni) naek England gekngte; Wö er ak» Btosdiüre gedruckt wurde und, gleich allen 8t Helena- papkf^fr, m gastsz korater 2eil eine Beäie roA Auiliagen erleblte-^ Wenn nun^ wie gesagt^ diese fliegenden Blatter ihren ersten und unnittelbaifen Zweck, den gefesselten Frometheus aus seii&en Bändelt m erlösen^ nickt errddsten und nieht eirmchen konn4»n^ so skid doeh die- NolBiffe voü ^c Felsernnsel nieht ganz ungier Seite.) — Maderoni, der dammk isi London ]«bte, bekaupitet m einsr spüfter dort kerausgegebenen Autobiographie {JUfa of Celonel Mtaaermuti II, 425), der eigentliche Verfasser der unter Santinis Namen erschienenen Schrift zu sein. (Über M. vergl. Quarterly Review , XXXVIII, 490 ff., WO' er heftig angegriffen wird, weil er den Engländern vorgeworfen hatfoy^ an Marats tragtsehem Encle mittelbar sehtiM gewesen zu sehv.) Unverständlich ist mir eine Schaltebemerkung im Katalog de» British Museum, nach der Santine (oder Santini) ein Pseudonym für Charles Boris sein soll. 1) Sie fflthrte in der (anscheinend) ersten Ausgabe den Titel: A% Appeal to tke Btiti»^. ifdcfe'o» ofi^ the treatmeni experienetd hy Nap&kmi Buonaparte in the Island of Sk Helena» — ^y M, Santine, Huissier Du Cabinet rf« V'Empereur. — With an Authentic copy of the Offieial Memoir dictated by Napoleon, and delivered to Sir Hudson Lowe, — London: Printed för Ridgways, Plceadilly. 1817. 51 Seiten in 8^ mit neben- gedmektem franz6siseh«n Text. — In der Offizin ren Ridgway wardSe ein> grosser Teil dieser Litfceratar gedruekt. — ' Santine (oder Santin«) steht stafct des richtigen Santini aach in einer französischen Ausgabe von* 1821. -^ Die 4. Le4Mbner Ausgabe bat den Namen richtig (£x.: British Maseum). 8) Montholons Brief ersefaien zuerst im Moming Ckronicley 18. März 1817, dann als Anhang zur Santini sehen Broschüre (S. 28^51 der ersten Londoner Ausgabe, ferner (nur englisch) separat unter dem Titel: Bonapartes Memorial, in a letter adressed by Oenertd Count Montholon^ to Sir Hudson Lowey British Oofsernor of the Island of St, Helena. By order of the Emperor Napoleon, Bronchi front St. Helena hy M. Santini, Usher of the Cabinet of Napoleon, etc. etc. London : Printed for Hebert and Mann, Fleet Street; And sold by Simpkin and Marshall, Stationers Court, and all other Bookseilers. 1817. (18 S. in 8^) — 14 — hört verhallt Ini Mait 1817 brachte Lord Holland, der Führei* der Napoleon günstig gestimmten englisch^i Opposition, dessen Gattin eine persönliche und hülfreiohe Freundin des Helden war, im Oberhause einen Antrag zu Gunsten des Ver«* bannten ein, der zwar, wie vorauszusehen war, a limine abgelehnt wurde, aber von der britischen Insel weithin Wellen schlug. Der scherzende Ton, den der Vertreter der Begiembg, Earl Bathurst, in seiner Erwiderung auf Lord Hollands Antrag anschlug, wurde auf dem Kontinent als unpassend gegenüber der hehren Tragik des Unglücks empfunden, nicht minder die höhnische Sprache, in der die englischen ministeriellen Journale, z. B. das Quarierly RevieWy den Ge&ngenen bei jeder Gelegenheit misshandelten. Um dieselbe Zeit wurde das Interesse für den fernen Dulder durch eine kühne Fälschung erhöht, das sogenannte „Manuskript von St Helena** (Manuscrit venu de Sainte - Heline d'une manidre incannuey), eine sensationelle Bchrift, die noch im Jahre 1898 in New- York als „Novität" wiederabgedruckt wurde, wiewohl sie schon im Frühjahr von 1817 erschienen war. Sie entstammte der Feder eines franzöBischen Schweizers, eines Herrn Lullin de Chäteauvieux, erregte ungeheures Aufsehen und wurde selbst von nicht ganz urteilslosen Kritikern, z. B. einem tlezensenten der Jenaischen Litteraturzeitung, für eine echte Schrift Napoleons gehalten. Dieser selbst liess noch im gleichen Jahre die erwähnten „Kapbriefe"*) auf den europäischen Büchermarkt werfen, ein echtes Werk des Kaisers und seine ausgeführteste Verteidigungsschrift, die wie das Manuscrit eine starke Sensation erregte. Dann 1) Viele Ausgaben, die erste in London bei Murray. Auch Repliken erschienen, und die Schrift fand ungemein zahlreiche Besprechungen. Die von Napoleon, der das Werk natürlich verwarf, dazu geschriebenen Noten, gab 1821 Gourgaud heraus. (Coir. de Nap,, XXXI, 275 ff.) Deutsche Übersetzungen des Manuncrit: Hamburg, Schulbuchhandlung, und Wiesbaden, Schellenberg; eine, dritte Leipziger, besorgte der uner- müdliche Vielschreiber Professor Krug, der wegen der beigegebenen Noten in eine Polemik verwickelt wurde. Die genannten drei deutschen Ausgaben erschienen sftmtlich noch 1817. 5i) Erste mit Zugrundelegung einer sehr fehlerhaften Übertragung der französischen Handschrift besorgte englische Ausgabe in London 1817, deutsch in den «Europäischen Annalen"* (1817—1818) u. ö. Die in der Coir. de Nap. (XXXI, 295—364) befindliche — übrigens gekürzte — Ausgabe ist eine »ach der dritten englischen veranstaltete Rücküber- setzung ins Fran2öaische. — 15 — war wieder, einer seiner Getreuen, der Graf Las Gases, nach Europa transportiert forden. Das war, wenn nichts anderes, so doch, eine grosse Thorheit der englischen Regierung gewesen. Denn der feine „Jesuit", ein Diplomatenkopf style Louis XV., den Qian von St. ^ele^a nach dem Kap, von dort nach England und ivon hier nach dem Kontinent abgeschoben hatte, wurde, wo er sich blicken Hess, glänzend empfangen, in Baden-Baden von den vornehmsten Kreisen gefeiert und als „treuer Blondel" seines unglücklichen Herrn und „Bettler des Belisjur" — Metaphern von unfehlbarer Wirkung — laut gefeiert^). Von Frankfurt aus er- öffnete i er ein regelrechtes Bombardement mit Briefen und Schriftr stücken jeder Art auf die Hofe, Fürstlichkeiten und Parlamente Europas. Alles zu > Gunsten des Gefangenen, dessen Befreiung er zwar um keine Zollbreite förderte, für dessen Popularität er aber Unendliches gewirkt hat. Denn diese Schriftstücke erschienen in de^ Oppositionszeitungen Englands, Belgien^, selbst Deutsch- lands, und der Brockhaussche Verlpg in Leipzig, dessen Lir haber noch vor wenig Jahren unter den Federkämpfern gegen Napoleon in der ersten Reihe gestanden hatte*), veröffentlichte in seinen „Zeitgenossen" einen sympathisch geschriebenen Lebenslauf des Grafen nebst verschiedenen der interessantesten Piecen. Das ungemeine Aufsehen der allgemach zu einem eigenen Litteraturzweige anwachsenden St. Helenaschriften, um die sich Ver- leger und Käufer rissen, erfuhr noch eine Steigerung, als ein gleich- falls veröffentlichter Brief des im Gefolge des Kaisers auf St. Helena zurückgebliebenen Grafen Bertrand ^) meldete, dass der schändliche Lowe dem Unglücklichen sogar eine nach der Insel 1) Über die Schicksale des Grafen Las Gases und die mit ihnen zusammenhängende Flugschriftenlitteratur, deren Dickicht bisher noch undurchforscht war, habe ich vor einigen Jahren in einer kleinen Spezial- arbeit, deren Resultate hier kurz zusammengestellt werden, Licht ver- breitet. (,Ein Schicksalsgefährte Napoleons I. in Frankfurt," Frankf. Zeitg,, Nr. 95, vom 6. April 1898.) 2J) liei des Kaisers Sturze schrieb Brockhaus: „Welch ein elender Wicht ist denn dieser Napoleon! Pfui! er ist eigentlich nicht wert, dass man ihn anspuckt. Nicht den Mut zu haben, ein so geschändetes Leben zu enden!" (H. E. Brockhaus, Friedrich Arnold Brockhaus. Sein Leben und Wirken u. s. w. I, 329.) Schärfer haben sich kaum Arndt und Jahn über den vom Unglück niedergeschmetterten Gegner geäussert. Wie anders lautet Platens Diktum! '^) Bertrands Brief erschien zuerst (Oktober 1818) in englischen Zeitungen, z. ß. im Moming Chr beim Tode des Gewaltigen, sagt er in seiner „National- Zeitung der Deutschen**: „Ihn verkleinern, die Kraft und Gewalt seines Geistes ableugnen wollen, wäre elend und kleinlich." Dann folgt der schöne Gedanke : „Wie viel erbärmlicher würde nicht nach Jahrhunderten, wenn die Geschichte seine Thaten ruhiger wägen wird, als wir es können, seine Mitwelt ihm gegenüberstehen, wenn seiner Geisteskraft und seiner Thatenmacbt nicht gerechte Aner- kennung zu teil würde?" ^) Energischer zu Napoleons Gunsten äusserten sich bei seinem Hinscheiden nur einige suddeutsche Oppositionsblätter, bei denen die Vorliebe der dortigen Liberalen für den weiland Protektor des Rheinbundes stark zum Durchbruch kam. Schon oben war ein Aufsatz aus der „Neuen Speyerer Zeitung" angezogen, in dem gegen die heuchlerischen Süssigkeiten der englischen Morn- ing Post Front gemacht und den Briten eine bittere Pille zu schlucken gegeben wurde. Massvoller war eine Arbeit des Herausgebers der „Mainzer Zeitung", des aUen Klubisten Friedrich Lehne, der von seiner einstigen Schwärmerei für den fränkischen Helden später zurück- gekommen war, aber dem Gestürzten gegenüber ein humanes Mitgefühl niemals verleugnete. Zeuge hiervon ist mancher Auf- satz in der „Mainzer Zeitung", ist vor allem das edelgeformte Gedenkblatt, das der talentvolle Schriftsteller am Grabe des einst hochverehrten Kriegers und Staatsmannes niederlegte. Ja, man kann sagen, unter den Zeitungsschriftstellern hat kaum einer die erschütternde Tragik des Lebensendes Napoleons so tief empfunden und ihr so beredte Worte geliehen wie Fried- rich Lehne ^): „Der Mann, der mit einem in der Geschichte beispiellosen Glänze aus einem Jahrhunderte in das andere trat, der Mann, der durch eigene Kraft, durch eigne Klugheit sich nicht nur an die Spitze seiner Nation, sondern an die Spitze eines halben Weltteils schwang, nachdem er in drei Weltteilen gekämpft und lange gesiegt hatte .... stirbt in der Einöde". 1) Aus einem Aufsatze ,,Napoleon Bonaparte" in der ^National- Zeitung der Deutsehen^ 29. Stück, vom 18. Juli 1821, Spalte 523—524. 2) Lehnes Aufsatz erschien zuerst in der „Mainzer Zeitung**, Nr. 83, vom 12. Juli. Er findet sich auch in Fr. Lehnes gesammelten Schriften, herausgegeben von Külb , III, 458—60 , auszüglich im , Hamburgischen Correspondenten", Nr. 115, vom 20. Juli. — Über den Verfasser habe ich in meinen ,Litteratur- und Stimmungsbildern aus den ersten Koalitionskriegen* (Beilage zur AUg. Zeitg., Nr. 86, vom 15. April 1899) eingehender gehandelt. — 32 — Dieses „welthistorische Ereignis" bietet dem Denker viele Fragen dar, aber Lehne erklärt sich ausser stände, ist vielleicht auch zu vorsichtig, um sie alle zu beantworten. Auch die Lösung der Frage nach den eigenthchen Zielen des napoleonischen Streben» überlässt er der Zukunft. Am wenigsten aber, meint dieser ehrliche Beurteiler, wären die frechen Schmähredner berechtigt, darüber abzuurteilen, denen der verstorbene Kaiser Wohlthaten erzeugte, und die nun sich „aller Dankbarkeit, selbst aller Billigkeit gegen einen Mann entbunden glaubten, der ihnen keine mehr erzeigen konnte". Das ging auf viele charakterlose Franzosen, auch auf manche ehemalige Rheinbüudler und andere Deutsche. Den Poli- tiker verrät in Lehnes Aufsatz besonders die Frage, was die Menschheit durch Napoleons Fall gewonnen und welche Wirkung das grosse Beispiel auf das Wohl der Völker, die durch ihn ge- litten, ausgeübt hätte. Dann folgen die in ihrer ungekünstelten Empfindung packenden Schlussworte, die den vielstimmigen Cho- rus der Pressstimmen bei dem Tode des Imperators würdig be- schliessen werden: „Wäre dieser Mann vor zehn Jahren gestorben, wie würden die Totenglocken durch halb Europa gesummt, wie würden alle Höfe die Trauer angelegt, wie würde ein anderer Fontanes ^) sein Rednertalent haben glänzen lassen, wie würden dile Ku-chen Frankreichs schwarz verziert worden sein^); welche Oden, welche Elegien würden wir gelesen haben ^). Nun gingen hinter seinem i) Der französische Akademiker Fontanes feierte bekanntlich den aaf der Sonnenhöhe seines Buhmes* stehenden Kaiser in zahlreichen Prächtoden und pomphaften Reden, später besang er mit gleichem Pathos die Bourbonen. 2) Und doch wurde auch jetzt, und zwar in Lehnes unmittelbarer Nähe, für den französischen Kaiser ein Trauergottesdienst abgehalten, der in seiner Einfachheit die ganze Tiefe des deutschen Gemütslebens offenbart. Dem „goldenen* Mainz gegenüber, unfern der Mainspitze, liegt, in die Wiesen des friedlichen Flusses gebettet, das Dörfchen Kost- heim, dessen Einwohnern der Franzosenkaiser einst bei einem Brande eine namhafte Unterstützung gewährt hatte. Als die Nachricht von seinem Tode eintraf, versammelte der Pfarrer beim Morgengrauen — es war gerade in der Erntezeit, und die Leute waren tagsüber stark beschäftigt — die kleine Gemeinde, um in dankbarer Erinnerung ein stillos Messopfer für die Seelenruhe ihres Wohlthäters dem Allerhöchsten darzubringen. Ein Zug naiver Frömmigkeit, der noch nach achtzig Jahren zum Herzen spricht. 3) Oden und Elegien haben trotzdem nicht gefehlt. Der Leser wird sich bald davon überzeugen. — 33 — Sarge einige treue Unglücksgefährten, vielleicht einige englische Offiziere, heimlich froh, der Sorgfalt seiner Bewachung überhoben zu sein, aber doch ergriffen von dem Schauspiele der Wandelbar- keit des Glücks. Anstatt eines kostbaren Mausoleums ist die Klippe, auf der er starb, sein Monument, schreckbar und gross wie sein Schicksal". III. Die fremdländischen Poeten. Wollte man den aus dem vorigen Kapitel bekannten Berichten französischer und englischer Zeitungen aufs Wort glauben, so wäre der Eindruck, den der Abgang des ersten Mannes der Zeit auf die Mitlebenden macht, ein verhältnismässig sehr geringer gewesen. Es mag das immerhin sein, wenn man ihn mit der Wirkung vergleicht, die Napoleons Tod hervorgerufen haben würde, wäre dieser inmitten der Kaiserglorie, in einem der Schlösser von Paris oder Versailles eingetreten, erst rechte wenn den Feldherrn im Artilleriefeuer, im Getümmel der Reiter- geschwader, selbst noch im letzten Carr^e der alten Garde bei Waterloo doch eine jener Kugeln getroffen hätte, die, wie er selbst an der Brücke von Montereau scherzte, nicht für ihn ge- gossen waren. Bedenkt man aber die thatsächliche Lage, so darf man im Gegenteil sagen, dass der Tod des einst Mächtigen auch unter den gänzlich veränderten Umständen einen Sturm erregte, dessen litterarische Spuren, wovon wir uns zum teil schon über- zeugten, stark genug sind, um auch ohne allzu tiefes Nachgraben noch heute leicht sichtbar zu werden. Die Gelegenheit ist zu verführerisch, um nicht auch einen Augenblick bei dem Benehmen einzelner hervorragender Personen zu verweilen, die dem Kaiser mehr oder weniger nahe gestanden und deren Aufführung bei dem Empfang der Todesbotschaft gewisse Blicke in die Geheimnisse des menschlichen Seelenlebens eröffnet. Um mit dem nach Napoleons Sturze mächtigsten Manne der Welt, dem Fürsten Metternich, zu beginnen, so spielte er den Blasierten, während er innerlich noch vor dem Schatten des Siegers von Wagram erbebte. „Dieses Ereignis", schrieb er an den öster- reichischen Botschafter Esterhazy nach London, „macht vielen ruchlosen Hoffnungen und Planen ein Ende, Es hat für die Welt kein anderes Interesse," Es musste doch wohl noch ein Holzhausen, Napoleons Tod. 3 — 34 -- y^anderes Interedse*^ haben; wamm hatte sonst dersejibe Mellei^i^] das eaglkche Mimsteriam beschworen» alle von St Helena askoior isenden Papiere unverzüglich mit Besehlag belegen zu lasse» ^)7 Audi der Kanzler Pasquier, einst Poliaieiprafekt untw, dem. Elaiser, jetzt Minister des Auswärtigen in Paris, glaubte behaupten, zu dürfen, dass die Erregung geringer gewesen sei» als man hallst glauben sollen. Gleich darauf giebt er freilich seinen Worten ein Dementi, indem er die Trauer der alten Waffengefährten als „rührend'' bezeichnet und einen hinreissenden Zug von dem einstigen kaiserlichen Adjutanten Rapp berichtet, der bei der Todesnachricht erschüttert zusammenbricht und — die Regung ehrt den indolenten Bourbonen — von König Ludwig XVIII. getröstet wird*). V Andreas Fischer, „Goethe und Napoleon,* 155. &) Buchholz zeigt sich als solchen besonders in seinem 1805 er* schienenen Buche „Der neue Leviathan*, vergl. Uolzhausen, „l^er erste Konsul Bonaparte und seine deutschen Besucher,* Bonn» 1900. (passim). Sogar 1806 äusserte Buchholz Befriedigung über den Sieg der Franzosen. (Varnhagen, Denkwürdigkeiten und verm. Schrr., I, 403.) — 3». — B^ild«naig der Teilßftbme^ die dse erscbultemde Eragnts all^-**- oirt^ gefunden und der er, d^ Sdireiber, nicht ferngestanden z«/ haben soheint^). Er erwähnt darin, dass „nichts von allem, vm»- daranf b^:echnet war, das Andenken cbs Hingeschiedenen za. bezeichnen, Beifall oder Abgang fand,'' dagegen „das olfentliebe^ Mitleid an seinem Grabe weinte.'* Versuche, das Andenken des Toten in wirklich unwürdijger Weise zu schänden, finden sich nur vereinzelt^ und sie erhielten durchweg die gebührende Abfertigung. Als- iji der Sitzung der ostmdisdien Kompagnie am 4. Juli ein Herr Lowndes dem Prä. sidenten zu der eben eingetroffenen Nachricht von dem Ableben* Bonapartes Glück wünschen wollte, wurde er von diesem » unter- brochen, und es ward dem taktlosen Menschen bedeutet, dass es impassend (,indecent*) wäre, das natürliche Ende eines politisch toten Mannes zum Anlass einer Gratulation zu nehmen®). In Prankreich konnten sich einige Ultras nicht enthalten, in obskuren Plugblättem ihrem Hasse gegen den „Tyrannen" noch einmal' X/uft zu machen; sie ernteten nur Verachtung. Diese äusswte «ich vernehmlich in der Deputiertenkammer, wo ein Herr Duplessis- Grenedan bei den Debatten über das Censurgesetz nur von einem ^»Usurpator" sprach und eine Stimme von den Bänken der Linken mit einem kurzen „Er ist tot!" den Sprecher zur Ruhe verwies. Auch die affektierte Gleichgültigkeit, die ein paar höhere preussi- sche Offiziere in Berlin bd dem Bekanntwerden der Todesnach- richt zur Schau trugen, empfängt von einem aufrichtigen Patrioten- wie Vamhagen eine derbe Rüge^). Zu diesen vereinzelten Ausbrüchen alten Grolles steht eine Volkslitteratur in merkwürdigem Gegensatze, die in Paris waltend: des Sommers und Herbstes von 1821 völlig, spontan aus 1) Fr. Buch holz, Historisches Taschenbuch; 7. Jahrgang, Berii»-,- 1823, 348 ff. Die Beispiele Hessen sich häufen. Hier nur noch eins t Donii- iiique de Pradt, der ehemalige Erzbisehof von Mecheln, ein Diplomat -in' I?apoleons Diensten, der später zu den Bourbonen übergegangen und sich endlich zur liberalen Opposition gesehlagen hatte, beeilt sich, in* fieinem Werke VEwrope et VAmerique en 1821 dem Kaiser folgende immerhin nicht ganz übel ersonnene Grabschrift zu setzen: ,Hier ruht; der sich von dunkler Herkunft zum ersten Throne Europas erhob, (He* Welt blendete und erschütterte und hierhin sank. Wanderer, wer Du- imch seiest, denk- an Napoleons Grab, und nie wirst Du vergessen, was» der Mensch ist.* 2) The Times, 1821, Nr. 11290. 3) Vamhagen, Blätter a.- d. preuss. Geschichte, 1, 388. 3* — 36 — der Erde schiesst, dann ebenso rasch wieder unter dem Boden verschwindet und heutzutage in Überresten unter den feinen dunkeboten Maroquinbänden der Nationalbibliothek ein be- schauliches Dasein führt, dessen fast säkulare Ruhe gestört zu haben ich mir zum Vorwurf machen muss^). Wem in diesen künstlerisch freilich meist wertlosen Reliquien zu blättern ver- gönnt war, nur der wird voll und ganz begreifen, wie tief das Bild des „straffhaarigen Korsikaners'' in die Seele des französischen Volkes gegraben wgr. Kaum ist die Todesnachricht nach Paris gekommen, so erscheint in den Läden der marchands de nouveaut^ Broschüre auf Broschüre, manche mit Trauerrand und rohen Em- blemen, aus denen der Schmerzensschrei des französischen Volkes über die unerhörte Schmach von St. Helena gellend zum Himmel dringt. Da erschallen Oden zum Preise des göttergleichen Helden, die den klassischen Versbau eines Fontanes vermissen lassen» aber auch nichts von der Falschheit dieses Dieners der Grossen wissen, der 1814 die Urkunde der Absetzung des vielbesungenen Kaisers redigieren konnte; am Grabe des Märtyrers trauert schwer- mütig die Elegie, angestimmt von der Witwe eines seiner tapfern Krieger; Stanzen und Romanzen, Couplets und poetische Prosa werden in Bewegung gesetzt, um sein Lob und der Engländer Bosheit zu singen. Da treten alte Soldaten an die Bahre des Mars, ein De Profundis wird von einem Invaliden angestimmt; zu diesen Graubärten gesellen sich zwanzigjährige Republikaner, ein Student der Rechte, in dessen etwas phrasenreicher Prosa die persönliche 1) Eine Besprechung allerdings nur eines Bruchteils der nach Napoleons Tode aus der Erde geschossenen Pariser Broschürenlitteratur lieferten die ^ Allgemeinen politischen Annalen'^yÖ Bd. 1822, 166 S. Auch die Zusammenstellung in der Bibliographie de la France ist wohl kaum ganz vollständig. Manches findet man nur gelegentlich in antiquarischen Katalogen, deren ich einige mit höchst wertvollem Material der Güte eines verständnisvollen Sammlers verdanke, des Herrn Maurice La Chesnais in Paris, Verfassers der hübschen Studie Lea Monologuea de' Napoleon /«»•, Paris, L. Baudouin, 1891, der mich schon öfter in uneigen- nütziger Weise durch Mitteilung hibliographischer Seltenheiten erfreute. — Abschriften der poetischen Stücke unter sorgfältiger Auswahl des- Wissenswerten hat mir durch Vermittelung des Herrn Carl Schneider,. Korrespondenten der „Köln. Zeitg.", einer von dessen Freunden auf der Pariser Nationalbibliothek besorgt^ der ungenannt zu bleiben wünscht,, obwohl seine Arbeiten grosses Lob verdienen. — Diese Tages- und Volks- litteratur musste aus ästhetischen Rücksichten und weil sie die ökonomie^ meiner Abhandlung gestört haben würde, in den Anhang verwiesen werden. Einzelnes ist an passenden Stellen in den Noten untergebrachte — 37 — Bewunderung mit den Antipathien des Politikers kämpft; junge Mediziner diskutieren über Krebs und Koliken; in welcher Be- ziehung und in welchem Tone sagen Titel wie: Les dix-neuf Cancei^s. Par Sans-g^ne, ^tudiant, nie des Bons Fran9ai8, und Les coliques et les Cancers^ lettre adressie aux rois par un hon» komme de lettres de la rue Charlot^), Besonders kommen die Apotheosen und Totengespräche einer Forderung des Zeitge- schmackes entgegen, und es ist naheliegend, dass man im Tartarus einen Hannibal, Friedrich und den grossen Ludwig gegen den Cäsar des neunzehnten Jahrhunderts ins Gefecht führt. Wir lassen dieses sinnverwirrende Feuerwerk unzähliger Raketen, Girandolen, kleiner und kleinster Lämpchen und Tiichter einstweilen draussen auf der Strasse von der wogenden Volks- menge bestaunen, um uns in den intimeren Kreis der vornehmen litterarischen Gesellschaft zurückzuziehen, in der die vrais pamas- siens einen „Fall" besprechen, der in seiner ungeheuren Tragik die Saiten der Dichterseele freilich in andere Schwingungen versetzen musste als die stumpfen Nerven eines alten Hofmannes und Kabinettspolitikers vom Schlage der Mettemich. Schon im Vor- wort war eine Namenliste der vorzüglichsten Männer aufgestellt worden, die ihre Karte auf des Kaisers Grab gelegt haben. Eine stattliche Deputation von der Aristokratie des Geistes, hinter deren Spitzen gleichfalls noch manche geringere Leute sichtbar werden, die es aber immerhin im Leben so weit gebracht hatten, dass die offizielle Litteraturgeschichte ihnen eine Anweisung auf ein kleines Stückchen Unsterblichkeit nicht wohl hat versagen, können. Freilich waren diese Kondolenzbesuche nicht alle gleich freund- schaftlich ; auch unter den Poeten fanden sich Leute ein, die wie jene erwähnten Royalisten mit herber Kritik, der eine und der andere selbst mit schroffer Verurteilung des abgelaufenen Lebens nicht zurückhielten. Unzweifelhaft am rücksichtslosesten war hierin Frankreichs grosser Lyriker Victor Hugo, der erst 1827 in der Ode an die Vendömesäule mit dem Schatten des Kaisers Versöhnung feiern sollte. Damals 'war der Neunzehnjährige noch ein eifriger Royalist, der zum Preise der königstreuen Vendeer und der Geburt des 1) Die genannten Schriften sind sämtlich Paris 1821 erschienen, die Broschüre des angehenden Juristen unter dem Titel: Les Aecents de la liherU au tomheau de Napoleon, Par un Etudiant en droit (Albin Thourel). ^ 98 ^ iletaaten Boufhouensprösslings ^meac Leier Saiten ertoaen lieaft' 4iuch in seinen Versen die alleriiöehste Iiei<^ des dickeii ^Ludwig XVXn. trauernd naeh d^ Konigsgruft von St, Denis ibcgleitete. Bei dieser hinreichend bekannten Q^innung das •Barden durfte man «in Loblied auf den Yeratorbeaen Kaiser, an Jessen iFeldzügen Vater und Oheim ruhmvoU^i. Anteil genonuB^i ^), 4caum erwarten. Hugos Strophen sind gereimter de Bonald. ^Buonaparte'^ ^) ersdieint in der gleichnamigen, März 1822 g^ dichteten Ode als eine Gottesgeissel, ein Lagerkaiser, ein Despot, ein Ungeheuer, das aus der „königmordenden Hjdra'^ der Reye- iution emporgewachsen ist. Seine Grösse — Victor Hugo ist denn doch kedn Pamphletenschreiber, und er wird sie nicht -schlankweg leugnen — ist nur die eines zerstörenden Genies» eine Inkarnation des Bösen: Oft durdi der Völker Beih'n ziehn ÜVfönner, die im Grimme Gott auserwählt, sein Fluch ist's, der sie hebt und trägt, Ihr Zug ist Ein Triumph, bis sie die Donnerstimme, Die sie berief, zu Boden schlägt. Von Nimrods Geist beseelt, erhab'ne Ungeheuer, Regieren sie mit Schwert und Feuer Die armen Völker schwerbedrüokt. Im freveln Ruhmesglanz, vernichtend Frucht und Blüten, Als Gottes Boten einst erseheinen sie — und wüten. Als hatte Satan sie geschickt Als einen tosenden Vulkan schildert Hugo den grimmen Korsen, und so lag es nahe, ihn, den alten Lavastrom, mit dem vulkanischen Felsen von St. Helena zu vergleichen. Von dessen Höhe leuchtet er als Pharus am Strande des Meeres. Diese eigenartige Vorstellung, die sich auch bei anderen Dichtem wieder- 1) Dem ersteren hat der Dichter die schöne Ode „An meinen Vater« : Weh, eine Leier nur, und nie wird mir ein Degen! und das rührende Gedicht „Nach der Schlacht ** gewidmet; die helden- mütige Teilnahme des Oheims an der Schlacht gleichen Namens schildert „Der Friedhof von Eylau*. Die letzteren beiden Gedichte in der „Sage der Jahrhunderte (La Legende des SieeleSj IV, 51 u. 55 ff. der Hetzei- schen Ausgabe). 2) Die aus mehreren Teilen bestehende Ode Buonaparte mit. dem Motto De Deo findet sich in den Ödes et baüades (Paris, Hetzeische Ausgabe), 67 ff., die Verdeutschung in: Victor Hugos sämtlichen ^odli- •schen Werken, deutsch Ton Ludwig Sjeeger, Stuttgart. 1860, II, 87 ff. tindöt^), hat Hugo in dem Buomtparte nur kurz tiugedeutfet. -Eine IntSteamTute Variante findet Bieh in den vier Jahre danach ^gedlcht^t^ „beiden Inseln"?): Auf beiden Inseln glaubt noch immer • Der Sdiiffer, der im Sturme wacht, Wenn eines Meteores Schimmer Um schwarze Klippen strahlt bei Nacht, Den finstem Kapitän mit Grauen Im Schatten, lang und starr, zu schauen, Die Arme vor der Brust verschränkt: Sein letztes Fest sei, dass im Streite Er jetzt die Wetterstürme leite. Wie er die Schlachten einst gelenkt. Als Soldaten erlaubt sich der neunzehnjährige Dichter den Lenker der sechzig Feldschlachten zu rühmen. Soldat, on vantait sa valeur, heisst es an einer Stelle. Was hätte es verschlagen, wenn ihm der bartdose Jüngling auch diesen Ruhm streitig ge- ^macht hätte ? Der Buonaparte ist und bleibt ja doch ein „falscher Gott", und die Völker müssen vor solchen Idolen gewarnt werden : Ihr Völker, die ihr huldigt gerne Den Henkern, wie dem Opferlamm: Gönnt seinen kurzen Glanz dem Sterne! — Es war kein echter Heldenstamm. Heroen, die der Tag vergöttert Und die der Nachwelt Fluch zerschmettert, Sie tauschen den nur, der nicht wacht. Das sind die nächtlichen Auroren, Durchzuckt von roten Meteoren, Nach denen keine Sonne lacht. Victor Hugo hat hernach pater peccavi gesagt. Ein Menschen- •Alter später hat er, in einer 1853 geschriebenen Vorrede, seine royalistischen Oden unter den Gesichtspunkt eines Entwickelungs- 1) Bei Lebrun und Byron z. B. 2) „Die beiden Inseln" (Lea deux lies), 132 ff. (Hetzeische Ausgabe) und II, 167 ff. der Seegerschen Übertragung. Wie in des Helden Leben, :bo spielen die Inseln auch in den Napoleondichtungen eine grosse Rolle. — „Die Mähr von den drei Inseln* hat, ein frühverstorbener Poet, Ludwig Heisenberg aus Erfurt, ein (in 2. Aufl.) 1839 ersehienenea -€ledicht auf Korsika, Elba und St. Helena genannt. Ein Exemplar des seltenen Bachleins ist aus dem Nachlasse einer nahen Verwandten,, dirr einstigen Braut des Verfassers, in meinen Besitz überge^ngen. — 40 — stadiams gestellt, sie mit der Kindheit des Marschalls Ney im Küferhause zu Saarlouis und der Postillonspeitsche verglichen, die Murat^ der einstige „Stallknecht^^ neben seinem Scepter gern gezeigt haben sollte. Schon 1825 spricht der Dichter in den „beiden Inseln'' in einem andern Ton von Bonaparte. Hier werden die sich schroff gegenüberstehenden Urteile über den grossen Mann vorsichtig gruppiert und unter gesonderten Titeln („Jubelhymne" und „Fluch") objektiv nebeneinander gehalten. Der Dichter selbst aber fand kühne, treffende Bilder, deren Wahrheit den alten Goethe ergriff*): Warum die Hand, die diese Zacken Getürmt, die Inseln, schwarz von Schlacken, Von fem schon drohend jedem Boot, Mit so viel Schauem hat umgeben? — Hier trat einst Bonaparte ins Leben, Dort fand Napoleon den Tod. Und eine andere Stelle hat Heinrich Heine so gefallen, dass er sie in wenig veränderter Gestalt in die blendende Prosa des Buches Le Grand aufnahm: Hier wird sein Name mächtig schallen, Zu diesen düstern Inseln wallen Einst staunend alle Völker hin. Die blitzzerschlagnen Felsentümie, Die Klippen rings, die wilden Stürme Sind nur Erinnerung an Ihn»). Zwei Jahre später folgt dann die feierliche Versöhnung des Dichters mit dem Heldenschatten in der prächtigen Ode A la Colonne '). In ähnlichen Gedankenbahnen wie Victor Hugo bewegt sich 1) Goethes Gespräche (Biedermann), VI, 2 (4. Januar 1827. Mit Eckermann). 2) ,Und Sankt Helena ist das heilige Grab, wohin die Völker des Orients und Occidents wallfahrten in buntbewimpelten Schiffen" n. s. w. (Heines Werke, Elster, 3, 160). s) Die weiteren Wandlungen Hugos in seinen Ansichten über Napoleon gehören nicht hierher , doch möchte ich kurz auf einen Vortrag hinweisen, den Her? üniversitätslektor Goetschy aus Giessen am 26. Februar, dem 100. Geburtstage des Dichters, über das Thema Victor Hugo et la legende napolionienne in der Aula der neuen Muster- .schule in Frankfurt gehalten hat. Eine Besprechung desselben war mir Tor Abgang des Manuskriptes in die Druckerei nicht mehr zugänglich. — 41 — auch Lamartine^), Royalist wie jener, ist er gleichwohl mass- haltender, was schon in dem reiferen Alter — er war zwölf Jahre früher geboren — seine Erklärung findet. Man mag es glauben, dass es ihm Ernst gewesen, wenn er ausdrücklich jede Absicht einer Kränkung des Toten von sich abweist: Doch Schatten, rege noch! Nicht sollst du von mir denken, Die stumme Majestät erschein' ich dir zu kränken, Nein! Keine Leier tönt, die Gräber zu entweihn. Sein Dach bot stets der Tod, dass Ruhm sich drunter rette! Verfolgen einen Ruf soll nichts zu dieser Stätte, Nichts, als der Wahrheit Wort allein. Aber es ist doch eine durch die Brille des politischen Geg- ners gesehene „Wahrheit". Freilich macht Lamartine ernstlich den Versuch, das, was ihm gut und böse, niedrig und erhaben n der Laufbahn des Soldatenkaisers erscheint, mit Gerechtigkeit gegeneinander abzuwägen: Was sonst die Erde liebt, das hast du stolz verachtet. Nach Herrschaft in der Welt und sonst nach nichts getrachtet. Dein Thun war Vorwärtsgehn, dein Feind das Hindernis; Dein Wille glich dem Pfeil, der durch die Lüfte gleitet, Zu fahren in das Ziel, zu dem der Blick ihn leitet, Selbst durch des Freundes Herz, gewiss. Von seinem Stoff halb wider Willen fortgerissen ^), lässt der Dichter den Siegeszug des neuen Alexander an seinem Leser . vorüberjagen : Mit einem einzigen Schwung dem Sieg im Wagen sitzen. Mit seines Ruhmes Glanz der Welt ins Auge blitzen, Volksführer, Könige zertreten auf einmal, das war ein Kinderspiel für den Gewaltigen, hinter dessen Herr- scherhöhe jäh und unvermittelt der Abgrund sich aufthut. Nur einmal lässt unser Poet dem Parteigeist allzusehr die Zügel schiessen. Napoleons harte Faust hat den letzten blühenden Zweig vom Stamme der Conde gebrochen, er hat in einer kalten Märznacht von 1804 den jungen Herzog von Enghien im Schloss- 1) Lamartines Bonaparte erschien in dessen Medilationa po^tiques, die Übertragung in: „Auserlesene Gedichte von Alphonse de Lamartine. Metrisch übersetzt von Gustav Schwab*, Stuttgart und Tübingen, 1826. Auch Johannes Scherr hat sie in seinen „Bildersaal der Welt- htteratur**, Bd. I, aufgenommen. 2) Auch Hugo ist das an einer Stelle des Buonaparte passiert (II, 88 der Seegerschen Übersetzung.) — '42 — graben zu Yinceimes erschiessea lassen. Diese von den franso- eischen Ultras €un lautesten verBchrieene That des Konsul-Generals, die der Marschall Ney mit seinem Blute bezalilt hatte, soll nun auch das Schreckgespenst sein, das den gefangenen Prometheus auf der öden Klippe unaufiiörlich martert: Ais wollt* er wischen weg ein Mal, ein hässltch Zeichen, Sah man ihn durch die Stirn mit rascher Hand sich streidien, Stets unterm Finger wuchs die blut'ge Spur jedoch. Poetisch ist ja so etwas erlaubt, nur erscheint die historische Wahrheit allzu schwer verletzt, was bei einem der unmittelbaren Vergangenheit angehörigen Stoffe immer misslich genannt werden muss. Gerade damals wurde die Enghienaffaire mit Vorliebe ab- gehandelt; die ehemaligen Teilnehmer an der Verhaftung des Herzogs, die Caulaincourt und Savary, machten verzweifelte An- strengungen, die Schuld von sich abzuwälzen, und auch der 'Ge- fangene von St. Helena hatte, wie Wardens „Letters" und die „Kapbriefe" beweisen, selbst in die Debatte eingegriffen. Aber in Lamartines Sinne hat er sich niemals zu der Sache geäussert, vielmehr noch in seinem Testament ausdrücklich erklärt, das& er unter gleichen Umständen den letzten Cond6 noch einmal würde erschiessen lassen'). 1 ) Nicht mit Unrecht hat der sterbende Kaiser auf die in die Zeit der Erschiessung Enghiens fallenden Mordpläne der Cadoudal und Ge- nossen hingewiesen, deren Fäden in der Hand des Grafen Artois, des Bruders und späteren Nachfolgers König Ludwigs XYIIL, zusammen- liefen. Die vielfachen Mordversuche der Royalisten von 1800, 1804, 1814 und 1815 gegen das Leben des Konsuls und Kaisers sollten neben der rücksichtslosen Politik der Zeit bei der Beurteilung des Enghien- fuUes mehr als bisber in Betracht gezogen werden. Besonders nahe stand Graf Artois der berüchtigten Cadoudalverschwörung von 1804, die neben dem gefürchteten Vendeerführer auch dem berühmten General Pichegru das Leben kostete. Noch 1815 machte ein Graf Gfaaavigny dem königlichen Prinzen den Vorschlag, den Kaiser auf Elba durdi einige Offiziere ermorden zu lassen. Ein interessanter Brief hierüber ist von dem italienischen Napoleonforscher Alberto Lumbroso 1896 in seinen Miscellanea Napoleonica (II, 151 ff.) veröffentlicht worden. Auch steht fest, dass der Gefangene von St. Helena Anerbietungen, ihn nach Amerika zu entführen, unter dem Hinweis auf die Dolche der Bourbonen, die ihn dort bald genug erreichen würden, abwies. — Vor Jahren bot ich einem angesehenen deutschen Verleger die Übersetzung eines namhaften französischen Werkes über Napoleon an, die er ledig- lich aus dem Grunde zurückwies, weil darin die Enghienaffaire in eiMr von der landläufigen Auffassung abweichenden Weise behandelt war. sancta .... — 43 — Auch der Scliliu» der 'Lamartmescfaen Dichtung kann nach -meinem Empfinden wenig befriedigen. Unser Poet spricht dfi viel von der göttlichen Verzeihung, und ermahnt die Völker, den Wert des Genius nur nach «einen „Tugenden'^ za messen. Eiiie ^Wendung, die an den salbungsvollen Ton der «iglischen Mini* :0terialblatter erinnert. Ursprünglich war die letzte Strophe trotz . der sonstigen frommen Worte in eine artige Pointe ausgdaufen : •Gerichtet hat ihn Gott: sein Sarg ist zu — geschwiegen! San Frevel, sein Verdienst sich in der Wage wiegen: Was ist der Mensch, dass dran mit sehwacher Hand er reisst? Herr, aller Gnade Hort, wer liest in deinem Buche? Und, Gottes Geissei, du, vielleicht nach sdnem Sprache, Für eine Tugend galt dein Geist! Dem Dichter kam das später freventlich vor, und so hat er die beiden letzten Zeilen in dem obigen Sinne geändert, worüber in der von ihm 1862 veröffentlichen Gesamtausgabe seiner Werke allerlei Erbauliches zu lesen steht ^). Alles in allem steht auch der Verfasser der „Meditationen" dem erschütternden Ereignis als Parteimann gegenüber. Sich in den reinen Äther der Objektivität zu erheben, blieb ihm ebenso- wohl versagt wie Victor Hugo, seinem Gesinnungsgenossen. Audi die Poeten der liberalen Richtung in Frankreich vermochten sich von dem Parteiprogramm nicht völlig freizumachen, als sie vor Napoleons Leiche standen. Zu ihnen gehört Delavigne, der kuvz nach Waterloo den französischen Ultras, die sich nicht entblödeten, die gefallenen Tapfem der Kaiserarmee mit unwürdigen Schmäh- ungen zu überhäufen, ein hochherziges: „Sie sind nicht mehr, lasst sie in Frieden ruhen!" entgegengerufen hatte. Für den ge- fangenen Feldberm hatte er schon 1818 in einer seiner patrioti- schen MessSniennes hinreissende Accente gefunden*). Auch in Deutschland fanden diese begeisterten und formgewandten Dich- 1 ) Es ist der Mühe ir ert, die beiden Schlüsse auch im Originaltext miteinander zu vergleichen. Die hübschen Zeilen: Et v dessen Werken ein ^^J^sches Gedicht sof Napoleons Tod*^ {Po^me ' lyriqtie sur la mort de Napol^cn) sich findet *). Unser Autor ist Pierre^Antoine, nicht zu verwechseln mit jenem anderen Lebnin, dessen Namen die Litteratorgeschichte dnrch die Beifügung des«- ^echisdien Dichternamens Pindar ein ebenso besceichneodeB • wie * schmückendes B^wori v^li^en hat Peter Lebrun war noch älter als Hugo und Lamartine. Erinnerungen eines reiferen Knaben- uod * Jünglingsalters^ unter anderem eine hübsche Schulsoene, im Pry- taneum zu 8t. Cyr^ bei der Konsul Bonaperte eines Morgens im Klassenzimmer erscheint^ sich aufs Katheder setzt und den Buben die Rhetorik abfragt, verknüpften sich bei ihm mit der Person des späteren Kaisers. Namentlich in den aditen Gresang seiner e^jwas weit ausgesponnenen Dichtung hat Lebran diese an^ sprechenden persönlichen Reminiscenzen verflochten: ,J)ü'S sagt' er einst, zum Knaben im Bchulhaus von St Gyr, Als ausgeruht er dorten vom Siegesheldentume, „Was ist dein Plan fürs Leben, mein kleiner Bursche hier?" Und ich entgegne: „Sire, zu huld'gen Deinem Ruhme." Auch später war Lebrun bei dem Kaiser beliebt Eine Ode auf die „Grosse Armee" hatte ihm von dem Herrscher, der der- gleichen gern horte und entsprechend zu honorieren wusste, ^e Pension von zwölfhundert Franken eingetragen. Ein Dankbare, zahlte, er die Schuld bei dem Tode seines Wohlthaters, und die Restauration quittierte durch Entziehung des kleinen Jahs- gehalts. Lebruns anmutige Dichtung ist ein episch-lyrisches Potpourri von fünfzehn Gesängen in verschiedenartigen Massen und frei«*' Gewandung, natürlich auch von nicht immer gleichem Werte. Wir wollen das Ganze ein wenig aus der VogelpOTsp^tive be- trachten. Gleich Mänzoni setzt der Dichter mit der Todesnachricht ein.- Das furchtbare Wort ist von zerschmetternder Wirkung, „die Weh* ist verödet" ^). Doch begegnet die Nachricht anfänglich Zweifeln.^ Sie that das in Wirklichkeit und noch lange Zeit Schriftlibhe Zeugnisse und die Tradition haben es übereinstimmend gemeldet^). 1) (Euvre8 de Pierre Lebrun, Paris 1844, IT, 17—42. 2) Fast mit denselben Worten hat sich Delavigne ausgesprochen. 3) Als im Jahre 1822 Gerüchte von Napoleons Wiederkehr auf' tauchten, sagteBdrne: «l^er fehlt nun noch, um von neuem die Tyrannei zu organisieren.** (Gutzkow, „Börnes Leben,** Ges. W., 6, 154^) Noch* - 47. — Ncttaeadicli liessen sich in. Frankreich die Haudegen von. der alten Garde den Glauben an des Kaisers Wiederkehr nicKt: nehmen, und . in Thüringen versetzte ihn die Volksphantasie, Altes. uimI Neues hadh beliebtem Manier verbindend und vernnsdiendf.. neben den Hohenstaufen Friedrich in den Kyf fhäuaer ^). Unserem Dichter aber verrät sein Genius die ganze traurige.' Wahrheit. Wie dem Lamartine kommt auch ihm der Gedanke^, dasa das im Grunde kein des grossen Kriegers würdiges Ende, gewesen sei. „Tragt Frankreich Trauer lun seinen Helden?** Es ist dem Dichter schmerzlich, die Frage verneinen zu müssen. Aber warum ist Napoleon auch nicht gestorben wie „daa Modell, des Glück«", der macedonische Alexander? Wäre der Pyramiden- erobcarer im Alter des Siegers von Arbela von seinem Si^esr* wagen in die Gruft gestiegen, wie schön wäre sein Leben gewesen! So hat er selbst im Tode noch Unglück, imd nicht einmal die Gruft in St. Denis wird ihm zuteil, die er sich in den stolzen, Herrsehertagen unter den KJönigsgräbern des hohen Domes zum letzten Lager auserwählt hatte ^). Umsonst also auch dieser Traum eines so grossen Lebens! Statt glänzenden Trauergepränges sieht man den ärmlichen Leichen-r zug. durch die Schluchten von Longwood dahinziehen. Unaufhörlich wechseln die Bilder. Wir hören die Klagen der alten Krieger um ihren Feldherrn, während das offizielle Frankreich schweigt, ja, sich von gallonierten Würdenträgem zu dem endlichen Tode des Gefangenen gratulieren lässt und. nur ein einsamer Denker — ' eben unser Pierre • Antoine — in. der. taufrischen Morgenfrühe die menschenle^'en Pfade des Yer- sailler. Schlossparks. auf- und nieder wandert, um dem Soldatenr kaiaer ein würdiges Grablied zu ersinnen. im russisch-türkischen Kriege von 1828/9 wollte man bei Varna und* Adrianopol einen kleinen Mann gesehen haben, in grauem Rock und dreieckigem Hut, der die Kanonen der Osmanen richtete (Gutzkow, „Sftkttlarbilder/ Ges. W., 9, 84)^ Auch B^ranger lässt in seinem ent- zftekenden Gedichte Le9 Souvenire du Feuple die alte Mutter voit dem: Traum einer Wiederkehr des Kaisers reden; Treitschke hat iu seinen historischen und politischen Auf* Sätzen, 4 A., 1871, 111, 151 über dieses merkwürdige Faktum berichtet. 2) Unstreitig passender ist für einen Napoleon die jetzige Ruhe- stätte im Dom der Invaliden unter den Tapfern des franzaher Byrons grimmiger Axg&r im Jahre 1813, ak der Kaiser, den er einmal, halb scherzend, halb im Ernst, seine „kleine Pa- .^ode" nennt, der zahllosen Feinde nicht mehr Herr zu werden •scheint, aber andererseits, statt dem Dichter wenigstens den ästhe- tischen Genuss eines Falls wie des Teufels im Muten oder einer «innigen gewaltigen Bühnenkatastropbe — 5. Akt 1 2. Scene eines Trauerepieis — zu gewähren, sich in langen Feldzügen imch und jiach vom Terrain drängen lässt. Das Aufblitzen des alten Feldherrngenies im Jahre 1814 erweckt in Byron noch einmal •die Hoffnung auf einen Umschwung; um so grösser ist sein Grimm, als der Riese bei immerhin noch nicht völlig aufgezehrten .Kräften die Waffen streckt. Mochten es andere grossartig finden, >dass, wie. der Text der Abdankungsurkunde und die Abschieds- worte an die alte Garde besagten, der Kaiser sich dem Glück void Frieden seines Landes geopfert habe; Byron war der An- sicht, dass, wenn die Giganten den Ossa auf den Pelion aitülpesi wollen, sie sich, wenns drauf ankommt, auch unter den Bergen begraben lassen müssen. „Der kaiserliche Diamant hat einen Flecken bekommen", isehreibt er am 9. April 1814 in sein Tagebuch, „und ist jetzt kaum gut ^nug für den Glaser". Selbst er, „ein kriechendes Insekt im Vergleich zu jenem Geschöpfe", würde ganz, ganz anders gehandelt haben ^). In dieser Stimmung sprudelt dem 1) Byron* 8 Works (neue Murraysche Ausgabe, von EarnestHart- ley Coleridge und Rowland E. Prothero), Journal^ April 9, 1814, 4* — 62 — Sänger des Childe Harold die berühmte „Ode an Napoleon Buona- parte" von den Lippen: s'ist ausi — Ein König gestern noch, Dem Könige gebebt, Und nun so klein! — gebückt im Joch, So jämmerlich — und lebt! Ist dies der Mann, der Welten stürmt, Der Berg* erschlagener Feinde türmt Und so am Dasein klebt? Nie fiel, seit jenem Lucifer, Teufel noch Mensch so tief wie er^). Das war's, dass er bei seinem Stul^ am Leben geblieben, das hat der Titan dem Titanen niemals vergeben, obschon Lord Byron im übrigen recht bald zu seiner ,.Pagode" zurückkehrte. Anno 1845 hofft er, dass der aus dem engen Kerker von Elba ausgebrochene Löwe den Monarchen des ancien regime^ die der Freiheitsmensch Byron von ganzer, aber auch von ganzer Seele hasste, das Leben noch einmal recht sauer machen werde; ja, der sonst so stolze Mann freut sich, dass der „Schurke" Bona- parte die von dem Poeten im Ärger hingeschriebene Ode durch die That widerlege und zu Schanden mache. Dann aber kam Waterloo, dessen Sieger Wellington, der steife Tory, von seinem genialen Landsmanne mit Spott überschüttet wurde, wofür neben anderen Werken Byrons allein schon der Don Juan Belege in Hülle und Fülle liefert. Diesen, seine herrlichste Dichtung, die des Verfassers soziale Stellung in England vernichtete, nennt er, im Anklang an Napoleons Schicksal „das Waterloo seiner Popu- larität". Er übersetzt französische Lob- und Trauergedichte auf den Helden und bereist beim Abschied von der Heimat in einer dem Wagen des Kaisers nachgebildeten Kalesche das belgische Schlachtfeld, das ihn zu den hinreissenden Strophen im Childe Harold (UI, 17 ff.) begeistert. „Hier fiel der grösste — nicht der schlimmste Mann", heisst es dort von dem Helden, der dem Dichter am Schreibtisch be- ständig über die Schulter sieht und daher an zahlreichen Stellen seiner Werke auftaucht, auch da, wo ihn der unvorbereitete Lehrer am wenigsten erwartet. Der Ton ist wechselnd, doch so, dass, Leiters, 1898, II, 409. Deutsch in: Lord Byron, eine Autographie von Eduard Engel, 3. A., Minden, 1884, S. 48. 1) Lord Byrons Werke, übersetzt von Otto Gildemeister,. III, 83, Works, Poetiy, 1900, III, 305. — öa — tiiotz vielfachen und recht herben Tadels, die Sympathien immer- hin vorzuwiegen scheinen, obwohl Byron die Gefangenschaft Na- poleons auf St. Helena fast weniger von der tragischen, als von der für seinen Helden schimpflichen Seite ansah. Auch der geistreiche französische Schriftsteller Henry Beyle (Stendhal) ^) hat bei seinem Verkehr mit Byron in Italien den Eindruck gewonnen, dass dieser sich im Urteil über den gestürzten Kaisei nicht gleich blieb. Nach dem Gesagten gewiss verständlich. Denn neben den Enttäuschungen, die Napoleon dem Dichter bereitet hatte, war der Politiker Lord Byron von jeher mit vielem unzufrieden gewesen, was andererseits der Mann mit der Herren- moral dem Übermenschen leicht vergab. Er, der für seine Person das Maximum individueller Freiheit beanspruchte, konnte mit dem Unterdrücker derselben nicht immer harmonieren, aber er mochte fühlen, dass an des Kaisers Stelle ein George Noel Gordon Byron vielleicht nicht viel anders gehandelt haben würde als Napoleon Bonaparte. In diesem Zwiespalt der Gefühle trifft ihn die Kunde von des Kaisers Heimgang. „Warum schreiben Sie nicht über Na- poleon?" fragt er am 2. August seinen Freund und politischen Gesinnungsgenossen Moore, „ich habe keine Stimmung, kein estro, es zu thun."^). Also auch Byron war, wie Goethe und Heine und wie in der Regel die wirklich grossen Dichter gegenüber den Tagesereignissen, bei Napoleons Tode nicht in „Stimmung." Das Datum dieses Briefes — Ravenna, 2. August 1821 — würde schon an und für sich hinreichen, die Unechtheit einer zu ihrer Zeit aufsehenerregenden Broschüre zu beweisen, die als- bald nach dem Eintreffen der Nachricht von Napoleons Tode in Paris erschien. Es handelt sich um nichts Geringeres als den Versuch, Lord Byron am Grabe des grossen Gegners der Eng- länder gegen die Behandlung, die jener von ihnen auf St. Helena erlitten, Protest erheben zu lassen. An und für sich gewiss keine unglückliche Idee, die aber insofern ungeschickt ausgeführt war, als der Fälscher, der sonst Byrons Gedanken über Napoleon hie und da trifft, dem Kaiser als eine Helden that auslegt, was Lord Byron ihm zum schwersten Vorwurfe machte, dass er nämlich 1) Correspondance in^dite de Stendhal, pr^c^d^e d'une introduction de Prosper Merim^ey Paris, 1855, I, xxn., u. ö. 2) Byran'a Works, Leiters, 1901, V, 336. — 54 — bei dem Zusammenbrueli des Jahres 1814 nicht freiwillig seinem.' Leben ein Ende gemacht habe^). 1 ) Die im Text besprochene Fälschung führte (in 4. Aufl.) den Titel : L» Mort de.NapoUony dühyrambe trctduü de Vanglais de lord Byron ; pr^c^d^ d'une notice sur la vie et la mort de Napoleon Bonapartef par sir Thomas Moore, Die Broschüre umfasste 31 Seiten , der Dithyrambus steht am Schlüsse. Eine mir zttgfingliche Besprechung mit einem längeren Citate findet sich in der erwähnten Sammelkritik von Pariser Flugschriften in den „AUgem. ppliti- schen Annalen", 5 Bd., 1822, S. 166 ff. Die dort mitgeteilten Stellen sind ein weiterer Beweis für die Grobheit der Fälschung. Auch Byrons Freund Moore hat sich {MemoirSf Journal and Correspondenee of I'homaa Moore, 1853, III, 255-6) zu der Sache geäussert. Die Broschüre, die noch 1901 ein Forscher wie Henri Welschinger (Lord Rosebery et NapoUouy p. 1 und 25) für echt halten konifte, wird dort, schon achtzig Jahre vorher, als a catchpenny, eine „ Buchhändlerspekulation " , bezeichnet. Eine der kräftigsten Stellen aus dem in einer Art poetischer Prosa ge- schriebenen Dithyrambus, die Welschinger (p. 25) citiert hat, lautet:: Le leopard Ort-il jamais devore' Vaigle qui tombe ä ses pieds, bless€ par la foudref 6 Idehetel 6 honte e'ternellel Ö Souvenirs pleins d'opprobre! . . Auffallenderweise findet sich im Britischen Museum kein Exemplar der Schrift, die, wie Moores Erwähnung beweist, 1821 in London bekannt ge- wesen ist. Wertvolle Hinweise in dieser Angelegenheit verdanke ich dem verdienstvollen Byronherausgeber Mr. Earnest Hartley Goleridge in Croydon (England). Letzterer machte mich auch auf einen leicht über- sehlichen, wiewohl im Grunde recht groben Verstoss im Titel aufmerk- sam, der sofort die Fälschung als solche erkennen lässt. Es ist das dem Namen Moore vorgesetzte sir, eine augenscheinliche Verwechselung des Dichters mit dem Verfasser der „Utopia'^, dem Freunde des Erasmus. Offenbar ist die Schrift, die reissenden Abgang fand und schnell hintereinander fünf Auflagen erlebte, das Werk eines Franzosen. Mit Anlehnung an sie schrieb ein Herr de Lavillemeneuc ein Gedicht: Le dermer j^mr du eaptiff par un ancien mililaire, dessen Verfasser Lord Byron am Schlüsse sagen lässt: Et moif fils d'Albiony la mire des noireeurs, Lg, mhre d^un forfait que Vunivers de'ieste Je veux caeher ta honte^ et la eouvre de ßeurs, Byrons Name wurde von den Pariser Broschürenschreibern noch weiter missbraucht. Im August 1821 starb bekanntlich die unglückliche Ksroline von Braunschweig, die Gemahlin des früheren Prinzregenten und damaligen Königs Georg IV. von England. Der skandalöse Ehe- scheidungsprozess gegen die Königin, und ihre Behandlung durch den gekrönten Wüstling liess auch diese Fürstin als ein Opfer Englands erscheinen, und so brachte man sie mit Napoleon zusammen und legte wieder Byron, dessen Stellung zu dem Kaiser und zum Torytum be- kannt war, eine diesbezügliche Dichtung in den Mund : Encore une vietimCf ou Caroline de Brunswick, reine d^Angleterre, tradttction de Vanglais de lord Byron, Aoüt 1821. (Vergl. auch das dem Kreise der Totengespräche an- gehörige Scbriftchen : Napoleon et la reine d*Angleterre aux bords du Styx, — 55 — Für den ecbten Lord Byron, ist es nuii aber äusserst be- zeichnend, dass sich- dfe Stimmung, über I^apoleon zu, schreiben, bei ihm fanQ, als er im Jahre 1823 seine zornfunkelnde Satire „Die bronzene Zeit" ^) {The age of bronze) — neben der „Vieioa des Gerichts" die glänzendste Persiflage des Zeitalters weiland König Georgs III. '■ — in Angriff nahm. Zwischen die Zeilen dieses unbarmherzigen Spottgedichtes hat Byron dem. Besiegten von Wat»loo das Totenlied geschrieben : Und wo ist er, der Spätre, Grösere noch. Der Sohn des Volks, der Fürsten spannt' in'» Joch, Sesostris ^eich? — dess Kön'ge, losgezäumt, Als ob sie Flügel hätten, stolz gebäumt Den Staub zertreten, wo sie gestern stöhnten, Gekettet an die Deichsel des Gekrönten. * * * Seht da das grosse Ziel — der Fels im Meer! Weint oder lächelt, — beides passt hieher. Seufzt, wenn des Adlers stolze Wut zum Schluss An seinem engen Käfig nagen muss; Lacht; wenn der Bändiger der Nationen Nun täglich keift um streitige Rationen; Weint, wenn er trauert, weil beim Mittagsmahl Der Wein zu knapp ist und die Kost zu schmaL Der klein um Kleines zankt, ist dies der Mann, Der Könige peitscht' und sie traktierte dann?' Seht, welche Wage wägt ihm Glück und Fluch: Ein fehlend Brustbild, ein versagtes Buch, Ein Brief des Arztes, Schnickschnack eines Grafen Lässt ihn, der einst die Welt wach hielt, nicht schlafen. Ist wirklich dies der Bändiger der Grossen, Den nun die Kleinen ärgern und erbossen. Dialogue. Aoüt 1821.) Beiläufig bemerkt, hat auch der im U. Kapitel »wälmte Alexandre Barginet, Verfasser der Eeponae aux jovmoMx eonire-revolutionnaires , damals eine Schrift verfässt, in der die beidei» Opfer zusammengestellt werden: De la reine (VAngleterre et de Napoleon Banaparte, toua deux morU d'un cancer. (22 Seiten.) 1) Deutsch von Gildemeister, Byrons Werke, III, 231 ff.; der eng- lische Text in der Mooreschen Ausgabe, XIV, 1833, 263 ff. In der Ausgabe von Coleridge ist er in der Stunde, wo ich dieses schreibe^ noch nicht erschienen. — 56 — Der lump'ge Schliesser, des Spions Besuch, Der fremde Gaffer mit dem Tagebuch?^). Keiner hat so wie Byron das Elend des Grefangenen der Welt preisgegeben. Man merkt die Küchengerüche von Longwood, les odeurs qui trament, wie Zola in der Poesie des Naturalismus sagt Den Dichter ekelt dieser schauerliche Kleinkram, der ein Heldenleben in Schmutz und Gestank zu ersticken droht*). Aber — der Adler bleibt auch im unsaubem Käfig der König der Lüfte, und der Pensionär der Engländer nimmt doch als Held von der Erde Abschied: Am Bette stehn die letzten Freund' umher Und, ach, das Bild des schönen Knaben, der Den Vater nie umarmen soll; — der Geist Erlischt, der lang die Welt hinriss und reisst: Doch lächelt — seine Kette bricht der Aar, Und höhre Welt ist sein, als diese war. Trotz der unverkennbaren persönlichen Sympathie ist Byron mit seinem Napoleon keineswegs zufrieden: • Wenn dieser Geist auf seiner Stemenfahrt Bewusste Dämmrung seines Ruhms bewahrt, Wie muss er lächeln, wenn er dort entdeckt, Wie klein das Ziel war, das er sich gesteckt! Die Worte haben an der Stelle, wo sie stehen, etwas Über- raschendes, da doch der Sänger der „bronzenen Zeit" wie Manzoni und Lamartine die Gelegenheit nicht vorübergehen lässt, ohne in kräftigen Grundstrichen die Kriegerlaufbahn Bonapartes von den Alpen und Pyramiden bis Moskau, Lützen und Waterloo noch einmal vor den Leser hinzuzaubern. Doch ist freilich der Zweck auch dieser an blendenden Schönheiten reichen Schilderung kein panegyrischer. Neben geistreichen Bosheiten gegen die ver- bündeten Mächte und ihre Führer, bei deren Bekämpfung der Dichter natürlich wieder auf des Korsen Seite steht, klingt fort- 1) Die Anspielungen werden aus dem ersten Kapitel grösstenteils verständlich sein. Der Arzt ist O'Meara, der Graf Earl Bathurst, der Schliesser natürlich Hudson Lowe, der „Gaffer mit dem Tagebuch* ein Kapitän Basil Hall, der auf einer Chinareise in Longwood vorsprach, von Napoleon empfangen wurde und die von dort mitgenommenen Eindrücke in einem Buche Voyage to Loo-ehoo niederlegte. 2) Es verdient indes hervorgehoben zu werden, dass das, was in diesem Kleinkriege gegen Lowe Politik Napoleons war, von Byron als solche nicht verstanden oder absichtlich ignoriert wurde. — 57 — während das Bedauern durch, dass dieser Grosse, der es doch gekonnt, der Welt die Freiheit nicht geschenkt habe: Ach, dass auch er den Rubicon betrat. Den Kubicon erwachter Menschenrechte, Genoss des Königspöbels und der Knechte! Über die Vorliebe des Individualisten für den aus ähnlichem Metall gegossenen Kraftmenschen siegt hier der liberale Politiker; auch ein Byron lasst sich zu dem alten unpassenden Vergleich mit Washington^) verleiten: Ein einziger Schritt fürs Recht hätt' ihn verklärt Zum Washington der Welt, die er verheert; Ein Schritt zum Unrecht machf aus seinem Ruhm Des Zweifels und der Winde Eigentum. Und so schliesst denn der Dichter seine Apostrophe an den Toten mit den tieftraurigen Worten: Indes selbst Spaniens beutegieriger Geist Pizarro schmäht und Bolivar lobpreist, — Wogt, ach, das Meer, das ihnen Freiheit gab, Dasselbe Meer, um ein Tyrannengrab ! Der Fürsten Fürst und doch nur ihr Satrap, Er, der die Ketten riss uralter Schmach, Erneute selbst das Joch, das er zerbrach, Zertrat Europas Recht und seins zugleich, Und schwebt nun zwischen Kerkerhaft und Reich. Getäuschte Hoffnungen, die der Tote einst erweckt hatte, sie waren auch das Leitmotiv in den ganz eigenartigen Strophen, die der Heimgang des Kriegshelden dem Sängermunde Shelleys entlockte^). Shelley, der zarte Poet, feinsinnig wie kaum ein Brite vor oder nach ihm gewesen, dessen glänzende Phantasie für die i) Schon 1804 hatte der Berliner Dichter und politische Schrift- steller Julius V. Voss („Beleuchtung der vertrauten Briefe des Herrn J. F. Reichardt über Frankreich,* 74) auf die Verschiedenheit der Ver- hältnisse Frankreichs und Nordamerikas hingedeutet; später wies Jo- hannes Weitzel („Napoleon durch sich selbst gerichtet," Frank- furt a/M., 1829, 159) mit demselben Hinweis den Vergleich zwischen N. und W. ab. 2) Zdnes wüten on Hearing tke News of the Death of Napoleon^ in: The Poetical Works ofPercy Bysshe Shelley ed. by Harry Buxton Freemann, HI, London, 1877, 99 ff. Deutsch („Als ich die Nachricht von Napoleons Tod bekam") in: Percy Bysshe Shelleys Poetischen Werken in Einem Bande, aus dem Englischen übertragen von Julius Seybt, Leipzig, 1844, 341. — 58 — Menschen der Zukunft einen Himmel auf Erden erttfiamte, den sein überquellendes Herz ihnen wünschte, hat den Bevuf Napo«- leons als eines riesigen Erschütterers begriffen, dessen vulkanische Natur so glühend gewesen, dass Mutter Erde, die früher wie ein gefrorenes Chaos zusammengeballt dia lag, vor dem Hauche des Mundes ihres grösst«n Sohnes erwärmte. Aber diesa: Greiat hat für Shelleys Ideale nichts geschaffen; er ist dahingegangen: Sein wildester Geist rollt* durch Blut Und Entsetzen und Graus und Gold Zum Tode — eine vernichtende Flut, und so sollen die Hoffnungen, „die sein Ruhm nicht erfüllt, in seine Schmach zusammengewoben werden." Wir wollen Shelley nicht tadeln, den tiefsinnigen Schwärmer, den das Meer so bald verschlang, aus dem der korsische Brojize- koloss emporgestiegen war. Hätte dieser glühende Republikaner, der, in Rom geboren, an Cinnas Seite gewesen wäre, dem Cäsar Augustus gerecht werden können? Ebenso wenig wie von Shelley steht ein Loblied auf Napo- leon von Alexander Puschkin zu erwarten. Einmal schon des- wegen nicht, weil dieser byronisch liberalisierende Dichter, zu dessen Lieblingsschriftstellern, die in der Jugend seine Richtung be- einflusst hatten, auch der Republikaner Ch^nier gehört hatte, wie vorauszusehen, dem Konsul-Diktator und Kaiser den 18. Bru- maire und die Krönung in der Notre-Damekirche nicht verzeihen konnte. So heisst es denn auch in Puschkins „Napoleon" ^) : Als von der Hoffnung Morgenrot bestrahlet^ Die Welt von Sklaverei erwacht, Der Gallier mit der grimmen Rechten Den alten Götzen umgestürzt; Als auf dem aufruhrvollen Platze Im Staub des Herrschers Leichnam lag, Der grosse Tag, der einstmals kommen musste. Der Freiheit lichter Tag brach an: 1) Das Gedicht, mit der Jahreszahl 1821, ist auch wohl in diesem' Jahre verfasst. Russisch in der Ausgabe der Werke, St. Petersburg, Komarov, 1887, T, 281 ff. Da es in den Übersetzungen Puschkinseher Dichtungen von Lippert (1840), Bodenstedt (1854), Löwe (1870), H. L. Schmitt (1873), auch in der neuesten von Friedrich Fiedler, fehlt und mir andere Übertragungen zur Zeit nicht zugänglich waren, so hat der ausgezeichnete Kenner des Russischen, Herr Professor F. Solmsen in Bonn, sich in dankenswertester Weise der Mühe unterzogen, das lange Gedicht für mich zu verdeutschen. — 59 — Da in der Völkerstürme Wogen, Vorahnend eignes wunderbares Los, Hast du in ihren edlen Hoffnungstrieben Verachtung für die Menschheit nur gekannt Du hast geglaubt mit frecher Seele Ans eig'ne Glück verderbenschwer, Dich' hat des Herrschene Gier geblendet Mit Glänze, von Enttäuschung voll. Du hast dem neuerstand'nen Volke Gebändigt jugendliches Ungestüm; Stumm ward die neugebor'ne Freiheit Mit eins und ihrer Kraft beraubt. Inmitten Sklaven hast dit, bis du trunken, Den heissen Durst nach Macht gestillt, Die Heeresschar'n geschleppt in Schlachten, Mit Lorbeern ihre Ketten aufgeputzt. Aber noch aus anderen Gründen konnte Puschkin dem Hel- den nur gram sein. Trotz seiner byronischen Anwandlungen war der Urenkel des Leibmohren weiland Sr. Majestät des Zaren Peter I. ein Stockrusse, der in dem Sieger von Eylau, Fried- land und Borodino nur den Feind des „heiligen Russland" sah. Ein Beweis dafür sind die zornfunkelnden Strophen in den „Er- innerungen in Zärskoje-Sselo" ') : Erhoben hatte sich des Weltalls Geissei; drohend Schwang er das Schwert, der Kaiser, den Verrat Gekrönt und Frechheit, und es strablte blutig lohend Des Krieges Fackel seinem Pfad. Auch später noch hat Puschkin die Schatten Kutusows^ und Barklay de ToUys, der Führer im „vaterländischen" Kriege, in einer Weise angesungen, die über den Wärmegrad seiner russisch-patriotischen Gefühle keinen Zweifel zulässt^): 1) Gedichte von Alexander Puschkin. Im Versmass der Urschrift von Friedrich Fiedler, Leipzig, Keclam, 17. 2) Gedichte, 111 und 125. Auch verdient bemerkt zu werden, dass, während der, wie wir sahen, napoleonfreundliche Liberalismus 1830 für das unglückliche Polen eintrat, und unter den in diesen Blättern er- wähnten Dichtern die B^ranger, Platen, Ortlepp Polenlieder dichteten, Puschkin diesen und allen Sinnesverwandten seine energischen Strophen „An die Verleumder Russlands'' entgegenschleuderte, in denen er übri- gens bei seinem Pochen auf die Stärke des Zarenreiches den Mund etwas gar zu voll nimmt. Aus diesem nationalen Gegensatz entspringt auch — 60 — Hier schlummerst du, gewaltiger Held, Der Krieger Abgott du im Feld, Du Wacht am heimischen Altare, Du Feindvemichter, edler Geist, Du letzter aus der Schar der Aare, Die Katharinas Thron umkreist. Da wird es denn nicht überraschen, dass unser Dichter, der den Frieden von Tilsit als eine ungeheure Schmach für die Seinen fühlt und dem übernationalen Cäsar ganz richtig den Mangel an Verständnis für das Empfinden der Völker vorhält: Wie hast der Russen Herz du nicht verstanden Von deiner kühnen Träume Höh'? beim Einbruch der fremden Heerscharen von 1812 an das Herz des Vaterlandes und das grosse Moskau appelliert: O Kussland, kampfesmut'ge Herrin, Gedenke deines alten Rechts! Von Austerlitz die Sonne soll erlöschen! Flamm' auf, mein grosses Moskau, du! Hereingebrochen sind jetzt and're Zeiten; Verschwinde von uns, kurze Schmach! Dein Moskau segne, Hand der Russen! Krieg ist's ; bis an das Grab reicht unser Bund. So zeigt Puschkins Gedicht vornehmlich an der Stelle, die als sein Höhepunkt bezeichnet werden darf, eine ausgeprägt rus- sische Färbung und unterscheidet sich hierdurch charakteristisch von den meisten Poesien der nicht französischen Autoren dieser Stoffgruppe, die Leben und Tod des hypemationalen Helden durchweg oder doch vorwiegend mit kosmopolitischer Weitherzig- die Abneigung gegen den Imperator. Nur einmal hat Puschkin dieser Einhalt geboten. Doch im Grunde nur scheinbar. Zwar wird in dem 1830 geschriebenen Dialoge „Der Held* (S. 107—109 der Fiedlerschen Ausgabe) der General Bonaparte wegen seines Besuches im Hospital der Pestkranken zu Jaffa (1799) gepriesen: Beim Himmel : wer so kalt und fest Dem schwarzen Tode kann begegnen Um andrer willen, ist ein Held! Aber das Lob verliert an Wert, wenn man weiss, dass es eigentlich an eine andere Adresse gerichtet war, die des Zaren Nikolaus I., der Moskau während der bekannten furchtbaren Choleraepidemie besucht hatte und dem gegenüber sich der Dichter wegen seiner Amnestierung zu unterwürfigem Danke verpflichtet fühlte. — 61 — keit behandeln. Von Deutschen hat nur der Preusse Stägemann — und nicht einmal der so ganz — wie Puschkin empfunden. Dieser verweilt mit Befriedigung bei dem Untergang des grossen Heeres und geht dann auf den Fall seines Führers über. Nun folgen Strophen, in denen sich mehr internationale Ge* meingefühle spiegeln und die daher mehrfach Anklänge an die Stoff verwandten Poesien der anderen Dichter und Länder zeigen. Der ,,Tyrann" ist unter den Flüchen der Völker zusammengebro- chen, St. Helena ist seine Busse; die Gedanken an einstige Grösse, die Sehnsucht nach seinem Kinde finden sich auch hier. Selbst der Schiffer fehlt nicht, der nach dem Felsen des Inselkerkers schaut, wo der Gewaltige geschmachtet: Das heisse Eiland, seinen Kerker, Ein mitternächtiges Segel sucht es auf. So ist der stolze Russe dem, wie er leise durchschimmern lässt, vom Unglück geläuterten Feinde gegenüber zusehends freundlicher geworden, und auch seine herbe Dichtung, der eine würdevolle Haltung übrigens nicht abgesprochen werden kann verklingt in sanften MoUaccorden: Mag denn bedeckt mit Schande werden, Wer niederen Sinns an diesem Tag Mit thorenhaftem Vorwurf störet Den Schatten, der der Krone bar! Ihm Lob ! . . . Er hat dem Volk der Russen Gewiesen ein gar hohes Los Und hat der Welt aus dunklem Banne Die ew'ge Freiheit nur vermacht Viel unparteiischer als alle Genannten stehen dem Andenken Napoleons ein paar nordische Dichter gegenüber, deren Heimat nicht so unmittelbar von den welterschütternden Ereignissen, die sein Auftreten zur Folge hatte, berührt worden war wie das übrige Europa und denen es daher nach Gottlieb Mohnikes An- sicht leichter sein musste, „den Helden des Tages bloss in der Grösse seiner Bestrebimgen und Thaten vor Augen .zu behalten." „Er selbst musste vor ihren Augen", sagt dieser Kenner der nordi- schen Litteratur ^), „mehr als Ideal dastehen, in der Grösse seines Ruhmes; weil sie dem Räume nach von ihm getrennt waren, so war und blieb er ihnen bloss mehr eine grosse historische Er- 1) In seinem „Napoleon, Stimmen aus dem Norden und Süden*, Stralsund, 1829, S. 70. — B2 — iGkemung, and insofern i^nden sie steh in der .Gegenwart hwr .fiicliAlich seiner gewisaermaesen schon auf dem .Btand|mnkt., ftttf «weilehetn in anderen Ländern «rst die Fcägezeit :getrefeen -ist -eider jtodi treten wird'^ Diesen Btondpunkt nahm sehr Irühe .fsohfin -der bedeutendste schwedische Dichter Esalas Tegn6r ein., «der in prächtigen Strophen (,J)er Held"), den 1813 mit der Madd; Eurc^as Bingenden feiert, dann in «einem Liede ,,Da8 Neujahr . 1816^' auf Kapoleons Schicksal anspielt und noch am JB^de ^aeines Lebens gegen die Überführung der kaiserlidien Leidie Ton Bt Helena nach Paris aus poetischen Gründen ein Veto einlegt^). Unmittelbareren Bezug auf des Kaisers Ende hat eine Dichtung des in Deutschland wenig bekannten Karl August Nicander (1799 — 1839), der auch „Napoleon in Moskau" besungen und später eine Apotheose des Kaisers *) geschrieben hat. Unter seinen 1625 herausgegebenen ,jGedichten** ®) führt eines, „Napoleons Monolog***), »ach 8t Helena. Die Erscheinungszeit d^ Sammlung legt die Vermutung nahe, dass dies^ Monolog unt^ dem £Ua- druck der Todesnachricht entstanden ist. Die in dem Gedichte vorherrschende Luftstimmung zeigt mit Robert Griepenkerls weit späterem Drama „Auf 8t. Helena" einige Verwandtschaft. Nicander führt den Leser nach jenem romantischen Thale von Hudsgate, dem es bestimmt war, als die Buhestätte eines Napoleon unter den klassischen Stätten der Poesie und Geschichte fortan eine Bolle zu spielen. Der gefangene Kaiser hat mit dem jungen Las Cases, dem sechzehnjährigen Sohne seines treuen Begleiters, eine Wanderung in den Thälgrund gemacht, sie haben sich nieder- gelassen und der Jüngling ist eingeschlafen. Vor Napoleons Auge .aber steigt das trübe Bild seiner hoffnungslosen Lage auf: Es geht zum Ziel — zum Ziel mein Leben gleitet ... i Es hätte anders sein können. Könnte er noch einmal wieder zurück, er würde es besser gestalten: 1) Tegn^rs ^^Held" bei Mohnike, a. a. , 15 ff. und in ,Esaia3 Tegn^r's kteineren Dichtungen, aus dem Schwedischen von Ernst Theod. Meyerhoff% Berlin, 1837, 86 ff.; die drei genannten öi- sammen in : „ Sämtliche Gedichte von EeaiasTegn^r, aus dem Schwedi- schen von Gottlieb Mohnike,' Leipzig, 1840, I (Kleinere Gedicht«). 2) Unter dem Titel: Lejonet i öknen (Stockholm, 1838). 3) Dikier af Karl August Nicander, Första Haftet, Stockholm, 1825. *) Schwedisch in der genannten Sammlung, 8—12, deutsch und schwedisch bei Mohnike, Stimmen, 31 ff. . — ,63 — Aeb dürft' ,er einmal, einmal nur nooh schweben, Erei um die Welt, wie einet, in stolzer Praobt, An je^m IFlugel einen Sturm, sich heben, In jedem JBUoke einer 'Sonne Macht! Der Menschheit würd' er :zeigen andre Pfade, Noch bringen würd' er, nacb des Dunkels Weh, Hell einen Tag, der gleich der Iliade, Müd einen Abend, gleich der Odyssee. Des Friedens goldne Biene würde kehren, Sich in des Sieges Purpurblume nähren. In dieser schönen Stelle sehe ich mit Mohnike den Kern des Gedichtes. Das waren Ideen, die oder denen ähnliche Napoleon wirklich auf St. Helena geäussert hat und die aus den von ihm eingegebenen Schriften und den nach seinem Tode ver- öffentlichten Berichten der Gefährten in die Öffentlichkeit ge- kommen sind. Schon bei der Rückkehr von Elba hatte er den Frieden proklamiert, und das Schwert wäar ihm — diesmal wenig- stens — in die Hand gezwungen worden. In der Gefangenschaft hat er dann eine Ära des Friedens und der Freiheit als das end- liche Ziel seiner Kämpfe bezeichnet*), und das wirkte derartig, dass die sentimentale Legende der zwanziger und dreissiger Jahre schliesslich in ihm nur noch einen liberalen Menschenfreund erblickte. Auch Nicander hat offenbar an ein letztes hohes Ziel in der Brust des Mannes geglaubt, in dem so viele Historiker nur die „Eroberungsbestie" sehen wollten. Daneben bewundert er aber auch das wirkliche Tagewerk des Mannes, Der Werke für die Ewigkeit vollbrachte. Sich eine Welt von Helden schaffend sprach, Der Tag* und Nächte für die Menschheit wachte. Des Wahns und Aberglaubens Scepter brach. Das durfte der protestantische Schwede sagen; in Spanien, Tirol und Italien, wo diese Kämpfe gegen mittelalterliche Borniert- heit stattgefunden hatten, wären Censur, Polizei oder Inquisition dazwischengefahren. Neben so trefflichen Stellen ist freilich Nicanders Gedicht auch nicht frei von Unklarheiten, die indes den harten Tadel, dem es in Wolf gang Menzels Litteraturblatt begegnete, immerhin 1) Dass Napoleon gewaltige Friedensziele vorgeschwebt haben — es ist eigentlich lächerlich, bei einem solchen Geiste daran zu zweifeln — beweist seine reformatorische und Organisationsthätigkeit während — 64 — kaum rechtfertigen dürften^). Dem Schweden Nicander erging es in dieser Beziehung wie dem Deutschen Immermann'), der auch nicht recht wusste, wo er seinen monologisierenden Heiden zuletzt unterbringen sollte. Wie ihn Immermann als Ahasverus wandern lässt, so weist ihm Nicander eine Kometenbahn zu, die kein Astronom jemals erkennen würde. Das Unf assbare, das Rätselhafte dieses Lebens, woran sich der schwedische Dichter vergeblich abmühte, hat einige Jahre später der geniale Busse Lermontov kurz und klar in den vier Zeilen ausgesprochen: Er war des Zufalls Kind, es glich sein Streben Der Elemente rätselvollem Drang, Und ein Geheimnis bleibt sein Seelenleben, Der Aufgang seines Sterns und Niedergang®). Dieses ungelöste Rätsel — und für die damals Lebenden ist das Bonaparte auf alle Fälle gewesen — forderte zur Bescheidung des Urteils auf, wenn nicht zur Enthaltung. Möglich, dass Groethe auch aus diesem Grunde bei Napoleons Tode seiner Muse Schweigen gebot und sich mit Übertragung von fremden Gedanken be- gnügte. Und welcher? Alessandro Manzonis, in dessen klas- sische Ode Lob und Tadel des Verblichenen keinen Eingang gefunden haben. des Konsulats. Auch als Kaiser hat er sich noch oft in diesem Sinne geäussert. So 1811 in Düsseldorf; „Wenn wir mit dem Krieg zu Ende sein werden — Gott wolle, dass es bald geschehe — müssen wir ans Werk gehen, denn wir haben bis jetzt nur Provisorisches geleistet" (Redlich, „Die Anwesenheit Napoleons I. in Düsseldorf im Jahre 1811,'* Düsseldorf, 1892, 42). Aber er musste vorher mit England fertig werden. Wanim, dürfte den Zeitgenossen Chamberlains doch begreiflich sein, auch wenn sie die geistvollen Aufsätze von Lenz und Roloff nicht gelesen haben. 1) Stuttgarter Litteraturblatt, 1830, Nr. 104. 2) Vergl. Kapitel IV. 3) Gedichte von M. J. Lermontov, im Versmass des Originals von Friedrich Fiedler, Leipzig, Reclam, 27. Das Gedicht, ,St. Helena '', stammt aus dem Jahre 1830. Beiläufig bemerkt, stand L. dem grossen Gegner seines Vaterlandes weit freundlicher gegenüber als Puschkin. Ein Patriot wie jener (vergl. sein „Borodino", Fiedlersche Ausgabe, S. 47—50) hatte er gleichwohl das Elend des Krieges von 1812 nicht mehr aus eigener Anschauung kennen gelernt; zudem wirkte bei ihm die „Legende* in Person, denn sein Jugenderzieher Capet war ein alter Offizier der Kaisergarde, der in RussJand in Gefangenschaft geraten und dort geblieben war. Ausser dem Gedichte „St, Helena* — 65 — Nicht dass etwa Manzoni „jenseits von Gut und Böse" ge- standen hätte. Er war im Gegenteil ein frommer, auch in kirch- lichem Sinne frommer Mann, der sich von einer anfänglich freieren Richtung längst zum strengsten Katholizismus bekehrt hatte, als er die berühmte Ode II cinque Maggio dichtete^). Diese selbst legt für seine tadellose Katholizität nicht weniger Zeugnis ab als sein weltbekannter Eoman „Die Verlobten", und die Thatsache, dass der Mann, der den Papst und die Kirche gefesselt, in seinen letzten Stunden die Tröstungen der Religion nicht zurückwies, ist von sichtbarem Einfluss auf diese herrliche Schöpfung gewesen, ohne das» darum deren Autor in die Frömmeleien Lamartines verfallen wäre. Noch ein anderer Vorzug ist es, der Manzonis Ode, nament- lich im künstlerischen Sinne, über die Poesien der mit ihm um die Palme Ringenden hoch hinaushebt. Frei von jeder Bei- mischung politischer Motive, hat er seine grosse Aufgabe lediglich vom rein menschlichen Standpunkte aus angegriffen und zu lösen verstanden. Der marmornen Ruhe einer Rankeschen Unparteilich- keit entspricht die leidenschaftslose klassische Form, und so war es denn auch kein geringerer Kimstrichter als der alte Geheim- rat in Weimar, der dem Gedichte das Zeugnis ausstellte, dass es „vortrefflich" gelungen sei 2). und ein Jahr vor diesem (1830) hatte L. einige Verse „Auf Napoleons Tod* geschrieben, die von hoher Verehrung für den Gestorbenen zeugen: Kalt hört dein Geist der Nachwelt Schmähn und Loben. Du, Mann des Schicksals, warst der Menschheit Los; Dich konnte stürzen nur, wer dich erhoben, Und ewig bleibt das Grosse gross! Noch in seinem Todesjahre (1841) erhob der Dichter nach der Überführung der kaiserlichen Leiche eine ergreifende Anklage gegen das französische Volk (, Napoleons Asche in Paris", a. a 0., S. 96 — 98). 1) In den Manzoniausgaben, die Verdeutschung Goethes gleichfalls in allen Ausgaben seiner Gedichte. 2) Am 8. August 1822 sagte Goethe zu dem ihn besuchenden Grüner: „Ich muss Ihnen doch die vortreffliche Ode Manzonis auf den Tod Napoleons vorlesen; ich habe versucht, so gut ich konnte, sie deutsch wiederzugeben." Grüner fügt hinzu: , Welch ein Lesen! Er war wie in einem verklärten Zustande, dabei ganz ergriffen, das Feuer blitzte aus seinen Augen, die richti^te Betonung eines jeden Wortes und Ausdruckes ergriffen auch mich, und wie er zu Ende war, folgte eine Pause. Wir sahen einander an, ich konnte in seinem Antlitze, und er mochte in dem meinigen Begeisterung lesen." (Goethes Gespräche, Biedermann, IV, 190). — Auch der geistreiche Beyle (Stendhal) fand Manzonis Ode, die ihrem Verfasser die Unsterblichkeit sichere, schöner als die Gedichte von Lamartine und Delavigne und den (pseudo-) H olz hausen, Napoleons Tod. 5 — 66 — Er war — und wie, bewegungslos, Nach letztem Hauche^Seufzer, Die Hülle lag, uneingedenk, Verwaist von solchem Geiste: So tief getroffen, starr erstaunt, » Die Erde steht der Botschaft Elementar wie die Wirkung der Todesbotschaft ist auch die des Ei fu^)l Manzonis Muse steht in Gedanken über dieses lapidare Wort wie versteinert Es hat sie um so tiefer ergriffen, als sie dem Helden während seines Lebens in jungfräulicher Scheu ferngeblieben, nicht unter dem lärmenden Tross der Tra- banten gestanden hat, auch nicht in der aufgeregten Menge, die einst ohnmächtigen Hass in Zomesworten versprühte: Ihn wetterstrahlend auf dem Thron Erblickte die Muse schweigend. Sodann im Wechsel immerfort Ihn fallen, steigen, liegen; Zu tausend Stimmen Klang und Ruf Vermischte sie nicht die ihre. Jungfräulich, keiner Schmeichelei Noch frevler Schmähung schuldig, Erhebt sie sich plötzlich aufgeregt. Da solche Strahlen schwinden. Die Urne kränzend mit Gesang, Der wohl nicht sterben möchte. Nun singt sie noch einmal den Siegeszug des Helden über die Erde, und noch einmal lässt sie den Gefangenen am Ufer stehen, wo vor seinem Auge die grossen Tage der Vergangenheit vorüberziehen ^) : byronischen Dithyrambus. Man müsse, meinte er, um Ähnliches zu finden, in Bossuets oraisons funchres suchen. Zu tadeln seien höchstens zwei oder drei etwas dunkle Stellen und ein paar allzu direkt aus dem Lateinischen entlehnte Wendungen. (Stendhal, Racine et Shakespeare, eludes sur le romantismej nouv. 4d. Paris, 1854, 289. 1) ,Er war.* Vergl. Lebruns; II n'eat plus. Ebenso beginnen die Stances tmr la mort de Napoleon par M, Sene- maud (Paris, 1821), ein den Pariser Tagespoesien angehöriges Gedicht. Der naheliegende Anfang findet sich in Variationen öfter. Puschkin setzt ein: Das wunderbare Los ist nun vollendet. Erloschen ist der grosse Mensch. 2) Ähnlich Lamartine und Byron, doch hat keiner von beiden sich gleich Manzoni in den klaren Äther einer — wir möchten sagen — sophokleischen Schönheit erhoben. — 67 — O, wie so oft beim schweigsamen Sterben des Tags, des leeren, Gesenkt den blitzenden Augen strahl, Die Arme übergefaltet, Stand er, von Tagen, vergangnen, Bestürmt' ihn die Erinnrung. Da schaut' er die beweglichen Zelten, durch wimmelte Thäler, Das Wetterleuchten der Waffen zu Fuss, Die Welle reitender Männer, Die aufgeregteste Herrscherschaft Und das allerschnellste Gehorchen. Aber mit vornehmer Zurückhaltung weigert der Sohn eines heissblütigen Südens sein Urteil über den toten Riesen, über -dessen Thaten auch im kühleren Norden so viele vorschnell zu Gericht gesessen hatten: Zu Pyramiden, von Alpen her. Vom Manzanar zum Rheine, Des sichern Blitzes Wetterschlag Aus leuchtenden Donnerwolken, Er traf von Scylla zum Tanais, Von einem zum andern Meere. Mit wahrem Ruhm? — Die künftige Welt Entscheide dies! Wir beugen uns, Die Stirne tief, dem Mächtigsten, Erschaffenden, der sich einmal Von allgewaltiger Geisteskraft Grenzlose Spur beliebte. Eine einseitig ungerechte Kritik in dem Menzelschen Litteraturblatt ^) sieht in der Zurückhaltung des Dichters einen Zweifel an Napoleons Grösse. Ich kann dieser Auffassung nicht beipflichten, finde vielmehr die Selbstbescheidung, welche die Erage nach den letzten, innersten Gründen einer zeitgenössischen 1) Stuttgarter Litteraturblatt, Nr. 104 vom 11. Oktober 1830. Es ist dieselbe, in der auch Nicanders Monolog so ungünstig besprochen wird. Charakteristisch ist übrigens der Umstand, dass der Verfasser dieser abweisenden Kritik sich nicht etwa daran stösst, dass Napoleon in den Qedichten der von ihm recensierten Mohnikeschen Sammlung verherrlicht wird, sondern nur deshalb so verdriesslich ist, weil — nach jseinem Geschmack — • diese Verse viel zu schwach zum Preise eines solchen Helden waren. 5* — 68 — Erscheinung von dieser Bedeutung von sich abweist und der Zu- kunft überlässt, der Lage angemessen und der Objektivität Manzonis durchaus entsprechend. Dass übrigens der Dichter trotz dieser Zurückhaltung seinem Landsmann imd Helden Sympathien entgegenbringt, wird von keinem Leser der Ode bezweifelt werden. Der edle Hymnus schliesst versöhnend: Und also von müder Asche denn Entferne jedes widrige Wort! Der Gott, der niederdrückt und hebt. Der Leiden fügt und Tröstung auch, Auf der verlassnen Lagerstatt Ihm ja zur 8eite sich fügte. In Manzonis Ode hat die dmt;h Napoleons Tod angeregte Dichtung den Zenith erreicht, weshalb ich sie auch an diese Stelle, in den Mittelpunkt der Darstellung, gerückt habe. Zu- gleich leitet sie bequem zu der deutschen Poesie hinüber, die den Gegenstand der Untersuchung des folgenden Kapitels bilden wird. IV. Die deutsche Dichtuog. Manzonis Ode ist nicht ohne Einfluss auf die gleichzeitige Dichtung der andern Länder geblieben. Wie ein Nordlicht leuchtet ihre Farbenpracht in die Litteraturen ; ganze Gedankenreihen des Italieners finden sich in verblasster Schönheit bei Lamartine wieder '). Welchen Eindruck das Gedicht in Deutschland machte,, sahen wir bei Goethe; neben ihm haben sich auch noch andere Männer mit klangvollen Namen, darunter Fouqu6 und Zeune,. an der Übertragung versucht, und es ist dieser klassischen Ode die seltene Ehrung zu teil geworden, in einem fremden Lande,, zusammen mit fünf Übersetzungen in dessen Sprache, in beson- derer Ausgabe zu erscheinen ^). Eine neuere Bearbeitung ist 1) Vergl. den Schluss des vorigen Kapitels und Voretzsch, a. a. 0., 454 ff. Diesmal ist wohl direkte Beeinflussung anzunehmen, mit den im vorigen Kapitel erörterten Gemeinempfindungen kommt man hier nicht aus. 2) „Der fflnffce Mai. Ode auf Napoleons Tod von Alexander Manzoni. In der Italischen Urschrift nebst Uebersetzungen von Goethe, Manzoni, Giesebrecht, Ribbeck, Zeune", Berlin, Maurer, 1828. Eine Besprechung der Ausgabe: Jen. Allg. Litteraturzeitg.^ 1829, Nr. 27. ^ 69 ~ von Paul Heyse, doch wurde schon mit Rücksicht auf das Zeit- kolorit im Voraufgehenden die Goethesche Nachdichtung verwendet. Bot Manzonis Gedicht dem alten Goethe eine schöne Ge- legenheit zu thun, was der Sänger der „Grenadiere" damals ver- absäumte, nämlich dem Toten einen Kranz zu spenden, so wirkte es fast noch tiefer auf einen Poeten, der dem lebenden Napoleon nicht so freundlich gegenüber gestanden hatte wie Goethe. Es is t^ C h a m l&a-QT-^as Emigraütenkind, das aber, wie sein liebens- würdiges „Schloss Boncourt" zeigt, wie selten einer zu versöhnen und zu vergeben verstand. Chamisso hat die eigentliche Sterbe- scene zum Gegenstande der Darstellung gemacht, hat in der kleinen dramatischen Dichtung „Tod Napoleons" ^) den Leser an des Kaisers Schmerzenslager in der dürftigen Hütte von Long- wood geführt. Die Liebe des Helden zu seinem Söhnchen und zu Frankreich, dem Lande seines Ruhmes, füllen den Vorder- grund des kleinen, aber packenden Bühnenbildes, während im Hintergrunde bedeutungsvoll die allegorischen Gestalten der Europa, der Poesie und Geschichte erscheinen. Es ist dramati- sierter Manzoni, und man würde das auch ohne des Verfassers eigenes Geständnis aus den drei Zeilen ersehen, die Chamisso der Poesie in den Mund gelegt hat: Zu schmähn, zu schmeicheln haben Knechte nur vermocht; Jungfräulich deines Namens ist annoch mein Mund, Hinfort geweiht zu ewigem Gesang, mein Held! Dagegen klingt es mehr byronisch, wenn der alte Emigrant, dem für die Freiheit der Völker das Herz so warm schlug, in seinem kleinen Drama die Europa sagen lässt: O hättest Freiheit du geschafft nach deiner Macht, Noch ständen aufrecht deine Bilder, unentweiht Von Händen, die zu heben unvermögend sind Das dir entsunkne, dein gewichtiges Herrscherschwert ^). 1) „Der Tod Napoleons. Nach Alessandro Manzoni (1827)/ In allen Chamisso- Ausgaben. 2) Ähnlich hat auch Platen in seiner „ Acqua Paolina*^ gesprochen: Ein Sohn der Freiheit; aber uneingedenk Des edlen Ursprungs, einem Geschlechte sich Aufopfernd, das ihn wankelmütig Heute vergötterte morgen preisgab. hätte dein weitschallendes Kaiserwort Dem Volk Europas, was es erfleht, geschenkt, Wohl wärst Du seines Lieds Harmodius, Seines Gesanges Aristogiton. — 70 — Es ist eine rein äussere Ähnlichkeit, die von Chamissos Dramolet zu einem der Gedichte des biedern Elsassers August Lfa mey hinüberführt. Beiden ist nämlich der äussere Umstand gemein, dass sie sich nicht in der Form einer Totenklage an den schon Verschiedenen wenden, sondern der noch lebende Gefan- gene von St. Helena in der letzten Daseinsphase vor den Leser tritt. Bei August Lamey, dem wenig Bekannten, dürfte zunächst ein Wort über den Dichter selbst nicht ganz überflüssig sein. Lamey — einige Angaben über sein Leben sind in der Note zusammengestellt^) — gehört seiner litterarischen und politischen Persönlichkeit nach wie Friedrich Lehne zu einer Gruppe süd- und westdeutscher Poeten und Versemacher, deren Typus in Umrissen feststeht, wenn man den Namen Georg Forster aus- spricht, mit dem manche von ihnen bekannt und dessen Ge- sinnungsgenossen sie ausnahmslos waren. Mainzer Klubisten — neben Lehne ajich Nikolaus Müller — Elsässer und rheinpfäl- zische Republikaner — ausser Lamey ein Schaller und Karl Geib^) — hatten sie in den neunziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts sämtlich zu den Verehrern des jungen Grenerals Bonaparte gehört, so lange sie in ihm das Idol eines Freiheits- helden sehen konnten. Mit dem späteren Kaiser fanden sie sich auf verschiedene Weise ab, aber ohne die Jugend- schwärmerei in das extreme Gegenteil zu verkehren, wie das Görres gethan hat. Bei dem Tode des Helden erwachte die frühere Liebe, und besonders Nikolaus Müller und Lamey haben ihrem alten Napoleonkultus wieder die Zügel schiessen lassen. Jener, indem er etwas später das — 1837 im Druck erschienene 1) Wilh. August Lamey (1772—1861), geb. zu Kehl, nahm an den Ereignissen der Revolution, für die er begeistert war, verschiedent- lich auch als Dichter, Anteil, kam während der Kaiserzeit als Mitglied des französischen Douanengerichts nach Lilneburg und machte dann unter Davout die Verteidigung von Hamburg mit. Später bekleidete er im Elsass mehrere Richterstellen und war gleichzeitig noch immer poetisch thätig. Die Revolution hat er in den „Gedichten eines Franken am Rheinstrome** (1791) und den , Dekadischen Liedern* (1795) gefeiert. Er schrieb ferner Dramen („Oatos Tod,** 1798, „Marius zu Karthago,* 1799), auch französische, und veranstaltete verschiedene Ausgaben seiner „Gedichte**. Nach der letzten (Strassburg, 1860) die Citate. 2) Diese Poeten habe ich in den bereits erwähnten, 1898—99 in der „Beilage zur Allgem. Zeitg.* veröffentlichten „Litteratur- und Stim- mungsbildern'* genauer charakterisiert. (Vergl. besonders 1899, Nr. 33, 86, 87.) Über Lehne vergl. das am Schlüsse des II. Kapitels Gesagte. — 71 — — Mainzer „Liederbuch für die Veteranen der grossen Napoleons- armee von 1803 bis 1814" redigierte, für das er selbst reichliche Beiträge lieferte ^), dieser, indem er alsbald nach des Kaisers Verscheiden in die Saiten griff, um die Vorgänge auf St. Helena in verschiedenen seiner nicht sehr formgewandten, aber oft recht tief empfundenen Gedichte zu beleuchten. ^__Lg.mpyj df^^ hi^ u"d fln J3.iLQktig_an_B^ranger erinnert, wie dieser den Veteranen der grossen Armee manche hübsche Strophe geweiht, auch dessen Bravourstück, den „alten Korporal" ins Deutsche übertragen hat^), schildert in dem „Ruheplatz"*) einen der letzten Spaziergänge des Unglücklichen. Noch einmal wan- dert er, von Antommarchi geführt, nach dem uns bekannten kleinen Thale von Hudsgate, an dessen Quell er bisweilen in heissen Tagen geruht hatte : „Mein Doktor, führe mich an die Stell', Da Wasser quillt so frisch und hell !" Hudsons Gefang'ner also sprach, Die letzte Kraft ihm bald gebrach; Der weiland Starke, ein wankend Schilf, Er ging mit Antommarchi s Hilf. Sie setzten sich zum Brunnen hin. Wo schattet eine Weide grün ; Den Matten kühlte süsser Trank, Am Baum er lächelnd in Schlummer sank. Und als er ist vom Traum erwacht: „O schlief ich so die endlose Nacht! Schon hatt' ich auf geblümter Au All meiner Helden reiche Schau: Murat, Suchet, Duroc und Ney, Desaix und Kleber, die edeln zwei! Durch Wolken heiter schwebt' ihr Zug, Dem Ossian rauschend die Harfe schlug. Und da mir nahten der Glanz und der Klang, „Willkommen du", scholl's im Bardengesang; 1) Dieses Liederbuch (Ex. auf der Maiozer Stadtbibliothek) enthält eine reiche Fülle kulturhistorisch interessanter Gedichte auf Napoleon und die grosse Armee, darunter auch mehrere auf des Kaisers Tod. Wegen ihres geringen poetischen Wertes hielt ich es jedoch für un- thunlich, sie in den Kreis der vornehmeren Geister einzuführen, die hier behandelt werden, dagegen habe ich im Anhang einige Proben mitgeteilt. 2) Gedichte, 268 ff. 3) Gedichte, 223 f. ~ 72 — Sie umschlossen mich, ein gold'ner Kreis, Und neigten jeder den Lorbeerreis. Das bescheiden anmutige Idyll, das in dem Traumbild schon ein wenig in das Visionäre späterer Napoleondichtungen hinüber- spielt, schliesst, der Überlieferung entsprechend, mit der Bitte des Kranken, an diesem freundlichen Orte seine letzte Ruhe zu finden, falls, wie zu erwarten stand, sein Wunsch, in Frankreichs Erde begraben zu werden, bei den ungrossmütigen Feinden kein Grehör finden würde. Zeigt diese Idylle in ihrer äusseren Einkleidung eine gewisse Ähnlichkeit mit Nicanders Monolog, so ist der Vorzug grösserer Gedankenfülle unverkennbar auf der Seite des Schweden. Dagegen muss anerkannt werden, dass sich auch Lameys St. Helenagedichte durch eine bemerkenswerte Objektivität aus- zeichnen. Von dem blendenden Reichtum Hugos, Lamartines, Delavignes, der Franzosen, mit denen der deutschredende Elsässer das Vaterland teilte, findet sich bei ihm wenig, aber er hat auch nichts von ihrer leidenschaftlichen Einseitigkeit. Keine rhetorischen Kraftproben, sondern ruhige Bilder, die ein zartes, nicht sehr umfangreiches Talent bekunden, verfehlen sie gleichwohl nicht ihre Wirkung. Das kann auch von seinem „Sankt Helena *)" gelten : Es ragt wie Nadelspitzen, aus unbegrenzter Flut; Es starrt wie Höllentrümmer, noch rötelnd von der Glut; Nie grüssen Donner Gottes den segenlosen Strand, Mit Nebelfrösten wechselt der jähen Sonne Brand. Da schleifte seine Fesseln ein König in der Acht; Da rang ein kranker Löwe, vom Leopard bewacht; Vier Särge da bewohnet, versunken unterm Stein, Der sehlach tenmüde Kaiser, mit seinem Schwert allein. Er ruht, der wilde Jäger, wo Hornruf nimmer weckt, Den Jagdhut zu den Füssen, der stolzes Haupt gedeckt, Mit seiner Züge Beuten wie schwölle hoch sein Grab! Man legt' ihm nackt den Scheitel, ob er auch Kronen gab. Stern auf dem grünen Rocke, hievor ein Glanz der Welt, Du schmückst die Brust, die hohle, mit keinem Strahl gehellt: Hexz, ehmals ohne Frieden und das so brennend schlug, Du füllst in ew'ger Stille den kalten Silberkrug ^j. 1) 1822 verfasst, Gedichte, 148 f. 2) Napoleons Herz wurde in einem silbernen Gefässe in dem Sarge neben der Leiche beigesetzt, da sich Hudson Lowe, seiner Rolle bis — 73 — Nur einmal hat sich Lamey von seinem Unwillen über den Peiniger des Gefangenen allzu 8ehr hinreissen lassen, in dem Gedicht „Hudson Lowe", das mit starker Übertreibung die Ver- achtung schildert, die dieser armselige Schacher bei den eigenen Landsleuten und selbst im Orient gefunden haben sollte, wo man ihn nach Napoleons Ende als Kommandeur der britischen Truppen auf Ceylon untergebracht hatte ^): zum Abgange getreu, dem im Testamente des Qefangenen ausge- sprocheoen Wunsche der Übersendung des Herzens an Marie Louise wider setzte. Übrigens war ja diese der kostbaren Reliquie unwürdig. 1) Gedichte, 225 ff. Der Verfasser folgt in seinen Schilderungen der angeblichen Weigerung König Georgs IV., den Gouverneur von St. Heleua nach dessen Rückkehr in Audienz zu empfangen (vergl. da- gegen Forsyth, Hüiory of ihe Captivity of Napoleon, III, 315 ff.) und des Ausbruchs des allgemeinen Unwillens bei einer späteren Landung Lowes auf der Insel Mauritius einem Buche, das unter dem Titel Memorial de Sir Hudson Lowe relatif ä la captivite de Napoleon ä Sainte- Helene, Paris, 1830, 2 Bde., (deutsch, Stuttgart, 1830), als eine angeb- liche Verteidigungsschrift des ehemaligen Gouverneurs erschienen war. Diese Schrift, welche noch heute in unseren Encyklopädien (z. B. Brock- haus, 14. A., XI, 316 u. a.) als ein echtes Werk Lowes genannt wird, ist wie der pseudobyronische Dithyrambus eine offenbare Fälschung, die von den allergröbsten Fehlern wimmelt. Es lohnt nicht, hier näher darauf einzugehen. — Wahr ist hingegen — und Hudson Lowe hat sich selbst d[arüber beschwert — dass er, und nicht allein von den Bonapartisten, schlecht genug behandelt wurde. Als er gegen O'Mearas berühmtes Buch Napoleon in cxile gerichtlich vorgehen wollte, wurde er wegen eines Formfehlers abgewiesen, weil die Klage zu spät ein- gereicht sei. Dann ward er, wie gesagt, Befehlshaber auf Ceylon, aber seine oft wiederholten Gesuche um einen neuen Gouverneurposten wur- den stets abschlägig beschieden. Ausser leeren Redensarten von Bat- hurst und Wellington erhielt er nichts, und sogar Scott hat sich ge- hütet, in seinem berüchtigten Life of Napoleon Buonaparte, die Vertei- digung des Henkers in einer Weise zu führen, wie dieser gewünscht hätte. Freilich fehlte es ihm dazu auch an Materialien. Als Lowe darauf von Ceylon nach England reiste, um eine Antwort gegen den schottischen Barden vom Stapel zu lassen, bedeutete ihm selbst Lord Bathurst, es sei das beste, wenn er sich schleunigst auf seinen Posten zurückbegäbe. Er erhielt später keine Pension urd starb arm und ver- achtet im Jahre 1844. (Vergl. Forsyth, III, chap. XXXI.) Bei seinem Tode erschien in deutschen Flugschriften der poetische Nachruf: So birgst du endlich. Grab, das Ungeheuer, Verspieen von der Menschheit, wie der Geier u. s. w. Noch zwei Vorfälle aus Sir Hudson Lowes späterem Leben mögen hier erwähnt werden, die für seine Beurteilung durch die Zeitgenossen charakteristisch sind. Im Jahre 1822 wurde er von dem in diesen Blättern öfter erwähnten Sohne des Grafen Las Cases in London auf offener Strasse mit der Reitpeitsche gezüchtigt; Genugthuung mit der — 74 — Das ist der Fluch Napoleons; Dir in die fernste Welt soll Schande folgen, Weil, gegen heiFges Unglück frevelnd, du Wehrlosem Krieger und gefallenem Fürsten Die herben Leiden bis zum Tod gesteigert Leidenschaftslos wie Manzoni und Lamey ist auch eine Elegie von August Mahlmann ^), die andererseits, in der Verwer- tung des Vergleichs zwischen der vulkanischen Natur der Felsen- insel und ihrem gefangenen Bewohner, mit Victor Hugo eine auffallende Verwandtschaft zeigt. Ein geborener Leipziger imd harmlos wie die meisten sächsischen Poeten, hatte Mahlmann, den rheinbündlerischen Verhältnissen seines engeren Vaterlandes ent- sprechend, den Kaiser Napoleon in den Tagen des Glanzes be- sungen, dann 1813 mit den Sachsen auf dem Leipziger Schlacht- felde die Schwenkung zu den Verbündeten hinüber gemacht und auch einige deutsch-patriotische Gedichte, meist mit spezifisch sächsischer Färbung, verfasst. Jetzt stimmte auch er in den Chorus am Katafalk des Helden ein, und wenn er eine so völlig Waffe, die der junge Las Cases ihm anbot, lehnte er ab, wollte aber seinen Gegner gerichtlich belangen, worauf diesem die eigenen Landsleute Lowes zur Flucht aus England verhelfen haben sollen. (Rencontre du major- general sir Hudson Lowe avec M. le baron Emmanuel de Las Cases, suivie d'anecdotes sur le major-general Lowe, recueillies par le docteur O'Meara, Paris, 1822, Memorial de Sainle-Helene, Garniersche Ausg., IT, Abschn. : Memoi-ial de la Belle-Poule, p. S; ,Foi'syth, 111, 316.) Drei Jahre später wurde auf den jungen Las Cases ein Mordversuch gemacht, und die öffentliche Meinung bezeichnete den damals in Paris anwesenden Hud- son Lowe als den Anstifter der ünthat [Memorial, a. a. 0., Allgem» Zeitg., 1825, Nr. 323, 327, 328, 330, 332, 334). Der letztgenannte Vorfall zeigt, wessen man ihn für fähig hielt» Während die ernste Kritik sein Verhalten gegen Napoleon verschieden beurteilte (vergl. Jen. AUg. Litteraturzeitg., 1823, Nr. 129, Hall. Litte- raturzeitg., 1819, Nr. 23), galt er im Volke als verfehmt, ein Stigmati- sierter, den seine eigene Regierung, nachdem er das Odium ihrer bru- talen Massregeln auf seine Person geladen, gelinde abschob. Auch dieser Mohr konnte gehen. Wenn man das ruhelose Wandern des ge- zeichneten Mannes über die Erde betrachtet und zugleich an den ,Kal- varienberg" von St. Helena denkt (vergl. weiter unten bei Grillparzer), so fühlt man sich versucht, dem pedantischen Exekutor der Befehle des englischen Ministeriums in dieser Passionsgeschichte die legendarische Rolle des Pilatus zuzuweisen. Hudson Lowe erweckt am Ende fast Mitleid, so wenig sympathische Züge seine Persönlichkeit aufweist. 1) ,Die Insel Helena und ihr Grab," Mahlmann, Gedichte, Leipzig, Reclam, 90 f. — 75 — parteilose Darstellung dabei wählte, wie sie die „Insel Helena und ihr Grab" zeigt, so liegt die Vermutung nahe, dass der königlich sächsische und herzoglich gothaische Hofrat und ehe- malige Herausgeber eines hochoffiziösen Pressorgans, der „Leipziger Zeitung", es nicht für gut befand, eigene Sympathien oder Anti- pathien g^en den einstigen Bundesgenossen König Friedrich Augusts verlauten sn lassen. So wird Napoleon in der Mahlmannschen Elegie fast wie eine Naturerscheinung behandelt, ein Titan, ein Vulkan, der in ganz passender Parallele neben die schwarzen Basaltfelsen seines Inselkerkers gestellt wird: Tief aus dem Innern der Erd', ungeheuerster Gährung Erzeugnis, Hobst du dich, Felsenkoloss, über das schäumende Meer Hoch zu den Wolken empor! Dich trug der gigantische Aufruhr Alles bezwingender Kraft, Fesseln zersprengend, herauf! Flammen durchbrachen die Flut, wild rasten Orkane, der Erdkreis Wankt' und erbebte vor Schreck deiner Titanengeburt! * * * Hier weit ab von der Welt schlummert Napoleons Staub! Schläfer in einsamem Grab, auch Du von der schrecklichsten Gährung Wilder Empörung des Volks, hobst, ein Koloss, dich empor Kühn zu dem Gipfel der Macht! Dich trug der gigantische Aufruhr Fesselnzersprengender Kraft über die Thoren hinauf! Blutige Bahnen durchliefst du im Donner der Schlachten, der Erd- Wankt' und erbebte vor Schreck deiner Titanengewalt! [kreis Aber nun bist du erloschen und liegst in dem Felsengetrümmer Grossen erstorbnen Vulkans, selbst — ein erstorbner Vulkan! Also vom Schicksal ward hier Gleiches mit Gleichem vereinigt! Grab und Begrabener bleibt ew'ges Erstaunen der Welt! Zu den bisher besprochenen, im Urteil mehr zurückhaltenden deutschen Gedichten stehen die schwunghaften Strophen in jjrill- parze_r_8_ Napoleon" in ausgeprägtem Gegensatz. Der Dichter der Schiksalstragödien musste von dem Fatalistischen in dem Leben des französischen Kaisers ganz besonders tief gepackt werden. Auch ist nicht unbekannt, dass Grillparzer in seiner Selbst- biographie dieses Eindrucks öfter gedenkt und dass auch seine dramatische Thätigkeit von der dämonischen Gestalt des Korsen nicht unberührt geblieben ist. In „König Ottokars Glück und Ende" hat er sie mindestens in den Umrissen gezeich- - 76 ^ net^) und unter den von ihm für eine etwaige dramatische Behandlung notierten Stoffen findet sich einer, der mit der Insel St Helena zu thun hat^), die in Deutschland Griepenkerl spater auf die Bühne bringen sollte*). In seinem Ü S^apol e onge dichte^ ) geht Grjllparzer seinem Stoffe mit einer Kühnheit zu Leibe, die, von poetischen wie politischen Gesichtspunkten aus betrachtet, Anerkennung verdient. Die Frage: „Wer war dieser Mann, und was wollte, richtiger, was soUte er?" hat ein Österreicher zur Hochflutzeit Metternichscher Beaktion klar gestellt und ebenso klar und offen beantwortet, Dass er nicht der „brandgemalte Teufel" Arndts gewesen, hatte man all- mählich einsehen gelernt, und das von eben dieser Zeit her ge- läufige Bild einer „Gottesgeissel" war schon von Platen in einem etwa 1818 — 20 geschriebenen Epigramm^) zu einem „Besen der Zeit" abgeschwächt worden. Noch etwas später wird Freiherr von Zedlitz die Antwort auf die inhaltschwere Frage dahin geben ^) : Ein Wetter — sprach ich — dass die Welt sich reine. Ward er, vom ew'gen Throne hergesendet. Auch Grillparzer nennt den Kaiser einmal (Str. 5) eine „Gottesgeissel", aber er leitet dieses Beiwort nicht wie Victor Hugo aus den bösen Eigenschaften des Subjekts ab, sondern wiU es vielmehr in echt fatalistischem Sinne verstanden wissen: Dich lieben kann ich nicht! — Dein schweres Amt War: eine Geissei Gottes sein hienieden. Das Schwert hast du gebracht und nicht den Frieden, — Genug hat dich die Welt darum verdammt. Doch jetzt sei Urteil vom Gefühl geschieden. Das Leben liebt und hasst; der Toten Ruhm Ist der Geschichte heiFges Eigentum. Es war also das „Amt" des Korsen, eine Geissei Gottes zu sein. In diesem Sinne sagt Grillparzer an einer anderen Stelle seines Gedichts: 1) Grillparzers Selbstbiographie, Werke, 1872, X, 132, Aug. Ehrhardt, „Franz Grillparzer, sein Leben und seine Werke," deutsche Ausgabe von Moritz Necker, München, 1902, 336 f. 2) Der sonderbare Titel lautet; „Die drei Krebse von St. Helena," Werke, 5. A. (Sauer), XII, 211. 3) In Frankreich geschah das mehrfach, namentlich in den Volks- dramen der Julizeit. -»- GrilTparzers .Napoleon« steht in den Werken, 1872, I, 192 ff. 5) Mitgeteilt: Deutsche Dichtung, XV, 8. «) Zedlitz in don „Totenkränzen«, 2. A., Wien 1833, 32. — 77 — Das Fieber warst du einer bösen Zeit, Vielleicht bestimmt^ des Übels Grund zu heben. So flammtest du durchs aufgeregte Leben! Doch, wie des Krankenlagers Ängstlichkeit Dem Fieber pflegt der Krankheit Schuld zu geben, Schienst du allein der Feind nur aller Ruh' Und trugst die Schuld, die früher war als du! Das „Fieber einer bösen Zeit**, das kommt Platen und Zedlitz recht nahe. Noch näher manchen der Tyrtaen von 1813, die bei allem Hass gegen den „Korsen" sich der Idee nicht verschliessen konnten, dass die Sendung der „Gottesgeissel" denn doch ihren zureichenden Grund haben müsse und dass der Allmächtige den unbändigen Krieger über die Erde habe reiten lassen, um ihre, der Gegner, Fehler und Sünden zu strafen. Frommen Gemütern wie Arndt und noch mehr Schenkendorf lagen solche Gedanken nahe. Grill- parzer aber- zieht daraus eine Folgerung für seinen Helden, die jene hasserfüllten Gegner schwerlich hätten gelten lassen: Was sie gesündigt ohne Unterlass, Was sie gefrevelt seit den frühsten Tagen, Ward all zusammen auf dein Haupt getragen. Du duldetest für alle aller Hass, Es ist Heinrich Heine so schwer verdacht worden, dass er in seinen kühnen Prosadichtungen Napoleon oftmals vergöttert, ja, geradezu vergöttlicht hat. Die Thatsache ist schon richtig; nur stehen diese „Blasphemien" des Juden Heine auch imter Christen keineswegs vereinzelt da. Von interessierten Schmeichlern wollen wir absehen, über- haupt von all- den Lobpreisungen aus der Zeit seines Glanzes, wo es kein irgendwie erhebendes Beiwort gab, das man auf den Franzosenkaiser nicht anwendbar gefunden hatte. Die gelehrten Herren von der Leipziger Universität z. B. versetzten ihn damals unter die Sterne, indem sie einen Himmelskörper nach ihm be- nannten. Aber auch noch lange Jahre nach seinem Sturze finden sich ähnliche Beispiele eines geradezu vergöttlichenden Heroen- kultus, wozu in der Note ein paar beliebig herausgegriffene Illu- strationsproben geliefert werden ^). Wenn übrigens der alte Goethe 1) So lässt ihn Böranger sagen: »Ich bin der Gott der Welt* (vergl. Treitschke, Hist. u. pol. Aufs., 3. A., III, 146), und Delavigne — 78 — den Kaiser öfter mit dem „Absoluten** vergleicht, so ist ja das im Grunde nur eine philosophische Übersetzung des Heineschen „Gottes**. Auch von den obigen Worten Grillparzers , zu dem wir hiermit zurückkehren, ist nicht allzu weit bis zum biblischen Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt. Ebenso ist der „KAlvarienberg** Heines — le ealvaire de Sainte-Helene — eui in Frankreich noch heute ganz geläufiges Bild, und schon MaDzonis Ode hat von einem „Golgatha** gesprochen. Und wenn nicht ein Gott, so ist der Kaiser bei Grillparzer wenigstens der vollkommenste Mensch, der Mensch, rhomme, wie ihn heimlich die alten Soldaten zu nennen pflegten, als sie seinen Namen nicht aussprechen durften. Er (lui), wie ihn Victor Hugo später genannt hat, der allgemein Bekannte, der Typus Mensch, der Vertreter der Gattung: Zum mindesten wardst du strahlend hingestellt. Zu kleiden unsrer Halbheit ekle Blosse, Zu zeigen, dass noch Hoheit, Ganzheit, Grösse Gedenkbar sei in unsrer Stückelwelt, Die sonst wohl gar im eignen Nichts zerflösse, Dass noch die Gattung da, die starker Hand Bei Cannä schlug, bei Thermopylä stand. Und ähnlich am Schlüsse: Das Grosse hast am Niqd'ren du gerochen. Und sühnend steh' auf deinem Leichenstein : Er ward zu gross, weil seine Zeit zu klein. Eine solche Auffassung, zu deren offenem Bekenntnis in Wien, dem Wien der Hofburg Franz H. und der Metterniche, unzweifelhaft Mut gehörte, hängt natürlich bei dem patriotischen Grillparzer mit dem Ekel zusammen, den das politische Jammer- nennt ihn Dieu mortel. In Ernst Ortlepps „Siebengestirn* (Leipzig, 1833) liest man (S. 90-91) die Verse: ~ Und es staunen selbst die Cherubim, Denn sie schaun einen zweiten Gott auf Erden. Auch in den von Fried r. ErdmannPetri herausgegebenen „Eichen- kränzen* (vierter und letzter Kränz, Wiesbaden, 1828) findet sich ein Gedicht, in dem der grosse Feldherr mit der Gottheit selbst verglichen wird (vergl. Jen. Allg. Litteraturzeitg., 1829, Nr. 36). Sogar Gutz- kow (Ges. Werke, 9, 84) vergleicht die Hoffnungen einer Wiederkehr Napoleons nach seinem Tode mit den Hoffnungen der Christen nach dem Scheiden des Erlösers. — Einigermassen erklärlich wird dieser Kultus aus dem Zeitgeschmack. Auch Zelter nennt Goeth« einmal „seinen Heiland*. — 79 — Jtonzert der heiligen Allianz allen besseren Geistern erregte. Und da es auch in Hinsicht auf die schlimmsten Seiten der napoleo- nischen Herrschaft, politische Unfreiheit, Polizeiherrschaft, Censur und Pressknechtschaft, nach dem Sturze des Kaisers nicht besser, nein, im Gegenteil vielfach nur schlimmer geworden war, so kam man zu Vergleichen mit früher, die von Jahr zu Jahr dem An- denken Napoleons immer günstiger werden mussten^). Schon während der Gefangenschaft des Kaisers hatte der \^ _a.1tp. GoptV>p Ain qrgArllplipq Epigramm hingeschrieben, zwar zu- nächst auf die Sprachreiniger gemünzt, das aber auch noch in einem etwas anderen Sinne aufgefasst werden könnte: Gott Dank! dass uns so wohl geschah. Der Tyrann sitzt auf Helena! Doch liess sich nur der eine bannen, Wir haben jetzo hundert Tyrannen Viel deutlicher lässt sich Grillparzer vernehmen: Denn seit du fort, fliesst nun nicht mehr das Blut, In dem vor dir schon alle Felder rannen? Ward Lohn den gegen dich vereinten Mannen? Ist heilig das von dir bedrohte Gut? Die Tyrannei entfernt mit dem Tyrannen? Ist auf der freien Erde, seit du fort, Nun wieder frei: Gedanke, Meinung, Wort? In dieser Strophe ist neben den durch Sperrdruck ausge- zeichneten Stellen auch auf die vierte Zeile Gewicht zu legen: Ward Lohn den gegen dich vereinten Mannen? Den Gentz und Mettern ich — ja, aber denen, die neben der Wiederkehr der alten Dynasten auch ein Stückchen blauen Him- mels für die Völker ersehnt hatten? Die spanische Folter, der Galgen Kiegos, der Spielberg in Mähren, die Berliner Hausvogtei und die Festung Colberg könnten die Antwort darauf geben ^). Wie sehr das den Napoleonkultus fördern musste, ist schon mehrfach hervorgehoben worden. Zu guterletzt sind die Ansichten von Anno 13 derart auf den Kopf gestellt, dass selbst Männer, die bei Wagram oder Ligny gegen den Korsen im Feuer gestanden haben, ihn verherrlichen helfen. Aus ihren Reihen sind zwei als tapfere Soldaten und gedankenreiche Schriftsteller gleich unverächtliche 1) Vergl. Kapitel I. SJ) Niemand hat das ergreifender ausgesprochen als Chamiaso („Der Invalid im Irrenhaus"). — 80 — Männer mit umflorter Muskete an des Kaisers Sarg getreten: Immermann und Zedlitz. Doch ehe ich zu Immermann übergehe, mag es erlaubt sein, zumal sich sonst ein schicklicher Platz nicht bieten will, in we^ nigen Worten der Stägemannschen Ode ,,Bonapartens Tod" zu gedenken, die ihr Verfasser mit einer Widmung an Vamhagen in die Welt schickte und die er später in seine „Historischen Erinnerungen in lyrischen Gedichten" aufgenommen hat. Es mag überraschen, den Namen Friedrich August von Stägemanns - hier zu treffen, nicht deswegen, weil er zu den begeisterten Sängern der Befreiungskriege, sondern weil er zu jenen Männern gehört, die, Todfeinde der Revolution, durch jene Kriege lediglich die Wiederherstellung der absoluten Monarchie fridericiaaischer Zeiten erstrebt hatten^). Hatte auch er, der starre Preusse, seine An- sicht über den „Bonaparte" geändert, er, der 1807 von ihm gesungen : Aus eines Scheusals grässlichem Schoss entsprosst, Erwürgt' er kalt die Mutter und waffnet sich Mit jedem Tod aus ihrem Rüsthaus, Nun ein entsetzlich Gespenst des Erdballs^). Nicht in dem Masse wie die Grillparzer und Zedlitz, gewiss nicht. Auch ist seine, wie alles Stägemannsche , an schwerer, fast schwerfälliger Rhythmik leidende Ode im Grunde mehr ein Hymnus auf den von dem unbedingten Verehrer Friedrichs ver- götterten Sieger von Leuthen als ein Trauerlied auf den gefal- lenen Feind. Ja, der Dichter weist die Trauer an einer Stelle ausdrücklich ab: Wehklage nicht, mitleidige Saite, nicht Der starren Brust erkalteten Phlegethon, 1) Stägemann (1763-1840), im Jahre 1806 Mitglied des General- direktoriums, später vortragender Rat, Staatsrat und Geheimer Rat, eine Zeitlang auch Redakteur der „ Staatszeitung **, Gemahl der durch ihre Beziehungen zu Gentz bekannten Elisabeth Graun, war einer der namhaften Tyrtäen von 1813/15, konnte dber die Volkstümlichkeit der Arndt, Körner, Schenkendorf bei weitem nicht erreichen, weil die von ihm gewählte gravitätische Odenform und seine Vorliebe für Fremd- wörter und mythologische Anspielungen eine solche von vornherein ausschlössen. Seine patriotisch-lyrischen Gedichte gab er mehrfach heraus: , Kriegsgesänge aus den Jahren 1806-1813, "* Halle, 1814, 2. A., 1816, dann vermehrt unter dem Titel „Historische Erinnerungen in lyrischen Gedichten,* Leipzig, 1828. Die Ode „Bonapartens Tod^ das., 294 ff. 2) Historische Erinneningen, 19. — 81 — In den getaucht, des Todesengels Schwert zu vertilgenden Flammen aufschlug! Doch hat sich auch bei Stägemann, der zu den entschie- denen Reaktionären gehörte und dessen Servilismus als Beamter gelegentlich den Unmut des freisinnigeren Freundes Varnhagen erregte, der Ton gegenüber dem alten Feinde erheblich gemässigt. Napoleon ist für Stägemann immer noch „Bonaparte", aber nicht mehr der „Typhon", das „Schwefelgebürg, das sich auftürmt"^), nicht mehr der Unhold, dessen „Donner dem Höllenstrom ent- quollen" 2), er ist ein Held: Ach! dass ein Held hinab zu den Schatten geht, Ist nicht der Schmerz der menschlich bewegten Brust. Der grosse König ging zu Cäsars Schatten; wir wandeln mit tapfrer Vorwelt. Ja, der Dichter beklagt den Mann, dem das unglückliche Los gefallen, wie die Titanen zerschmettert zu werden: Unselig Los, mit dem der verfolgenden Gestirne Missgunst schwer des Titanenstamms Einsame Geister, hoher Bergluft Seltenes Aarengeschl'echt, belastet! Unselig Los glücktrunkner Gewalt! Dahin Von Rosses Zug^ schaumrasend, entzügelt, hin- Dahin geschleudert — Sieh! sie schütteln Blitz von den Mähnen, sie dampfen Sturm aus. Der Tag erlischt, Abgründe verschlingen Ziel Und Bahn und Spur — und sieh ! an der Wolke Saum Die Sonnenrosse ruhig leuchtend, — Drunten, zerschmettert am Fels, den Cäsar. Wenn es wahr ist, was eine französische Schriftstellerin einst dem Marschall Moltke schrieb^), dass seinen Feinden gerecht werden ein höherer Ruhm sei als die Gloire des Schlachtfeldes, dann hat Stägemann grossen Ruhm verdient, als er, der Preusse, es über sich gewann, im Anblick des namenlosen Grabes von Hudsgate die Strophe zu schreiben: 1) Historische Erinnerungen, 30. 2) Historische Erinnerungen, 9. 3) Die Marquis e de Blocqueville an den Grafen Moltke, eSl. Mai 1890. Holzhansen, Napoleons Tod. 6 — 82 — Kein Mal erhebt sich. — Keines? wie Fitdge Von Adlern rauscht es. Fahnen von Austerlitz, Marengo, Jena, unverweslich, Senken sich über den Hügel Longwoods. Hat das einer der standfestesten Reaktionäre aussprechen können, so darf man sich nicht wundern, dass ein anderer guter Preusse, der Stagemanns rückschrittliche Gesinnung nicht teilte, einen Ton anschlug, welcher zwar nicht unbedingte Bewunderung, wohl aber tiefes Mitgefühl mit dem im Elend begrabenen Feinde atmete. Karl Immermann, der sich 1815 so unbändig gefreut hatte, dass er gegen den Verhassten zur Waffe greifen konnte, schreibt jetzt „Das Grab auf St. Helena", eine sonderbare, in reimlosen Jamben abgefasste Dichtung, deren ursprüngliche Fassung sich schon in der 1822 erschienenen ersten Sammlung der Immer- mannschen Gedichte findet In kühner Vision sieht sich der Poet auf die Insel versetzt, wo ihn ein Hirtenknabe zu dem einsamen Grabe von Hudsgate geleitet Der Zug, dass das kleine Menschenleben, das einst tief unter dem Felsensitze des Riesen dahinschlich, nunmehr gleichwertig neben dem seinigen erscheinen darf, findet sich also auch hier. Wie bei Byron und Platen die Matrosen ihm ein Lied singen, bei Delavigne der Fischer an seinem Grabe die Netze ausbessert, so benutzt der Schäferknabe das Thal von Hudsgate zum Stelldichein, um im Schatten der Trauerweiden, die das Kaisergrab beschatten, mit seinem Mädchen zu plaudern und zu kosen. Jetzt ist ein anderer Besuch da, der Dichter (Immermann), um sich mit dem seiner Gruft entstiegenen Geiste Napoleons zu unterhalten. Also wieder ein Beispiel der schon erwähnten be- liebten Totengespräche ^), nur mit dem Unterschiede, dass einer der Redenden noch unter den Lebenden weilt. Die typische Frage des Abgeschiedenen, wie es auf Erden zugehe, giebt dem Dichter Gelegenheit, das in trägem Schlammfluss dahinschleichende Leben der Reaktionszeit zu malen. Daher gehe denn unter den Leuten die Klage um den Toten, dessen Hekatomben vergessen sind und dessen grossen Geist man zurückwünscht: Es sei ein Unglück, sagen sie, dass du Gefallen seist, sie wünschen dich zurück. 1) Über diese, soweit sie Napoleon betreffen, ist im Anhang i&s Notwendigste gesagt. — 83 — Die Erbärmlichkeit der Menfichen — hier vernimmt man «inen Anklang an Grillparzer — tritt in emem zweiten noch so!nd.erbararen Zwiegespräch hervor, das der Greiflt mit dem All- mächtigen selber hält. Der Kiese erkühnt sich, ^regen Gott, d^»en Donner ihn nicht zu erschrecken vermögen, den Vorwurf m eiiieben, dass er ihn um dieser elenden Sippschaft willen ge- stürzt habe. In anmutender Form aber hat Immermann den letzten Wunsch des Verstorbenen, inmitten des französischen Volkes an döi Ufern der Seine ruhen zu dürfen, in seine absonderlichen Phantasien verflochten^). Als der Mond mit mildem Glänze durch die Gewitterwolken bricht, schimmern zwei Thranen in dem Auge des Gewaltigen : Er, den des Höchsten Feuer nicht erschüttert, Er weinte nim — er weinte, da des Grabes Er dachte, das er wünscht' in seinem Frankreich, 1) Schon unmittelbar nach Kapoleons Tode wurden in Frankreich Stimmen laut, die die Erfüllung dieses Wunsches forderten, um deren Ermöglichnng sich die Vollstrecker seines letzten Willens vergeblich bemühten. Vergl. die Pariset Broschürenlitteratur : Pcnnee rf'wn «oWnf 9ur la s^uUure de JSapoleon (par Alexandre Goujon, Anc. cap. d'artillerie a cheval): Encore tm moi «wr I^apoieonr-le-Orand , precedc d'une Adresse a/u roi par L. PiequoJ, Aoftt 1821 ; Le Cri de la Franee, 1821. Dem Ge- danken Goujous, des Kaisers Asche am Fuss der TendÖmesäule beizu- setzen, über den die Quotidienne entrüstet war, hat der (S. 5 erwähnte) General Berton {Lettre v M. le barm Mounier) beigepflichtet. Auch an die Kammer wm-de eine von General Gourgand u. a. unterzeichnete Bittschrift wegen Bi^atattuiij« der Leiche in Frankreich abgefasst, die auch gedruckt watd. Vi<-r .Utiut» bpöter richtete ein Herr de Chaumont-Guitry, ehemaÜK^^f Maiiiicutlizi^r, üu deu König eine Adresse mit dem gleichen Ver- langen, aeigl. Allg. Ztg., Nr. 805 vom I. Nov. 1825.) Unter der Hestau- ration ein uumögiiclK^) Gedanke, den erst das Julikönigtum ausfahren konnte. Auch uocL von auderer iSeite waren die sterblichen Reste Napo- leons reklamiert worden. 1821 hatte sich ein Bruder Marets, des Herzogs Ton Bassauo, an dat liauzösische Ministerium mit der Bitte gewendet, die kaiserliche Leiche von England zu fordern und Napoleons Mutter zu fibergeben, um sie iu Rom begraben zu lassen. Riobelieu und Pas- .„Totonkränze'* erschienen zuerst im J ahre 1827 _zu Wien bei Wallishausser, in zweiter vermehrter Auflage daselbst 1831. Auf diese zweite Ausgabe beziehen sich die Citate. 2) ,Das GeisterschiiT-' steht in den , Gedichten % 1832, 81 ff. y — 86 — St. Helena entführen. Das Schauerliche waltet hier vor, wie in dem zuerst besprochenen der Immermannschen Gedichte. Hoch auf dem Felsen steht des Kaisers Sarg, nur ein vom Blitze halb zerschmetterter Lorbeer daneben; Scepter, Hermelin und zer- brochene Kronen liegen umher: ein bekanntes Bild von Horace Vernet hat für die Scenerie vorgeschwebt Die furchtbare Einsam- keit des Grabes, die Nichtigkeit der irdischen Grösse und ver- schiedenes andere, was in den „Toten kränzen" nachgelesen werden kann, ist uns schon von Delavigne, Lebrun und Byron her ge- läufig. Neu erscheint bei Zedlitz, neben dem bereits erwähnten Versuche, das grosse Leben, das hier geendet, zu deuten: Ein Wetter — sprach ich — dass die Welt sich reine. Ward er vom ew'gen Throne hergesendet, ein scharfer Protest gegen die Schmähredner und Karikaturenmaler, der die ganze 29. Strophe ausfüllt: Weil mich die Welt an dieses Toten Statte Anekelt, die erbärmliche, gemeine! Denn w^ie Gewürm ist sie vor ihm gekrochen, Als er noch lebte in des Glückes Scheine I Da, um die reichen Schätze Perus hätte* Kein Mund ein lautes Wörtlein nur gesprochen; Doch nun sein Glanz gebrochen, Nun drängen sie hervor sich um die Wette Und speien Hohn und Schmach aus auf die Manen Des alten, hingeschmetterten Titanen, Sie, die zum Prunk getragen seine Kette! — Ihn hassen war erlaubt, ohnmächtige Rotte, Doch viel zu hoch gestellt war er dem Spotte. Der Schütze macht kein Hehl daraus, wohin der abgesandte Pfeil gerichtet ist. „Man braucht hier wohl kaum noch an den Wust von Karikaturen und Schmähschriften zu erinnern," heisst es in den Anmerkungen, „ebenso gemein in der Gesinnung als un- erspriesslich für die Zeitgeschichte. Es giebt Erscheinungen in der moralischen wie in der physischen Welt, die ihrer Furchtbar- keit wegen kaum ohne Frevel zu einem Gegenstande des Spottes gemacht werden können, von welchem Standpunkte aus sie auch immer betrachtet werden. Eine solche Erscheinung war Napoleon !" ^) 1) Totenkränze, S. 137. — 87 — So sprach ein Veteran von Aspern und Wagram: In Waffen bin ich gegen ihn gestanden, Drum mocht' ich ihn nicht schmähn, als er in Banden ! ^) So sprach mit dem anerkennenswerten Freimute Grillparzers auch einer der glänzendsten Kavaliere des Wiener Hofes. Viel- leicht gehörte noch mehr dazu, in der Umgebung des als Quasi- gefangener in der Hofbiu*g gehaltenen Herzogs von Reichstadt, des einstmaligen Königs von Rom, das „Geisterschiff" zu er- sinnen, die merkwürdige Dichtung, die, nach der litterarischen Seite hin den reinsten Typus unheimlicher Gespensterromantik in der Napoleonpoesie darstellt: 1) Diese ritterliche Gesinnung hat dem unglücklichen Zedlitz den ganzen Zorn Heinrich von Treitschkes auf den Hals geladen. „Nur die vollendete Charakter- und Gedankenlosigkeit der Männer des Wiener Hofes,* sagt Treitschke in ,, Frankreichs Staatsleben und der Bonapartis- mus* (Hist. u. pol. Aufs., 4 A., HI, 153), , erklärt das Rätsel, dass zu dem radikalen Dichter (Heine) sich als zweiter Herr von Zedlitz gesellte ; der allbereite Lobredner des Fürsten Metternich wand dem Korsen Totenkränze und überbot noch den Götzendienst der Franzosen*. Wieder einer der zahlreichen Irrtümer des im Detail wie so oft recht ungenauen Berliner Historiographen. Von einem „Götzendienst* kann bei Zedlitz gar keine Rede sein. Dieser fasst, wie wir sahen, gleich Grillparzer den Beruf des Korsen als den eines von Gott gesandten Gewitters auf. Napoleon aber hat sein Amt überschritten und ist dafür der schreck- lichsten Strafe verfallen (Str. 31, S. 33): Denn was ist wert, noch Mitleid zu gewinnen, Wert, dass ihm Thränen rinnen, Ist's nicht der Blick auf jene, die gesunken Dem Arm der Rachegötter, weil, vermessen, Sie der gemeinen Sterblichkeit vergessen, Yom Übermute eigner Grösse trunken? Mit dieser Tragik empfindet der Dichter Mitgefühl: Doch rufst du Hohn nicht über ihn, nein, Frieden. (Str. 28, S. 30.) Wo ist da der Götzendienst? — Und auch der „allbereite Lob- redner des Fürsten Metternich* erscheint an dieser Stelle so unpassend wie möglich. Zedlitz, der damals nicht im Staatsdienste war, neigte trotz seiner konservativen Gesinnung und kavaliermässigen Allüren der Opposition zu (vergl. Wolfgang Menzel's Denkwürdigkeiten, 265, E. V. Mor-Sunnegg, „J. Chr. Frhr. v. Zedlitz über König Ludwig von Bayern. 2 ungedruckte Sendschreiben*, Beilage z. Allg. Zeitg., 1890, Nr. 141/42 (Beil. Nr. 118 19) und war empört über das österreichi- sche Pfaffen- und Spitzeltum (Jahresber. f. Neuere deutsche Litteratur- geschichte, I, 1890, S. 66 [IV, 2]). Ein kleiner, aber, wie ich denke, charakteristischer Beitrag zur Beleuchtung der Zuverlässigkeit des Ber- liner Geschichtschreibers. — 88 — Es rauschen die Winde, die Nebel ziehn, Der Himmel ist sternenleer; Hoch über den schäumenden Wogen hin Durchschwebt ein Segel das Meer. Das Schiff ist, gesteuert von Geisterhand, In unaufhaltsamem Lauf, Ihm schadet kein Sturm, kein Klippenstrand, Kein Lebender weilet drauf! — Vorn am Bugspriet, ein Lohengrin der Nacht, ein fliegender Holländer, steht der Kaiser: Des Königs Schemen allein nur steht Und spähet hinaus in die Nacht. Und sein Busen fliegt, und sein Atem weht. Und das Feuer des Blicks ist erwacht. Das Schiff legt an am bekannten Strand, Und er streckt seine Arme entzückt. Es jauchzt seine Seele: es ist sein Land, Sein Land ist's, das er erblickt! Er steigt aus dem Schiffe und sucht seinen Thron. Der ist zerschellt. Er sucht den Erben seines Reiches; der ist ver- schwunden, und dem Sohne ist nicht einmal der Name geblieben. Die Politik der heiligen Allianz hatte den jungen Napoleon aus einem Könige von Rom zu einem winzigen Herzog von Reichstadt umgetauft. „Wo bist du" — so ruft er — „o Kind, das schon In der Wiege mit Kronen gespielt ? Die Tage des Glücks, sie sind entflohn. Als im Vaterarm ich dich hielt! Meiner Liebe Weib, meines Herzens Sohn! — Dahin mein ganzes Geschlecht! Der Knecht war, sitzt auf des Königs Thron, Und der König ist wieder Knecht!" — Mit Zedlitz' „Geisterschiff", das im Jahre 1832 erschien, sind wir schon etwas aus dem Rahmen dieser Studie heraus- getreten, die Napoleons Tod im Spiegel der zeitgenös^iao^^li Presse und Dichtung zeigen sollte. Doch war der Gedanke ver- führerisch, mit diesem stimmungsreichen Nachtbilde zu schliessen ^). 1) Zedlitz blieb nicht ohne Nachfolger. Wenigstens scheint mir Ed. Fincks in ähnlichem Kolorit gehaltene Ballade „Die mitternächt'ge — 89 — Beschluss. Werfen wir nun zum Schlüsse noch einen Blick aus der Vogelperspektive auf die besprochene Litteratur, besonders die poetische. Den Wahnwitz einiger damaligen Fanatiker, der Tod Napoleons habe nur geringen Eindruck gemacht, wird sie wider- legt haben. Zu deutlich haben die Stimmen aus Norden und Süden gesprochen. Was die Zahl und den Wert der abgegebenen Urteile anbetrifft, so komme ich zu einem ähnlichen Ergebnis wie am Schluss meines „Ersten Konsuls". Die anerkennenden Urteile überwiegen, wobei die aus dem Munde ehemaliger Feinde stammenden mit Recht als doppelt schwerwiegend eingeschätzt werden dürfen. Was die Qualität der Urteile angeht, so wird man ja mit denen unbedingter Bewunderer wie Gegner — von beiden sollen im An- hange noch ein paar Muster angeführt werden — bald im Reinen sein. Wichtiger sind die ernst abwägenden der in der Mitte Stehenden. Von ganz besonderem Interesse die, welche aus liberalen Kreisen stammen. Dass die Liberalen in Napoleon quand m^me den Exekutor der Revolution verehren, zu dem die meisten auch von dem Magnetismus der grossen Persönlichkeit hingezogen werden, ist begreiflich. Dass es ihnen unbequem, vielen sogar furchtbar sauer wird, sich mit dem Kaiser abzu- finden, mit dem auf der Sonnenhöbe des Lebens stehenden Kaiser Ton 1810, und dass sie daher dem von Elba Zurückgekehrten, noch lieber dem Gefangenen von St. Helena ihre Sympathien zuwenden, wird man auch erklärlich finden. Aber eins vennisst man. Keiner der Poeten hat resolut die Frage aufgeworfen : „Musste nicht dieser gewaltige — und warum nicht das Wort Nietzsches ge- brauchen? — dieser Übermensch zur Schöpfung einer neuen sozialen Ordnung durch das Medium des Despotismus und der rück- sichtslosen Kriege schreiten, ganz abgesehen davon, dass ihm diese letzteren, wie wir heute wissen, durch die Beherrscherin des Meeres, Albion, aufgedrungen waren?" Die Frage hat niemand zu stellen gewagt, und man hat sich lieber hinter die fromme Phrase von der „Gottesgeissel" als ein bequemes Schirmdach verkrochen. Da ist doch Platens „Besen der Zeit" ein weit zutreffenderes Bild, noch besser vielleicht das moderne Wort Bleibtreus: „Ich Meerfahrt* unter seinem Einfluss zu stellen. Sie führt den Nordlands- recken Harald 'an das Hünengrab von St. Helena. (Napoleons- Album, hrsg. von Eduard Brinckmeier, Braunschweig, 1842, 253 if.) — 90 — war der grelle Blitz , der die stickigdumpfe Atmosphäre des faulen, morschen Europa von einem Ende zum anderen durch- zuckte " Neben solchen immerhin positiven Urteilen, deren sich manche in den Nekrologen und Totenliedern vorfinden, tritt dann die Enthaltung der ürteilsabgabe gegenüber dem rätselhaften Wesen auf, dem man geschichtlich noch zu nahe zu stehen glaubte und das auch an und für sich etwas Undurchsichtiges, Undurchdring- liches zu haben schien. Daher die vernünftigen Verweise ge- wissenhafter Joiu*nalisten auf die Zukunft und die schöne Be- scheidung Manzonis. Während aber dieser Sohn eines lachenden Südens, in dem plastische Gestaltung gedeiht, seinem kaiserlichen Landsmann eine klassische Toga überwirft, haben deutsche Dichter, angezogen von dem geheimen Grauen, das ihnen übermenschliche Grösse, seltenes Schicksal und rätselhaftes Dunkel einflössten, aus ihm einen nordischen Balladenhelden gemacht, dessen Figur in man- chen Dichtungen — besonders bei Immermann und Zedlitz — in ossianischen Nebeln zerfliesst. Diese Gestalt hat sich eine Zeit lang in der Litteratur erhalten. Auch dem Napoleon in dem „Siebengestirn** des unglücklichen Ernst Ortlepp hat sie das Kolorit gegeben. Nach und zum Teil noch neben ihr tritt aber bald ein freundlicheres Bild auf, äusserlich der einfache Mann im grauen Oberrock und kleinen Hütchen, seinem Charakter nach ein Volks- und menschenfreundlicher Kaiser, mit einer ausge- prägten Sentimentalität. Sie ist Napoleon zwar nicht so fremd gewesen, wie die Anhänger der Eroberungsbestientheorie, die ihm ja jeden humanen Zug absprechen, uns so gern glauben machen möchten; aber in dem ihm von dieser Legende beigelegten Grade kann sie der Mann des eisernen Willens doch schwerlich besessen haben. Rasch wuchs und rankte die Legende um das Bild des Toten. Jener Mai, in dem der grosse Kaiser auf St. Helena starb, war ein fruchtbarer Keimmonat. In der Menge gemein- samer Vorstellungen, Bilder und schmückender Beiwörter, wie sie auch die Litteratur der poetischen Nekrologe aufweist, treten^ worauf schon hingewiesen ward, die Elemente moderner Mythen- bildung entgegen. „Seine ungeheure Geschichte wird ein Mythos", sagt einmal Heine, der selbst schon, halb ohne es zu wissen. ) Werke (Elster), 3, 273. — 91 — • in dieser Mythenwelt mitten inne steht. Auch auf Laube hat sie eingewirkt, während ihr der nüchternere Gutzkow ferner geblie- ben ist. Zur Bildung dieses Mythenzaubers scheint mir ein Umstand beigetragen zu haben, der in gewissem Sinn eine Anomalie, fast ein Kuriosum der Litteraturgeschichte genannt zu werden ver- dient. Die Romantik hat jenen Zauberkreis schaffen helfen, neben der französischen und mehr noch als diese, die deutsche Eomantik, deren glühende Vaterlandslieder einst den Thron des klassischen Cäsar hatten erschüttern helfen. Und doch war vielleicht eine Beziehung zwischen Napoleon und der Romantik vorhanden, wenn man an deren frühere Zeiten und ihr Aus- gehen von Fichte zurückdenkt, den Ichphilosophen, der nicht mit Unrecht von Heine der Napoleon der Philosophie genannt wor- den ist. An dieser Stelle drängt sich ein Gedanke auf, der mit der voraufgegangenen Untersuchung vielleicht nicht gerade in un- mittelbarem Zusammenhange steht, den aber die Insel St. Helena zu heutiger Zeit ausserordentlich nahe legt: „Britannia! dir ge- hört das Meer. Doch das Meer hat nicht Wasser genug, um von dir abzuwaschen die Schande, die der grosse Tote dir ster- bend vermacht hat". Heines Prophezeiung ist eingetroffen, das Vermächtnis hat Zinsen getragen. Während Lord Rosebery einen Teil von Eng- lands Schuld abzutragen versuchte, indem er die schmachvolle Behandlung des Gefangenen von St. Helena durch seine Lands- leute hochherzig einräumte, ist Chamberlain nach Kräften bemüht gewesen, Britannias Schande auf demselben südafrikanischen Boden ins Unermessliche zu steigern. Damals protestirten nur wenige, unter ihnen freilich ein Byron, heute thut es die ganze civilisierte Welt. Anhang. I. Artikel der Times Nr. 11290 vom 5. Juli 1821. (Vorausgeht die Todesnachricht nach dem englischen Courier und nach einer anderen Quelle^). Thus terminales in exile and in prison the most extra- ordinary life yet Tcnoivn to political history, The vicissitudes of such a life^ indeed, are the most valuahle lessons tvhich history can furnish. Connected with, and foimded in the principles of his character, the varieties of forttine which Buonaparte experienced are of a natiire to iJlustrate the most useful maxims of henevolence^ patriotism, or discretion, They embrace both extremes of the condition of man in society and therefore address themselves to all ranks of human beings. But Buonaparte was our enemy — our defeated enemy — and as JEngJishmen we must not tarnish our Triumphs ove^' the living warrior, by unmanly injustice towards the dead. The details of his life are notorious, and we omit them. The Community of which Buonaparte was in his early days a member, and the miJitary education which he received, may, independentJy of any original blas of character, have laid the foundation of the greatness to which he attained, and of that 1) Der vollständige Abdruck des Originalartikels der Times wird dem Leser nicht unwillkommen sein. Gleichzeitig bemerke ich, dass ein oder zwei — übrigens belanglose — üngenauigkeiten in den meiner obigen Besprechung (S. 25—27) beigegebenen Citaten daher entstanden sind, dass mir der (S. 25 Anmerkung 2) namhaft gemachte Auszug der ^Voss. Ztg.", dem eine nicht überall korrekte Übersetzung zu Grunde gelegt ist, früher zugänglich war a]s das englische Original. — 93 — mischievous application of unbridled power, fhrough which he feil very nearly to the level whence he first had started. Nothing cauld be more co7Tupt than the morals of müitary Society among the French before the revolution — nothing more seJfish or contracted than the viem (at all times) of a thorough bred müitary adventurer. Buonaparte came into active life, with as much (but we have no reason to thinJc a larger share of) lax morality and pure selfishness as others of his age and calling. The public crisis into which he was thrown, gave to profound selfishness the form of insatiable ambition, With talents and enterprise beyond all comparison greater than any against which he had to contend, he over- threw tvhatever opposed his progress. Thus^ ambition in him wa^s more conspicuous than others, only because it was more suGcessfuL He became a Sovereign, How, then^ was this pupil of a müitary school prepared to exercise the functions of sovei'eignty? An officer, a^ such, has no idea of divided poiver, His pafriotism is simply love of his troops and his profession. He wül obey commands — he will issue them — but in both cases those commands are absolute, Talk to him of deliberation, of debate, of freedom of action, of speech, nay of opinion, his feeling is, that the body to which any of these Privileges shall be accessible, must fall into confusion and be speedüy destroyed, Whatever pretexts may have been resorted to by Buonaparte — whatever Jacobin yells he may have joined in to assist his own advance towards power — every subsequent act of his life assures us that the müitary prepossessions in which he was educated, became those by which he was influenced as a statesman: and we are well persuaded of his conviction, thas it was impossible for any country, above all for France , to be governed otherwise than by one sole authority — undivided and unlimited. It may, we confess, be no satisf action to the French, nor any great consolatio^i to the rest of Europe, to hnow through what means it was, or by what vicious training, that Buonaparte was fitted, nay, predestined almost, to be a scourge and destroyer of the rights of nations, instead of employing a power irresistible , and which in such a cause none would have feit disposed to resist, for the pr emotion of hnowledge, peace, and liberty throughout the tvorld. In hinting at what we conceive to be the fact, however, we are bound by regard — 94 — for truih; our htmness is not to apölogiee for Buonaparte; but so far as may he done within the brief limits of a news- paper, to andlyze and faithfully describe htm, The factions also which he was compelled to crush, and whose overthrow ohtained for him the gratitude of Ms country^ still threatened a resurrection when the compressing force should he tvithdraum. Hence were pretexts furnished on hehaif ofdespotism of which men more enlightened and better constituted than Buonaparte might not soon have discovered the fallacy, Raised to empire at home, his ambition sought for itself fresh cUiment; and foreign conquest was at once tempting and easy, Here the natural reflection willohtrude itself — what might not this extra- ordinary being have effected foj* the happiness of manJdnd^ and for hi^ oum everlasting fame and grandeur, had he used but a moiety of the force or perseverance in generous efforts to rdieve the oppressed^ which he wasted in rendei'ing himself the monopolist and patron of oppression! But he had left himself no resource. He had extinguished liberty in France^ and had no hold upon his subjects but their love of military glory. Conquest fherefore succeeded to conquest, until nothing capable of subjugation was left to he subdued. Insolence and rapacity in the victor produced among the enslaved nations, impatience of their misery and a thurst for vengeance. In- justice undermined itself, and Buonaparte, with his unseasoned empire, feil together, the pageant of a day, His military administration was marJced by sti'ict and impartial justice. He had the art, in an eminent degree, of inciting the emulation and gaining the affections of his troops. He was steady and faithful in his friendships, and not vindictive on occasions where it was in his power to he so with impunity, Of the deceased Emperor's intellectual and characteristic ascendency over men, all the French, and some of other nations besides the French, who had an opportunity of approach- ing him, can bear witness. He seems to hace possessed the talent, not merely of command, but, when he pleased, of conciliation and persuasion, With regard to his religious sentiments, they were perhaps of the same Standard a^s those of other Frenchmen starting into manhood at a time when Infidel writings had so domineered ovm* the populär mind, that revealed religion was become a public laughing stocJc; - 95 — and in a cotmtry where the pure Christian faith was pei- plexed with subtilties, overloaded by mummeries, and scanda- lized and discountenanced hy a general- looseness of morals, lipon the whole, Buonaparie will go doton to posterity as a man who, having more good at his disposal than any othet^ potentate of any former age, had actually applied his immense means to the production of a greater share of mischief and mi^ery to his fellow-creatures — one who, on the basis of French liberty^ might have founded that of every other state in Europe — but who earried on a series of aggressions against foreign States, to divert the minds of his oton subjects from the sense of their domestic slave^y; thtis imposing on foreign nations a necessity for arming to shake off his yoke, and affording to fm'eign despots a pretext for following his example. The Sensation produced by the deathof Buonaparie will be a good deal confined in this country to its effect as a partial relief to our finances, the expense of his custody at St. Helena being Utile Short of 400000 L per annum. In France the sentiment will be more deep and complex, and perhaps not altogether easy to deßne, The practical consequence of such an event may be remotely guessed at by those who have had occasion to watch, in other goveimments, the difference between a living and an extinct Pr elender. A pretext for suspicion and severity in the administration of affairs may be taken away by a Fretender^s death; but then a motive to moderation — a tei'ror, now and then salutary, of populär feelings being excited in the Pretender's favour by misgovernment — is at the same time removed from the minds ofreigning princes. Buonaparte's son still liveSy it is true; hä höw far he may ever become an object of interest udth any great party of the French nation, is a point on whieh we will not speculate. II. Pariser Tageslitteratur von 1821. Wenn ich meine Leser nun einlade, mit mir den versprochenen Ausflug in das Gebiet der Volks- und Tageslitteratur zu unternehmen, die bei Napoleons Tode in Paris — fast kann man sagen: wie — 96 — Unkraut — aus dem Boden schoss, so beabsichtige ich gleich- wohl nicht, sie in ein bibliographisches Museum voll sauber etikettierter Zettelkasten zu führen, in denen die verschollenen Kinder einer Eintagspoesie, zeitlich oder alphabetisch geordnet, nebeneinandergereiht sind. Wer sich für dergleichen interessiert, wird nochmals auf den betreffenden Band in der Bibliographie de la France verwiesen, wo er die Buchtitel recht schön bei- sammen findet. Der mehrfach angezogene Artikel der „Allgem. poL Annalen" bietet gleichfalls eine stattliche Anzahl von Titeln und gewährt in verständiger Besprechung zugleich einen Einblick in einen wiewohl immerhin geringen Bruchteil dieser schier zahllosen kleinen Schriften. Auch von französischer Seite sind sie — frei- lich auch von dieser nur bruchstückweise — beleuchtet worden. Es geschah das in einer trotz ihres heutzutage enorm hohen Preises ^) fast wertlosen Schrift, De la Sensation qiia faite e^i France la mm't de Buonaparie et des ecrits puhlies ä ce sujet, par M. Thomassy, Paris, 1821, deren Verfasser ausser einigen dürftigen Notizen und spärlichen Citaten nur eine in landläufigem Royalistenstil abgefasste Polemik gegen den „Grenserich-Buona- parte** und dessen Verehrer bietet, femer in dem schon erheblich besseren Werkchen eines alten Offiziers*) A la Memoire du heros malhetireux^ ou Analyse raisonnie des principales bro- chures qui ont paru depuis la mort de Napoleon^ das weit genauer auf den Inhalt der erschienenen Litteratur, freilich vor- zugsweise der prosaischen, eingeht, endlich in einer (mir leider un- zugänglichen) Revue des brochures sur Napoleon von Constant Taillard, der in der beurteilten Litteratur selbst durch eine Orai- son funebre vertreten ist^). M Ich musste fQr das 32 Seiten zählende armselige Schriftchen dem als Sammler von angeblich ungefähr 10.000 Napoleon betreffenden Büchern und Broschüren bekannten Pariser Antiquar Lehec zehn Franken zahlen. 2) Der Verfasser ist (gezeichnet A. G....n) zweifellos der S. 83 dieses Buches genannte Alexander Goujon, Verfasser der Pensee d'un Soldat sur la sepultiire de Napoleon, 3) Solcher Leichenreden sind mehrere erschienen. Eine derselben (u. d. T. Eloge funebre de Napoleon, prononc^ sur sa tombe) wurde dem General Bertrand in den Mund gelegt. Parodisch: Oraison funebre de Napoleon BonapartCj ou Von trouve etabli, d'apres le Moniteur, ce que les vertus du ci-devant empereur ont eoute d^hommes et d^argent ä la France; suivi du teslameni dudit N, Bonaparte: le tout recueilli par un eonserit Jambe de bois. Paris (2 Auflagen). — 97 — Schon beim ersten Durchblättern des 1821er Jahrgangs der Bibliographie de la France eröffnet sich der Blick in einen schier unübersehbaren Urwald von Schriften über den soeben ver- storbenen Bonaparte. Berichte über Krankheit und Gefangen- schaft — z. B. die gleichzeitig auch in Mainz erschienenen Documens pour servir ä Vhistoire de la captivite de Napoleon Bonaparte ä Sainte-Heldne, eine Relation de la maladie et de la mort de NapoUon Bonaparte u. a. — wechseln mit historischen und chronologischen Arbeiten über sein Leben, z. B. Bonaparte oii VHomme du destin, Tablettes historiques et chronologiques etc. und Calendrier Napoleon, Auch erscheinen Würdigungen seines CHkirakters und semer Thaten, vom panegjrrisch verhimmelnden Elogiimi eines unbedingten Verehrers wie des Schreibers von Le Coucher du soleil du 5 mai 1821 durch die ganze Skala des Anschauungs- und Empfindungsvermögens hindurch bis zu den rohesten Libellen fanatischer Ultras, wie der ÄpotMose de NapoUon Bonaparte, ou Signalement de V Antichrist und dem üilloge des eloges, dem ein würdiges Motto Morta la bestia, morto il veneno mit auf den Weg gegeben war*). Daneben wird Altes wieder aufgewärmt oder mit neuem Ge- wände umkleidet. So erscheint eine Ausgabe der damals halb- vergessenen Jugendschrift des ehemaligen Leutnants von Valence, des Souper de Beaucaire% Gourgaud giebt das Manuscrit de Sainte-Helene wieder heraus, freilich mit der wertvollen Zugabe der handschriftlichen Randbemerkungen des Kaisers; eine alte Schrift von 1814, J. A. Jourdains BJeve de Buonaparte, wird unter neuem Titel als Arrivee de Bonaparte aux enfers wieder in den Handel gebracht. Die Spekulation ist so grob, dass man nur die ersten und die letzten Blätter der Broschüre ändert, während das übrige nicht einmal neu gedruckt wird. Auch ein Schriftchen Bonaparte et Fontanes war im Grunde nichts als ein Extrakt aus alten Nummern des Moniteur, in denen der Byzantinismus des genannten französischen Dichters und Senatsmitgliedes den Konsul und Kaiser in dicke Weih- rauchwolken gehüllt hatte ^). Doch mochte es pikant sein, den 1) Eine kurze, kräftige Apologie bietet hingegen die Broschüre : L'homme au petü ehapeau. 2) Im Vorübergehen mag bemerkt werden, dass in dem Sterbe- jahre auch der Druck der ersten Ausgabe von Napoleons «Werken* in der berühmten Panckouckeschen Offizin in Paris in Angriff genommen wurde. 8) Vergl. (Goujon) A la Memoire du h^ros malheureux, 24. Holzhausen, Napoleons Tod. 7 — 98 — inzwischen verstorbenen Prachtodendichter in der Unterwelt die nämlichen Worte wiederholen zu hören, die er an den siegreichen Imperator gerichtet und bei der Restauration feierlich widerrufen hatte. Die Bekenntnisse des seligen Fontanes im Tartarus führen bequem zu der Litteratur der „Totengesprache^^ hinüber, einer schon der poetischen Darstellung verwandten. Spielart der poli- tischen Satire, die im achtzehnten Jahrhundert gebläht hatte und sich in ihren Ausläufern bis tief ins neunzehnte hinein erhalten hat. Auch Bonaparte, der so lange die Welt in Bewegung ge- setzt» hat nach dem Abschluss seiner £rden]aufbahn noch ge- raume Zeit im Reiche der Schatten seine Rolle fortgespidt. Rn nicht ganz übles Werkchen dieses Genres ist Napoleon aux Champs- Elysies, nouveau dialogue des m&i'f^, par un vieux soldai, worin ihm — das versteht sich — die Helden der Vorzeit von Cäsar bis Friedrich den ersten Platz zuerkennen. Etwas Ähn- liches scheinen auch die Nouvelles de Vauire monde gewesen zu sein, die in der Sammelkritik der „AUgem. politischen Annalen^' gelobt werden ^). Wieder eine andere Flugschrift dieser Art, Bonor parte devant Minos, Eaque et Bhadamanthe, lässt den grossen Krieger vor den gestrengen Richtern der Unterwelt erscheinen, während eine gereimte Apotheose , deren Verfasser mit den Buchstaben M. B. gezeichnet hat, ihn zu den seligen Gottern des Olympos führt: L'Olympe a^ouvrct et les dteux assembles Vont decider du sort de cet autre Alexandre. Au r^cit de Clio les juges aont trouhUsy Elle a du, et pourtant on veut encore l'entendre, Jupiter a d'un mot entratne les avis: Du h^roa qui n'eat plus, il a fvi€ la place ; Les ordres tout donnesj ils vont etre swims .... Et le guerrier bientöt aura franehi Vespa/ce : Les Champs Elys^ens sont lihres devant lui. De V^poiix de Rh^a, sollicüant Vappui^ Pour la premüre fofs il ^prouva la erainte ; Mais .... c^^tait une erreur ... 2a haine €tait eteinte. 1) Auch in den Totengesprächen der deutschen Litteratur spielt der verstorbene Kaiser eine merkwürdige Rolle. Nach dem Selbstmord des englischen Ministers Gastier eagh (1822) kam in München eine Flug- schrift heraus : „Buonaparte und Londonderry. £jn Gespräch im Reiche der Todten/ eine nicht ohne Geist geschriebene Abhandlung, was unter dieser Litteratur angenehm überrascht. Die beiden Gegner entwickeln das konservative und das „umstürzende* Prinzip. ~ Als eine tolle Aus- geburt der Phantasie aber präsentiert sich das wunderliche Buch ,Ge- — 99 — Und wieder drängen sich wie in dem Napoleon aux Cham^ Elysies die Helden der Vergangenheit um ihren neuen Bruder: Charlemagnef Henri quatre approchent le guerrier, Le vcrillant Frederic hii preaeTiie un laurier; Louis Quatarne est omprls du vainqueur de Bovine^): II court ä son tour au Vainqueur du Germairty Et lui tend^ant la maiuy II ne sHnforme pas quelle est son origine. Ein feiner Stich, dieser Endzeile, gegen die Ultras und die Emigranten, die, wie wir sahen, den Abschluss des Heldenlebens am liebsten mit Stillschweigen übergangen hatten und, da dies nicht wohl anging, in Schmähungen ausbrachen, ohne damit die erwünschte Wirkung zu erzielen. Letzteres trat besonders zu Tage, als ein infames Libell, die Confession de Bonaparte, von der Pariser Polizei künstlich verbreitet wurde, aber alsbald einer verdienten Verachtung anheimfiel^). Natürlich war dieses „Bekenntnis" eine Fälschung groben Kalibers gewesen, an denen die Zeit überhaupt nicht arm war und zu deren Verfertigung besonders der überall besprochene Hintritt des merkwürdigsten Mannes der Welt anreizte, wovon wir uns schon früher bei der Erwähnung des pseudobyronischen Dithyrambus überzeugen konnten ^). Es liessen sich noch manche heime Papiere des Teufels,« 2 Teile, Stuttgart, Gebr. Franckh, 1828. Der erste Teil führt auch den Sondertitel: „Napoleon in der andern Welt. Eine Erzählung, von ihm selbst geschrieben und bei seinem Grabhügel gefunden auf der Insel St. Helena. Von Xongo-Tee-Foh-Tehi, Mandarin d. III. Kl. Aus dem Englischen." Neben geistreichen Be- merkungen enthält diese Satire eine Menge konfuses Zeug. (Ex.: Königl. Bibl. Berlin.) 1) Philipp II. August, der durch den bekannten Sieg bei dem Dorfe B., am 27. Juli 1214, die Macht Ottos IV. brach. 2) Vergl. (Goujon) A la Memoire du heros malhev/rewc, 6. — Gegen die Confession richtete sich die edlen Zorn atmende Lettre ä M. Mounier, directeur general de la police, sw la mort de Napoleon, deren Verfasser, der von der Restauration unaufhörlich verfolgte und miss- handelte Brigadegeneral Berten, ein Veteran von Waterloo, im fol- genden Jahre wegen der Verschwörung von Saumur das Blutgerüst besteigen musste. y) Vergl. Anmerkung 1 zu S. 54. Nachträglich mag übrigens be- merkt werden, dass die dort gleichfalls genannte Schrift Encore une victime nach dem in der Bibliographie de la France angegebenen Titel nicht Byron, sondern der Schriftstellerin Lady Morgan zugeschrieben wird. Die gegenteilige, jedenfalls irrtümliche Angabe hatte ich einem Katalog des genannten Pariser Antiquare und Sammlers Lehec ent- nommen. — 100 — andere Beispiele dafür bringen, doch will ich mich auf eins beschränken, das insofern sonderbar ist, als es den Meister der kriegerischen Prosa Bonaparte zum Lyriker stempelt. Wie man ihm spater in Deutschland Novellen zuschrieb, die in Wirklich- keit von einem Modeschriftsteller H. E. R. Belani^) herstammten, so erschien im August 1821 in Paris eine SataiUe de Waterloo, die von dem Gefangenen auf St Helena gedichtet und durch einen seiner Leidensgefährten von London nach der französischen Haupt- stadt geschickt sein sollte*). Zur Probe eine Stelle, die zeigen mag, dass der Pseudonapoleon, dessen langes Opus nach dem Zeugnis eines Zeitgenossen reissenden Absatz fand, wenn er auch gerade kein Dichtertalent besass, doch immerhin Verse zu machen wusste: France! Vaigle esi-il mortf . . . La vietoire ahus^e, Aux drapeaux ennemia »''est-elle un jour fixee f Et ne sommes-nouB plus ces guerriera valeureux Qui du monde etonn€ eonqu^rans g^n^reux^ Ont fait briller partout leur /p^e indomptable, Ueclat de leura loAiriera, leur ghire imp^rissahle f . , . Mit Pathos geschrieben, klingt das Lied von des Kaisers letzter, unglücklicher Schlacht in einen Wutschrei aus gegen die Könige von Europa und die Engländer, die so viel Leiden auf das Haupt des einstigen Weltherrschers gehäuft haben : Rots de VEurope! et vous Anglaia trop odieux, Voua avez raasembU tous lee maux sur ma tete . . . Tremblez ! Pevi-itre un jouTj frapp^s de la temp^te^ Vous porterez envie ä mon sort malheureux! Überhaupt ist der Zorn gegen die Engländer, die den Mann des Unglücks zu Tode gequält, ein typisches Merkmal dieser Volks- und Tageslltteratur, zumal der poetischen, der zahl- reichen Oden und Stanzen, die zum Preise des Kaisers gesungen werden, der Romanzen und Elegien, die seinem Elende nach- weinen. Noch masshaltend ist der Schluss der Nuit de Sainte- Helene, einer (in Prosa geschriebenen) Heroide, die wieder den 1) Pseudonym für Karl Ludwig Häberlin, den Sohn des be- rühmten Staatsrechtslehrers. , Napoleons** Novellen erschienen in zwei Bänden 1827. ^) Der vollständige Titel lautet: La Bataille de Waterloo, Poeme, par Napol^on^ envoy€ de Londres par l'un des Francis gm ont accompagn^ le prisonnier de Sainte-H^lene jusqu'ä sa mort. A Paris, chez Ch. Pain- parr6. — Der Buchhändler Painparr^ hat eine grössere Anzahl hierher- gehöriger Schriften verlegt. • • , . • • • • • ; - • • •• •-• • • • ••• •;•: • •. :.••• — 101 — unermüdlichen Alexandre Barg inet von Grenoble zum Ver- fasser hat: Si quelque chose pouvait legitimer davantage les regrets . . ., c' est surfout Vinutüe rigueur qu'on d&ploya contre ce grand komme, Puisse un jour la voix eloquente et libre d' un nouveau Tdcite accuser les Sejans modernes au trihunal des nations^y Wenn der Liberale Barginet sich mit dem bescheidenen Wunsche nach einem Geschichtschreiber der Zukunft begnügt, der die „neuen Sejane" vor das Tribunal der Nationen laden soll, so haben andere weit schärfere Accente gefunden. Die „ewige Schande" (honte eternelle), die der pseudobyronische Dithyrambus über England aussprach, hat auch Cr^bassol, der Dichter einer der verschiedenen „Oden auf den Tod Napoleons" ^) über das Land der Briten herabgewünscht: Sois a Jamals couvert d'une honte etemelley Peuple anglaiSf qui trahis sw ton sol infideU Un guerrier malheurem. Noch andere fordern geradezu zur Rache auf, und der Dichter einer zweiten Ode sur la mort de Napolion^) sieht in kühner Vision den Stern des Korsen der französischen Flotte bei einer Landung an den Kreidefelsen der grossbritannischen Küste vor- anleuchten : Ton astre propice ä la France Contre VAnglaia vaincu guidera nos vaisseauXf Loraque viendra le jour de prendre la vengeance De nos affronts et de nos maux. Begreiflich, dass diese Poeten, die weit weniger Anspruch auf Salonfähigkeit erheben als die vornehmeren Geister des Par- nasses, aber den ungeschminkteren Ausdruck volkstümlichen Em- 1) La Nuü de Sainte- Helene ; heroide sur le tombeau de NapoleoTi- le-Grand, Par Alexandre Barginet (de Grenoble), Paris. Das Citat da- selbst S. 19. 2) Es erschienen im Todesjahre nicht weniger als vier Oden unter obigem Titel. Die im Text angezogene ist von Auguste Cr^bassol, einem Liberalen, der auch Stammes sur la lihert^ de la presse (Paris, 1827) geschrieben hat. Eine zweite {Ode sur la mort de Napoleon, Bonaparte) hat einen „französischen Offizier* zum Yeifasser, eine dritte, in der lithographischen Anstalt von Engelmann gedruckte, ist ohne jede Be- zeichnung des Autors, die vierte ist J. H. gezeichnet und stammt von einem Halbsoldoffizier, der sich zugleich als Mitglied der Ehrenlegion bekennt. Am gelungensten ist meines Erachtens die Ode Nr. 3, die noch mehrfach citiert werden wird. 3) Die bei Engelmann erschienene Ode ist gemeint. '• • • • - • • • — 102 — pfindens vor jenen voraus haben, sich derber und kräftiger äussern als der Weltmann Lebrun, mit dem sie sich gleichwohl im Oe> danken öfter berühren. Toui saupgon nous devient Ugiüme, sagt CL Josselin, auch ein Dichter unserer Gruppe^). Das ge- mahnt an den „vergifteten Britannicu8^^ Vils assossins ! ruft ein Ungenannter, der unter dem Titel Mort premafur4e d' un grand komme ein kurzes packendes fünfstrophiges Gedicht niederschrieb,, dem er das Taciteische Flehunt Germanicum etiam ignoti als Motto voransetzte und das in der Beschuldigung des Kaisej-mordes an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt Auch eine Flug- schrift Accusations contre les meurtriers de Bonaparte hatte den schlimmen Vorwurf zu ihrem Thema gewählt^ und ein biederer alter Militärarzt von der „Grossen Armee" liess es sich nicht aus- reden, dass die Löcher, die der grausige Krebs in die Magen wände seines Kaisers gefressen, durch eingeführte Gifte entstanden seien '). Am schärfst^i hat A. Dreuille die Engländer angepackt, auch ein liberaler Publizist wie Cr^bassol, der 1822 gegen das Dunkelmännertum der Reaktion in einer grimmigen Satire zu Felde zog*). Dreuille hat das schwere Greschütz einer vierzehn- strophigen Ode *) gegen Albions Küsten aufgefahren. Wenn auch nicht verhehlt werden darf, dass seine Aufstellung einen angreif- baren Punkt hatte, den gemeinplätzigen Vorwurf nämlich, das» England durch die Abführung Napoleons nach St Helena das Recht der Gastfreundschaft verietzt habe, so waren doch andere Stellen seiner Ode um so besser, und die beissende Ironie der rhetorischen Frage: Etait-ce bien ä vous ä le nommer tyran, Vou8 qui de l' Amazone aux rives de Golconde VouUx que votre jaug aaservUae le monde f hätte ebensowohl im Jahre 1901 ausgesprochen werden können wie 1821. 1) Stanc€8 8ur la mort de Napoleon. Auch unter diesem Titel giebt es zwei verschiedene Dichtungen über die vielbesungene Katastrophe. Die andere stammt von einem H^rm Senemaud. ^) Reßexiona sur la mort de Napol^on^ euivie» de quelques eonsideratUmiB 6ur l'empoisonnem^nt par le8 auhstanees mtrodmtea dans l'eaUmiae. Fax vat Chirurgien de la vieille arm^. Paris. 3) (Jtierre aux tenibres, Voltaire attaque' par M. Clopineau de Saint^ Ohscur, Chevalier de Vordre de Veteignoir^ et de Veerivisae riunis, d^endu par M. L€elair, soldai dana la grande arm^e de l'empire des lumiere». Dialogu«. Paris, 1822. **) Ode aux Anglais sur la per »Kaution faxte ä NapoUon dang l'tle Sainte-HeUne. Par A. Dieuille. — 103 -- Nicht weniger schlecht als Napoleons Kerkermeister, die Briten, kommen in dieser manchmal etwas drastischen Poesie die Könige weg, die des Kaisers Fesseln geschmiedet. Besonders stark wird dabei der Gedanke ausgebeutet, dass Napoleon, dieser Mächtige : Un momenl dans tea mainSj de l'empire du monde Dieu d^posa le poidSy jene Kleinen einst in seiner Gewalt gehabt habe und diese dafür an dem gestürzten Titanen eine unritterliche Rache genommen hätten^). Ä ton gre^ tu creais, tu defaisais les rois^ sagt Josselin, und le maitre de vingt rois wird der Kaiser von Dreuille genannt. Wieder trifft wie in B^rangers Versen bitterer Hohn die Potentaten wegen ihrer noch immerwährenden Furcht vor dem gefesselten Riesen. Bois, sommeiUez efi paix, ruft daher einer unserer Poeten bei dem endlichen Tode des Kaisers. Und Sene- maud sagt in seinen „Stanzen" von den Toten des grossen Heeres: Et cea illustres mortSy vivant sur la colonnc^ RoiSy voyez-les sans peur^ glaces par le trepas. Greifbarer, plastischer noch dürfte diesen Gedanken ein Herr de Montauban geformt haben, der den Schliesser Hudson Lowe, der sonst in dieser ganzen Poesie auffallend hinter den Kulissen verschwindet, mit seiner Spür- und Spähernase ruhelos um die Hütte des Sterbenden wandern lässt: Berirand qni dwns ses braSf muetf soupire et pleuref Du heros en silence aitend la derniere heure^ Et contraint ses douleurs pour l'entendre parier. Uenvoy^ d^Alhion^ que l'attente d^vore^ Vient savoir si les rois doivent trembler encore: 11 approche . . . Les rois n'avaient plu^ ä trembler*). Ja, die uns bekannten Verhältnisse der Reaktionszeit hatten es mit sich gebracht, dass man fast ohne Gefahr, ein Lächeln zu ernten, bei dem Tode des Autokraten sagen dm-fte: 1) Wer dächte nicht an die , Liliputaner* Heines (Reisebilder, IV, Werke, Elster, 3, 453 —454), die den gefangenen Gulliver zwicken und quftlen ! 2) Les Funerailles de Napoleon. Ode pr^6d^e de son ^loge. P. D. . . 1821. Die Ode ist B. L. de Montauban gezeichnet. Das vorauf- gehende eloge ist vielmehr eine verständige Abwägung der guten und der tadelnswerten Seiten des napoleonischen Regimentes. — 104 — Qu« les 8C€ptre8 tremblana tont que duraient aes jourSf D'un dewpotiame owvert auivent enfin le cov/rs^ Ei, des peuples vend/ua ä la fiyrce des armes, BecueillerUf saris pdlir, les sueurs et les larmes ^). Dieser glühende Hass gegen die Könige der heiligen Allianz, der sich unter den vornehmeren Dichtern nur bei B^ranger und auch bei diesem durch den Grazienschleier wahrer Poesie gemildert wiederfindet, hatte neben der Erbitterung über die endliche Nieder- lage nach so imvergleichlichen Siegen Ont-ils done oublU vingtHiiTiq ans de conquetesf noch einen anderen immerhin nicht unberechtigten Grund, den aber gewisse Historiker mit Stillschweigen zu übergehen oder mit einigen wohlfeilen Redensarten zu überhüpfen pflegen. Ein schweres Verbrechen war zweimal an Frankreich verübt worden, als 1814 und 1815 die fremden Mächte, nach glücklichem äusseren Kriege in die inneren Verhältnisse des Landes eingreifend, dem ehrgeizigsten, empfindlichsten und reizbarsten Volke Europas eine widerwärtige und verachtete Dynastie wiederaufzwangen. Diese gichtischen Bourbonengreise, die der Hilfe von dreizehn Edel- leuten bedurften, um sich frühmorgens beim Lever ein Hemd anzuziehen, sie waren eine lebendige Illustration der Thatsache, dass die verbündeten Souveräne in dem blitzschnellen Adler nicht mü- den welterobernden Cäsar, sondern dass sie in dem Revolutions- exekutor die Prinzipien von 1789 bekämpft hatten. Zu ver- wundem ist es daher gerade nicht, wenn die französische Oppo- sition sich sehr bald daran gewöhnte, die grossen Kriege neben der nationalen Seite als einen Ringkampf des Obskurantismus gegen den Geist des. Jahrhimderts und des Fortschritts anzu- sehen*), der nach ihrer Ansicht erst in der heissen Julischlacht von 1830 die ihm angelegten Fesseln wieder zersprengte. Hieraus und aus anderen^ Gründen wird erklärlich, dass Napoleon in manchen dieser Gedichte fast weniger als der ge- waltige Kriegsmann denn als der weise Gesetzgeber und weit- blickende Baumeister gefeiert wird, Seiten seiner Thätigkeit, 1) Elegie sur la mort de Napoleon, suivie de ses Adiew^ ä Marie- Louise. Par la veuve d'un soldat, Paris. So der Titel nach der Biblio- graphie de la France und der mir vorliegenden Kopie des Exemplars der Nationalbibliothek. Q u 6 r ar d giebt an : „par la veuve d'un Polonais.* Gezeichnet ist die Elegie: Mme. Bernard. Das Motto lautet: La veuve du Soldat est veuve du grand komme. Die Vorrede besteht in Variationen dieses bezeichnenden Leitsatzes. 2) Vergl. oben Kap. I. L^sd — 105 — deren er sich während seiner Gefangenschaft auf 8t. Helena mit Recht hatte rühmen können. Gewiss tritt auch der Mann der Heldenglorie, namentlich in den von alten Soldaten erdachten Strophen, gebührend hervor. So singt Senemaud: France, l'oublieraS'tUf le geant de la gloiref IL guida tes dra/peaux avx deserts de Memphis; A ton ehar ü fixa IHnconstante Victoire ; Des vainqueurs de Wagram ramena les debris, und ein Anonymus, der keineswegs zu den gedankenlosen An- betern des Helden gehört % verwendet den unvermeidlichen Reim auf -oire, um die schmückenden Beiwörter hineinzukleiden: Uamanlf le fils atme, Mri de la victoire^ Le h^ros qui du temps forcera la memoire. Aber daneben erscheinen in wuchtiger Hervorhebung die Land- und Wasserstrassen, die des Mächtigen Hand gezogen, erscheint der Louvre, das kostbare Vermächtnis der alten Könige, das Cäsar vor dem Verfall geschützt und an dessen Ausbau er werkthätig gearbeitet hatte: iSW nous du sein des camps s'etendait ta pensee; Des routeSy des canaux s^ouvrent de toutes parts, Le Louvre enfin s'acheve Athene est /elipsee Par V^clat de nos arts^). Auch des Kaisers eigene Bauwerke werden natürlich be- leuchtet, unter ihnen der dauerhafte Monumentalbau seiner Gesetz- buchschöpfung : Ont-ils donc oubli^ ces nombreux edifiees Qae firent ^ver ses mains totfjours propicesf Ont-ils donc oubli€ ses immortelles lois Q^i servent de legon aux peuples comme aux Itois^)f Mit dieser durchweg sehr hohen, manchmal sogar exaltierten Bewunderung des Helden kämpft in anderen, mehr der nüchternen Reflexion zugänglichen Gemütern der Widerwille gegen den Mörder der „Freiheit". Derselbe Streit der Empfindungen, der auch in Byrons stolzer Seele auf- imd abwogte. „Napoleon", 1) ün mot sur Napoleon; suivi d'vne ode sur sa mort, Par F. M. Paris. — Auch dieser F. M. war ein Offizier, F. M. Leblanc, der aber recht leidenschaftslos arteilte, wovon sich der Leser bald überzeugen wird. 2) C. Josselin, Stances sur la mort de Napoleon, 3) Vers et romanee sur la mort de Napoleon Bonaparte, Par M. Alexandre. Paris. Aoüt 1821. (Vielleicht ein Jugendversuch des Helle- nisten Charles Alexandre??) — 106 — sagt F. M. Leblanc, der soeben in der Note (8. 105) genannte Verfasser eines Prosaaufsatzes und einer Ode auf den Kaiser, Napoleon verführte die Franzosen durch den Ruhm ; er eroberte ihre Herzen, . . . aber er entfremdete sie sich bald, als er sie der Freiheit beraubte". Die siegreiche Überwindung der Invasion von 1792 und der Misserfolg des Jahres 1815 haben diesen Offizier der alten Armee zu Ansichten geführt, die seinem sonst so sehr verehrten Kaiser keineswegs immer günstig sind. Während aber nun Leblanc gleich Delavigne aus der Unterdrückung der Freiheit geradezu Napoleons späteren Zusammenbruch ableitet: De Vabsolu pouvoir la dangereuae iwesae Du ccBur de tea sujets exilant la tendresae, Meme en t^offrant leurs bras; Tu n'avais pour aoutien que le dieu de la guerre^ Pour amia que des rois ; va, tu ne pouvaia guh'e Eviter les ingrats, wird umgekehrt ein anderer Freiheitsenthusiast von dem strahlen- den Glänze des auf seinem Siegeswagen dahinstürmenden Imp^*a- tors geblendet und mit fortgerissen^). Erst hat er mit der zweifelnden Frage eingesetzt: Quoil je vanterais »ur ma lyre De notre liberU Vaudacieux vainqueurf Dann aber heisst es weiter in schwungvollem Odenstil: Indestructibles PyramideSf AuiterlitZf Maringo, Montenotie, Friedland, Et vmia tou8 lieux, iemoins de ses exphits rapides, Dites, le trouvez-vous moins grandf um mit der echtfranzösischen Wendung zu schliessen: Hdtez-voua de faire de l'hiatoire, Saliaaez'la des traita d*un erayon effronie; La gloire malgre voua aera toujoura la gloire Aux yevx de la poaterite^). J) Der ungenannte Verfasser der bei Engelmann gedruckten Ode. 2) Ähnliche Gedankenreihen inBarth^lemys zehn Jahre späterem Gedichte 18 Brumaire an 8 (Douze Joumeea de la r^valution, in: Nou- veautea de la litterature frangaiae, Stuttgart, 1832, IX, 349 ff.). Es heisst dort am Schlüsse (S. 369): Paflez-nous d'attewtat, de crimen de bmmaiA'e . . . Noua aonvmea sourda, notre cell €bloui pour javiais, Ne voit que lui^ debout aur toua lea hauta aommeta, Lui qui dana un aeul nom a relie Vhiaioire, ,Qui par mille torrena notia a verae la gloire, Cette gloire qui donne une male fiert^^ Et fait oublier tout, meme la liberte. — 107 — Lassen sich indes unsere Tagespoeten nicht in gleicher Weise, wenigstens nicht alle in gleichem Grade, von Napoleons grossen Thaten zu kritikloser Bewunderung verleiten, so ist ihnen ohne Ausnahme ein anderer Zug gemeinsam, der schon bei den be- rühmteren Bewohnern des Parnasses so vielfaxjh und so stark ent- gegentrat, dass wir uns, um Wiederholungen zu vermeiden, an dieser Stelle kurz fassen wollen. Sie alle werden von dem Elend, das auf St. Helena ihren geliebten Kaiser verfolgte, in innerster Seele bewegt. Dass er Weib und Kind entbehren musste, er, „der Europa zu seinen Füssen gesehen", ist ein bis zur Ermü- dung wiederkehrender Gedanke. Der Naivetät dieser Dichter und dem Mangel ihrer Bekanntschaft mit dem, was hinter den Kidissen vorging, ist es dann zuzuschreiben, dass die illustre fille des Cisars^ Marie Louise, als zärtlich liebende Gattin erscheint, welcher ernstlich zugemutet werden kann, den „edlen Schössling" ihrer Ehe von des Vaters Unglück zu erzählen: Mais je te legue aux soins de ton auguste m^re, ün jour, par ses r^eitSy tu sauras mes revers ^), Hektors Gattin hatte, wie wir vernahmen, näherliegende Sorgen und überliess es Fremden, Ruhm und Unglück des Vaters dem Sohne zu künden*). Auch des Kaisers letzte Äusserungen, die ausser Sohn und Gattin das Land Frankreich betrafen und ihm manch erkaltetes Herz zurückgewannen, neue eroberten, klingen in den Versen dieser einfachen Menschen wieder, oft in rührendem Ausdruck. Gegen- über der Stereotypie solcher Stellen und Wendungen hat indes der eine und der andere der Poeten grössere Selbständigkeit und Originalität bewiesen. Hiervon ein paar Proben: Der Verfasser der Apotheose wagt sich an eine Schilderung des Sturmes, der die Felseninsel umtobte, als am Abend jenes 5. Mai des Kaisers Haupt sich zum Tode neigte: 1) (Mme. Bernard), Elegie sur la mort de Napoleon, 2) Auch in Österreich hat der naive Yolksglaabe von der „Liebe* der Habsburger für den , gekrönten Plebejer", der sich in die erlauchte Familie eingedrängt hatte, lange Zeit gefabelt. Im Jahre 1833 sagt ein ehrlicher Wiener zu Heinrich Laube: „Sie wissen es da draussen garnicht, wie sehr unser Kaiser (Kranz L!) dem Napoleon zugethan war . . . und was es sein Herz bedrängt hat, ihn stürzen zu helfen*^. «Nein, das wissen wir nicht und glauben wir auch nicht,** setzt der Dichter der „Karlsschüler " sehr verständig hinzu. (Laube, Reise- novellen, II, Ges. Sehr., 9, 76.) — 108 — L' Univera a trembU .... De nnistrea pr^ages SembUnt d'un grand malheur annoneer le moment .... Des nuages ^paU couvrent le firmament * * L'Oc€an 8e aotdtvCf et le cri des tempeles Retentü dana lea hoia; On entend du Deatin la redoutable Voix .... La foudre a renverae lea plus auperbea titea .... (iui danc encore daü aticcamberf Quel eat ce fier proacrü, d^ehu de tant de gloire, Dont le froiU vient de ae courber Pour aaluer Vaatre de la Victoire f Und einer der Odendichter ^), der ein stupete gentes an den Kopf seines Carmen gesetzt hat, erzählt in strophischer Form die Ankunft der Todesnachricht in Europa, um dann gleich dem eben Genannten eine Apotheose des Helden anzuschliessen : Quel cri aur eette mer profonde Retentit malgr^ lea autana ; 11 impoae ailenee d l'onde^ II triainphe du bruit dea Venia, ün vaisaeau paratt aur Veapace: Semblable ä Vaigle de la Thrace Si rapide dans aon eaaor; II vole aux rivea d'Angleterre; Le cri ae r^pHe ; et la terre Apprend que Bonaparte eat mort. 11 quitte Vexil ei la vie, L'hiatoire allume aon flambeati; A aa elart^y la calomnie Expire au pied de aon tombeau, Ce rocher j cea grottea profondea Ou la mer vient briaer aea ondes^ Ne peuvent plua le retenir: II eat libre; et la renomm^e^ Sana or, aana flatteur, aana armee Porte aon nom dana Vavenir^). • Der Schauer, der beim Tode des Riesen durch die Natur zu gehen schien, durchbebt auch das kalte Erz. Die Vendömesäule, von deren Kapital die kleinliche Rachsucht enger Geister das Standbild des Siegers gerissen, scheint sich zu recken, und die 1) Ode aur la mort de Napoleon Bonaparie. Par un officier fran^ais. (Nr. 2 der unter gleichem Titel erschienenen Oden). 2) Über die vielfältige künstlerische Verwertung der Apotheose des von der Göttin des Ruhmes in die Wolken getragenen Kaisers vergl. das bekannte Prachtwerk von Armand Dayot, Napoleon raconU par Nma^Ct chap. VIII. -- 109 — in Eisen gegossenen Krieger steigen herab, um ihren Kaiser zu rächen: On eüt du qu^cigit^e d'un souvenir de gloire, Ces bataillons d'airain marchaient ä la Victoire, Pour venger noe lauriers des inaultes du Nord^). Aber nicht allein die Schatten sind's, die sich regen. Des Kaisers alte Soldaten, die damals noch zu vielen Tausenden in Frankreich lebten und deren Trauer sich, wie wir sahen, auch subjektiv an dieser Näniendichtung stark beteiligte, werden anderer- seits wieder selbst von den Poeten zum Gegenstande dichterischer Darstellung gemacht Der Schmerz, dessen lauter Äusserung sie sich trotz alier Schnüffeleien einer argwöhnischen Polizei über- liessen und der sogen hie imd da vor den Augen eines Royalisten Gnade fand*), wird von unseren Poeten einhellig gepriesen: Nobles QverrierSf couverts de dcatrices, Vous seuU parlez le langage du Gceury Vous aeula pleure», et bravez les Suppliees .... C'est vaincre encore que plewrer VEmpereur^) ! Es ist sinnreich, dass die Klage um die ferne Asche des Helden und der Wunsch nach einem Begräbnis in Frankreich vorzugsweise diesen Braven in den Mund gelegt wird. Da nun aber ein grausames Geschick dem Toten die Erfüllung seines letzten Begehrens versagt, so sollen die treuesten der Paladine, Bertrand und Montholon, bei ihrer Rückkehr von der fluch- beladenen Insel wenigstens ein Häuflein des kostbaren Staubes mitbringen, um es am Fusse der Vendomesäule niederzulegen, wo jeder wahre Franzose sein Hüter sein werde: Notis canfierons sa garde ä Ums les eceurs fran^is^). Rührend wie dieser bescheidene Wunsch ist auch eine Elegie, Le vieux guerrier au tomheau de Napoleon % von der schon ein zeitgenössischer Kritiker gesagt hat, dass sie „viele andere Gedichte auf Napoleons Tod zu überleben verdiene". Die Er- wähnung dieser liebenswürdigen Verse mag die französische Volks- und Tagespoesie von 1821 beschliessen. Ein alter Soldat, der „die Hälfte seines vom Kriege ver- stümmelten Körpers auf dem Felde der Ehre gelassen," hat die 1) Les Funeraiües de Napoleon. 2) Thomassy, De la sensaiion qu*a faite en France la mort de Buonaparte, 22. 3) Mort prematuree d'im grand komme, *) Alexandre, Vers et romance sur la mort de Bonaparte, &) Erschien (ohne Autornamen) gleichfalls: Paris, 1821. ~ 110 — Wanderung übers Meer zum Grabe seines Feldherm angetreten. Ein junger Insulaner führt ihn zum Thale von Hut's Gate^). Aus dem Gespräche der beiden geht hervor, dass der Gefangene auf der Insel beliebt war und dass Mitleid mit seinem Schicksale auch die Seelen ihrer einfachen Bewohner erfüllte. Der alte Soldat verlässt die Gestade von St. Helena nicht wieder. Wie ein treuer Hund stirbt er auf dem Grabe des Herrn und wird von seinem jungen Freunde neben diesem begraben: Le vieuz guerrier ne quilta plus la plage; II sxiccomha sous le poids de ses mnux; On le trouva sous le sombre bocage; Son eorpi eotivrait la tombe du heros. II fit eonler les pleurs de l'inmlairej . Quif r^etant lea eypr^Sj lea palmiers, Des deux amis reposant sous la terre, Cacha la eendre ä foiee de lauriers^). 1) Die S. 62, 71 u. Ö. vorkommende Schreibung (jHudsgate*) beruht natürlich auf einem Versehen, das durch die falsche Orthographie zeit- genössischer Quellen entstanden war. 2) Die bei Victor Hugo und Heine vorkommende Prophezeiung, dass Napoleons Grab auf St. Helena zu einem Wallfahrtsort für die Völker werden würde, konnte schon wegen der Lage der Insel nicht in Erfüllung gehen und ist wohl auch kaum in eigentlichem Sinne zu verstehen. Doch existiert neben der im Text behandelten, natürlich auf poetischer Fiktion beruhenden £legie ein etwas späteres Gedicht von MariusVilJers, Pelerinage ä Sainte-Helene, das auf einem wirk- lichen Besuch von Longwood zu benihen scheint. Leider ist mir dieses in dem pseudo-loweschen Memorial S. 375 erwähnte Schriffcchen, nach dem auf der Pariser Nationalbibliothek vergeblich gesucht wurde, un- zugänglich gebliehen. Dasselbe gilt von einigen anderen Sachen (dem Gedichte Charit de mort sur Napoleon, der Elegie Le Ne'ant des grandeurs und einer angeblich wieder aus dem Englischen übersetzten, 28 Seiten langen' Ode Leu Cendres du prisonnier de Sainte-HeUne). — Gehören diese Schriften zur eigentlichen Nekrologenlitteratnr von 1821, so ist eine 1822 auf der Insel Mauritius erschienene, ein Jahr danach bei Palmer in Philadelphia in einer Prachtausgabe und später noch öfter aufgelegte, über 200 Seiten lange Dichtung Napoleon^ poeme en dix chants^ vielmehr ein Versuch, das ganze Heldenleben zu behandeln, wie das später Edgar Quinet in seinem Napoleon (1886) gethan hat. Das lange Zeit Napoleons Bruder, dem damals unter dem Namen eines Grafen Surviliiers in Amerika lebenden Joseph Bonaparte, zugeschriebene Werk entstammt der Feder eines aus der Champagne gebürtigen Franzosen Hubert- Louis Lorquet, der damals eine Lehrerstelle am coUöge jener ent- legenen Insel bekleidete, die er infolge seines Buches verlor. (Sehr interessante Notizen zur Geschichte dieses wenig bekannten Gedichtes und seines Vei-f assers in: Quörard, Supercheriea lüteraires, 2. 6d., I, 550 if.) — Auch einer anderen seltenen Schrift: Napoleon au paradia et — 111 — Und, man verzeihe ! — noch ein eigentümlicher Nekrolog ist in diesen Tagen dem Kaiser der Franzosen in seiner ehemaligen Hauptstadt geschrieben worden, den ich nicht mit Stillschweigen übergehen möchte. Auf S. 379 des oft genannten Bandes der französischen Bibliographie steht wörtlich zu lesen: Necrologie. Buonaparte (Napoleon)^ ne ä Ajaccio le 15 aoüt 1769, est mort ä TiJe Sainte-Helene, le 6 mai 1821. On a de lui („man hat von ihm") .... und nun folgt die Aufzählung zweier seiner Jugendschriften, darunter das Souper de Beaucaire, und mehrerer ihm zugeschriebener Werke. Was dem Kaiser Napoleon versagt bliaj?, eine offizielle Todesanzeige in der Tagespresse, dem Schriftsteller Bonaparte hat man es doch nicht verweigern können. m. Deutsche Veteranenlieder auf Napoleons Ende. Diesen Proben französischer Eintagspoesie mögen noch ein paar deutsche Versuche folgen, deren Anspruch auf Unsterblichkeit freilich noch erheblich geringer ist als der jener Franzosen, unter deren poetischen Nekrologen sich doch immerhin recht ansprechende Piecen finden, während auch bei den geringeren der romanische Formensinn über den minderen Wert des Inhalts leichter hinweg- tauscht, als bei den hier zur Besprechung kommenden Liedern rheinischer Napoleonsveteranen. Bevor ich übrigens zu diesen übergehe, möchte ich in Er- mangelung eines passenderen Platzes noch eine Ode einschalten, die in dem (damals von Stöver herausgegebenen) litterarischen Teile des „Hamburgischen Correspondenten" vom 4 August 1821 aus der Feder eines Herrn Adolf Peters in Hameln erschien und in en exily poeme avec des noieSj auivi d'une epitre av, diahUj par le It. P. ignorantin *** (L.-J.-A. de Porter), membre corr. de l'Aeademie des bonnes lettres, Paris (Bruxelles), 1824, zu deren Kenntnis ich gleichfalls erst nach beinahe vollendeter Drucklegung meines Buches gelangte, habe ich inzwischen nicht mehr habhaft werden können. Offenbar gehört dieses schon einen Tag nach seinem Erscheinen polizeilich mit Beschlag belegte Werkchen in die unabsehbare Reihe der politischen Satiren der Restaurationszeit. — 112 — ihrem ganzem Tenor die Befangenheit eines auf dem Standpunkt von 1813 stehen gebliebenen Gegners verrät, dem freilich ange- sichts der Majestät des Todes das Zartgefühl gebot, seine An- klage, statt mit der früher üblichen Verwünschung, in Lamar- tineschem Sinne mit einer — allerdings so unvermittelt wie möglich angehängten — Bitte um Vergebung für den Frevler zu schliessen : Bonapartes Tod. Schlaf ewig, Unglückseliger! — Der Fremdling nur Auf fels'gem Eiland irrt um dein einsam Grab: Doch dieses Schreckbilds Grausen fasst ihn, Und er entfliehet und schauert im Fliehen. O furchtbar warst du! Deiner Gedanken Flut Entrollte, unheildräuenden Wolken gleich; Wie Blitze waren deine Winke, Deine Gebote wie Feuerstürze. Doch Heil! Du sankst dahin, wie, wenn ungeglaubt^ Das- All versengend nicht mehr, der Sonnenball Urplötzlich in ein nichtig Flämmchen Sänke und schmachvoll in Nacht erstickte. Schau nicht zurück! — Der Waisen Geseufz und Angst Sind deine Lorbeem, Thränen des Wehs dein Kranz, Millionen Flüche deine Ernte, Deine Trophäen ein rauchend Blutmeer! Nicht ein Jahrhundei-t, Schöpfer! verrinnt, und schon Ist kein Lebendiger dieses Geschlechtes mehr: Uns allen leih dann Huld, o Vater, Aber vor allem sei ihm du gnädig. Empfindet dieser, wie die — freilich nichts weniger als meisterliche — Handhabung der alcäischen Strophe verrät, den litterarisch gebildeten Klassen angehörige Autor für Bonaparte nur die mit Grauen gemischte Abneigung des jungen Victor Hugo, so verraten die in dem früher erwähnten Mainzer „Lled^bueh für Veteranen der grossen Napoleonsannee von 1803 bis 1814^ ge- druckten Trauergedichte, die zwar erst 1837 gesammelt erschienen, aber teilweise schon früher abgefasst zu sein scheinen, den ultra- radikalsten Standpunkt eines naiv gläubigen und verhimmelnden Heroenkultus. Viel mehr noch als jene französischen sind sie — 113 — Volksgedichte, auch in dem Sinne, dass sie nicht allein für das Volk geschrieben, sondern aus dessen Schoss hervorgegangen waren, wiewohl der Herausgeber des Liederbuches, der Mainzer Stadtpoet und Zeichenlehrer Niklas Müller, vor der Veröffentlichung an manchen ein wenig gemodelt und gefeilt zu haben scheint. Gute Mainzer Bürger waren die Verfasser, tapfere Männer, die in den Tagen des Empire nach Spanien ihre Muskete getragen und den müden Leib aus Busslands Schneefeldern zu den weinlaubumrankten Hügeln ihres Bheinstroms zurückgeschleppt hatten, ohne darum in der Begeisterung für den angebeteten Feldherm wankend geworden zu sein. Natürlich ist diese gläubige Soldatenpoesie von den seit 1822 erscheinenden Berichten der Gefährten Napoleons auf St. Helena, den „Evangelien" der Las Gases, O'Meara imd Antommarchi, sehr stark beeinflusst. Hiermit hängt zusammen, dass Hudson Lowe, dessen unschöner Kopf mit dem verkniffenen Pedanten- gesicht in den französischen Poesieen von 1821 erst eben hinter den Kulissen hervorlugt, in Lebengrösse auftritt, um in dem Mysterium dieser Passionsgeschichte die Rolle des Teufels zu spielen, während Judas Ischariot, der den Heiland Bönaparte verkaufte, durch Walter Scott, den Verfasser des Life of Napoleon, vertreten ist^). Dagegen werden die mit allen Tugenden geschmückten Apostel Bertrand und Montholon, Antommarchi und Napoleons treuer Kammerdiener Marchand wehklagend an die Gruft des Kaisers geführt, der in verklärter Glorie erscheint, als der grosse Mann, der Menschenfreund, dessen gutes Herz in den kleinen Kinderherzen der Bertrandschen Knaben, seiner „Spielgefährten", wiederscheint. In ungelenker Form geschrieben und mit Platitüden, Ge- meinplätzen und das erlaubte Mass beträchtlich überschreitenden Fückversen angefüllt, würden diese Gedichte in der vornehmen Gesellschaft der früheren Kapitel eine groteske Rolle gespielt haben, die sie um der ehrlichen Gesinnung willen, der sie ent- sprangen, nicht verdienen. Ich gebe hier nur eins, das nach meinem poetischen Empfinden erträglichste Erzeugnis aus diesem Kreise, um mich im übrigen auf kürzere Hindeutungen zu beschränken. Ausser den Scenen am Gmbe von Hut's Gate, wo die Be- gleiter des Gefangenen, einer nach 9em anderen, auftreten*) und 1) Beide werden besonders in den von Müller zu dem Liederbache geschriebenen Noten tüchtig mitgenommen. 2) Liederbuch, Nr. 174—178, S. 376 ff. Hol zh aasen, Napaleons Tod. 8 — 114 — dem am Schlüsse (S. 116 — 117) abgedruckten Gedichte dürften in den Rahmen meiner Untersuchung überhaupt nur noch zwei Stücke des Liederbuches gehören. Das erste, „Schmerzliche Erinnerungen an Napoleons Tod"^), ist eine armselige Reimerei, wie gleich die erste Strophe beweisen mag: Gross, Napoleon, warst du im Glücke, Grösser aber in dem Unglück noch. Nimmer beugtest du im Missgeschicke Deinen Nacken in der Kleinmut Joch. Das andere, „Napoleon an seine Freunde u. s. w.", behandelt die „vier Vermächtnisse" des sterbenden Kaisers, die, den vier Codicillen seines Testamentes entsprechend, bis in die genauesten Einzelheiten aufgeführt werden^). Ist es nun schon an und für sich ein wunderliches und in der Litteratur vielleicht einzig da- stehendes Unterfangen, die Bestimmungen einer notariellen Ur- kunde in Verse zu bringen, so muss man sagen, dass Idee und Ausführung einander würdig sind. Auch die sonstigen Zuthaten machen das seltsame Gericht nicht schmackhafter. In haar- sträubenden Versen, die eine Parodie auf Manzonis, Byrons, Lamartines glänzende Bilder sein könnten, wird hier des Kaisers Laufbahn geschildert, die das Auge des Verbannten noch einmal rückblickend überschaut: Sollt' es ein Fa Presto geben. Der mit zaub'risch fixer Hand Wichtigstes aus meinem Leben Brächt' in cyklischen Verband, Von Ajaccio, der Wiege Bis aufs Grab von Helena. 1) Liederbuch, Nr. 132, S. 280-282. 2) Liederbuch, Nr. 188—191, S. 410 ff. — Napoleons vielumstrittenea Testament, dessen Ausführung unter den obwaltenden politischen Ver- hältnissen und bei der gänzlichen Gleichgültigkeit der Exkaiserin Marie Louise auf grosse Schwierigkeiten stiess (vergl. hierzu Welschinger, a. a. 0., Kap. XII), wurde vielfach gedruckt und von Freunden und An- hängern in seinem Sinne ausgebeutet. — Einige Ausgaben: Testament de Napoleon^ avee une traduction anglaiae^ Londres, imprim^ pour J. Ridg- way, Piccadilly, 1824, IV, 58 S. Deutsche Ausgabe u. d. T. »Napoleons Testament. Aus dem Französischen", Leipzig, Rein, 1824, VI, 88 S. (enthält ein durch Censurstriche stark verstümmeltes zustimmendem Votwort); , Napoleons letzter Wille,* o. 0., 1824 (als Flugschrift ge- druckt, 8 S.); , Napoleons politisches Testament. Nebst einem Ver- zeichnisse seiner Vermächtnisse. 2te m. d. politischen Testament Peter» — 115 — Herkulsbilder, Theseus, Bama^), Stünden neben Demosthen, Crösus-Irus-Panorama, Bildstoff au8 Jahrhunderten; Diplomatische Visagen, Kriegertrotz und Kriegerwut, Bunte, reichliche Staffagen Für der Künstler Lust und Mut. Diese Bilder fliehn vorüber, Uberwebt von Wahnsinns Hauch, Ja, mir malt ein heisses Fieber Dies Utopien vors Aug. Bären, Drachen, Basilisken, Diademenkonfluenz, Pyramiden, Obelisken, Vesuvskrater, Pestilenz! — Wie bei Manzoni spielt bei den frommen Mainzern auch Napoleons Katholizismus eine Rolle. Dass er die Tröstungen der Religion nicht verschmäht, sondern in seinem Glauben ge- storben, wird in dem vierten dieser „Vermächtnisse" erbaulich besungen : Nicht Philosoph, nicht Atheist, Verscheide ich als guter Christ, In meiner Väter Glauben schreit* Ich in die Welt der Ewigkeit; Das Erdenglück, das ich erzielt, Hat mir der böse Geist verspielt. Vergebe, göttliche Geduld! All meinen Feinden ihre Schuld, In deiner Liebe Huld! Ich wünsche, hier nicht missverstanden zu werden. Es ist keineswegs meine Absicht, die Verfasser jener ungelenken Strophen zu verspotten. Sie haben das gewiss nicht verdient. Den Er- innerungen grosser Tage treu, haben die Mainzer Veteranen der Napoleonsarmee, deren Verein erst vor einigen Jahren aufgelöst wurde, sich auch mit der späteren Zeit zu befreunden gewusst. d. Gr. verm. Aufl. Aus dem Franz.", Leipzig, 1824, Exped. d. europ. Aufs. — Eine auf das Testament bezügliche Karikatur bei D a y o t , a. a. 0.. 373. 1) Roma? 8* — 116 — Sie waren auch keineswegs so unpatriotisch, wie es einem Treitschke vorkommen mochte. Enthält doch ihr Liederbuch G^ichte auf den Vater Bhein, auf Winfried, Gutenberg, an den späteren Landes- herm, den hessischen Grossherzog, selbst an die Besatzung und die Kommandanten der Bundesveste Mainz! Diese alten Krieger waren äusserst versöhnlich, dichteten ihre Lieder sogar im Vers- mass und nach den Weisen derer von Arndt und Schenkendorf, und nur Scott und Hudson Lowe bekamen ein- für allemal keinen Pardon. Das Liederbuch der Mainzer Veteranen wird eine höchst interessante Urkunde zur Kulturgeschichte der Stadt bleiben, welche die Besidenz des Kurerzkanzlers des alten römisch-deutschen Beiches, Vorort des rheinischen Stadtebundes und die Wiege der Buchdruckerkunst gewesen ist^). Das bepte der Gedichte des Liederbuches, welches den Schluss- stein dieser kleinen Sammlung bilden soll, führt den Titel: An Napoleons Tod^. Mein Herz nach Parma zu Marie Louisen, Denn Ihr ja hat es angehört! Und meinem Sohn die wichtigen Devisen, Durch die der Vater ihn belehrt! In meinem Testamente wird verteilet Der Lohn, den Dankbarkeit erheischt. O sprecht, wenn ihr an meinem Grabe weilet: „Sein Glaube hat ihn nicht getauscht!" 1) Bis in die Zeit des Krieges von 1870/71 waren die ,anciens' der grossen Armee eine typische Erscheinung im „goldenen Mainz". Mit ungeheurer Begeisterung feierten sie alljährlich am 15. August das Napoleonsfest. Am Allerseelentage hielten sie in Zweispitz und schwarzen Mänteln mit brennenden Fackeln Ehrenwache auf dem Mainzer Friedhofe an dem prächtigen Denkmal, das sie aus eigenen Mitteln den verstorbenen Kameraden errichtet und das heute ihre sämtlichen Namen in goldenen Lettern vereinigt. Der letzte dieser Tapfern wurde 1883 zum grossen Heere versammelt. Der Verein, von den Familien, Freunden und Verwandten noch Jahre lang als eine Art Wohlthätigkeitsverein fortgeführt, ging erst am Ende des vorigen Jahrhunderts ein. Ähnliche Vereine bestanden auch in anderen rheinischen Städten. So z. B. in Köln. Dort wie in Mainz wurde alljährlich (in Köln in der Minoriten- kirche) an Napoleons Todestage ein feierliches Hochamt für die Toten der Kaiserarmee gehalten. In der historischen Sammlung des Museums der Kölner Hahnenthorburg findet sich noch das Diplom eines einstigen Mitgliedes dieser ausgestorbenen Vereinigung, auf dem Kirchhof zu Melaten ein Denkmal ähnlich dem Mainzer. a) Liederbuch, Nr. 183, S. 282—283. — 117 — „Dort an der mir schon lang vertrauten Stelle, Im Slan'thal, wo ich oft geruht, Wo Trauerweiden neigen sich zur Quelle, Dort sei mein Grab an kühler Flut. Der Kriegesmantel, den ich in den Tagen Des Treffens von Marengo trug, Sei meinem Sarg als Decke umgeschlagen, Vignali ^) bete I — Hier genug !" — Dies war das Letzte aus des Helden Leben, Der Himmel selbst legt' Trauer an, In Stürmen sieht man stark die Erde beben, Um Longwood heulet ein Orkan. Der Weidenbaum, der unsem Helden kühlte. Zu einem Moossitz hingebeugt,- — Er stürzt entwurzelt, und der grundentwühlte Vulkan die kahlen Zacken zeigt Die Freunde ihre reiche Thränengabe Dem Helden der Geschichte weihn. Dem grossen Mann im kleinen dunklen Grabe, Ihr Herz ist sein Gedächtnissstein. Doch ist ja schon sein Nam' ein Denkmal worden, Das zu den fernsten Zeiten spricht. Und von dem grossen Veteranenorden Bleibt ewig Er der Ehre Licht! Ein itaUenischer Geistlicher, der 1819 nach St. Helena geschickt wurde, als Napoleons Haaskaplan fungierte und bis zu dessen Tode auf der Insel verblieb. >^m m Inhalt I. Der Gefangene von St. Helena 1 II. Die Pressstimmen 18 m. Die fremdländischen Poeten 33 lY. Die deutsche Dichtung 68 Anhang: I. Artikel der Times Nr. 11290 vom 5. Juli 1821 . . 92 n. Pariser Tageslitteratur von 1821 95 III. Deutsche Yeteranenlieder auf Napoleons Ende . . 111 THIS BOOK 18 DTJB ON THE ImABT DATE STAÜPED BELOW AN INITIAL FINE OF 26 CENTS WILL BE A88ES8ED FOR FAILURE TO RETURN THIS BOOK ON THE DATE DUE. THE PENALTY WILL INCREA8B TO 80 CENTS ON THE FOURTH DAY AND TO $1.00 ON THE SfiVENTH DAY OVERDUE. FEB 1 1937 FEB 1 5 1937 1 lt n YCIC9672 I