Mythen, Mystik und Emanzipation

Über die Ambivalenzen der Theosophie

Dennis Schmolk

M.A. Gesellschaftstheorie (seit WS 22/23) Matrikelnummer: 206141 | Mail: dennis.schmolk@uni-jena.de Website: dennisschmolk.de | Telefon: 0160 / 96 55 36 87

Abstract

Die Theosophische Gesellschaft (TS), gegründet 1875, war Kristallisationspunkt diverser Strö- mungen der Geistesgeschichte. Neben aufklärerischen, darwinistisch-evolutionären, romantischen und okkulten Gedanken kamen hier auch diverse (gegen-)politische Überzeugungen zusammen - von feministischen über antiimperialistische bis hin zu sozialistischen. Besonders Frauen (Helena Blavatsky, Annie Besant, Katherine Tingley u.a.) spielten stets eine maßgebliche Rolle in der Theosophie und ihren Institutionen.

Aber es wäre verkürzt, die Theosophie als emanzipative Bewegung zu betrachten, denn auch Traditionalismen und problematische Doktrinen (etwa Impfgegnerschaft und frühe Pseudowissen- schaft) existieren im theosophischen Diskurs. Die vorliegende Arbeit beleuchtet biographische, aber auch dogmatische und inhaltliche Aspekte der Theosophie ab 1875 hinsichtlich der Frage, inwieweit emanzipatives, marginalisierten Gruppen Handlungsoptionen eröffnendes Gedankengut vorkommt, wie dieses institutionalisiert und von Vertreterinenn und Vertretern der TS gelebt wird. Dabei werden insbesondere die Widersprüche, Ambiguitäten und Ambivalenzen mystischer und mythischer Legitimationsstrategien diskutiert.

Schlagwörter: Theosophie, Blavatsky, Feminismus, Emanzipation

FRIEDRICH-SCHILLER-

En

Seminar: Religion und Geschlecht in der Moderne Dozentin: Prof. Dr. Gisela Mettele WS 2022/23. Hausarbeit. Abgabe: 31.03.2023

Inhaltsverzeichnis

1

Ambivalenzen und Ambiguitäten 3 1:1. Eine Verwirrung. sus zart FRE aa 3 1.2 Ein Schlaglicht auf Ambivalentes ........ 22.22.20... 4 1.3 Forschungsstand zur Theosophischen Gesellschaft... .. ... . 5 Umwelten und Erzählungen: Zwischen Wissenschaft und Religion 6 2.1 Die viktorianische Gesellschaft und ihre Glaubenskrise .... 6 2.1.1 Die Dichotomisierung der Geschlechter... ...... 7 2.1.2 Tendenzielle Leibfeindlichkeit ...........2... 8 2.1.3 Wissenschaft und Religion: The victorian crisis of faith und deren (scheinbare) Überwindung... ....... 9 2.2 Die Evolution der Seele - und der Rassen ............ 10 2.2.1 Wurzelrassenlehre ....2 222222222. 11 2.2.2 Karma und Reinkarnation. ...... 2... 222200. 12 2.3 Mystische Legitimationen und Immunisierungsstrategien .. 13 Die Gründung der TS und ihre ersten Jahrzehnte 15 3.1 Personen und Geschichten... . 2... 2.2222. 16

3.2 Statuten: „without distinction of race, creed, sex, caste or color“ 17

Gender- und Emanzipations-Konzeptionen in der Theosophischen

Gesellschaft 19 4.1 „Gnostic Feminism”: Eine Auflösung der Gegensätze? .... 19 4.2 Androgynität und der „Divine Hermaphrodite” ........ 20 4.3 Der Fall Evas und die Rolle „Lucifers“........ 222... 21 44 Differenzfeministische Frauenbilder ..... 2.222220... 23 4.5 Emanzipative Bewegungen: Sozialismus, „Home Rule“ in In-

dien und die Nachwirkungen der TS ......... 2.2... 23 Fazit 26 Literatur 27

1 Ambivalenzen und Ambiguitäten

One more thing needs to be mentioned. Mrs. Helena Petrovna Blavatski (nee Hahn in Germany), 1831-1891, founder of Theosophy ... was both hypocri- tical and devilish, a true witch of great evil power allied with Illuminati, Grand Orient Masons, Russian Anarchists, British Israel Theorists, Proto- Zionists, Arabian Assassins and Thuggi from India. [...] Here’s some more info on how Blavatsky, theosophy and the motto under the great pyramid on the U.S. Seal fit into the Illuminati picture (or don’t fit into the picture. It’s getting more confusing the further I dig into it!)!

Eines der Kultbücher der Gegenkultur der 1960er und 70er Jahre, die „Iluminatus!”-Trilogie (1975), erwähnt die Mitgründerin der Theosophi- schen Gesellschaft, Helena Blavatsky (u.a. in der Schreibweise Blavatski), insgesamt zehn Mal. Die Autoren, Robert Shea und Robert Anton Wil- son, führen die Lesenden in diesem Monumentalwerk durch die gesamte Geschichte der Geheimgesellschaften und Verschwörungstheorien, der ok- kulten Geheimlehren und ihres (fiktiven wie auch realen) Personals. Dass Madame Blavatsky hierbei eine prominente Rolle einnimmt, verwundert nicht: Blavatsky steht wie kaum eine andere Person für die okkulten und esoterischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts. (Und auch Aleister Crow- ley, der vielleicht prominenteste „Magier“ seit Paracelsus, bringt es in „I- luminatus!” nur auf ein paar Nennungen mehr: Er wird 19 Mal erwähnt.)

1.1 Eine Verwirrung

„It's getting more confusing the further I dig into it!” Kein Wunder: In „Uluminatus!” ist nicht ganz klar, ob Blavatsky als Verbündete, Vertrete- rin oder Gegnerin des titelgebenden Geheimbunds zu verorten ist; das spielt aber auch an sich keine Rolle: So, wie die Theosophie der Mada- me Blavatsky eine Verquickung, Amalgamierung, einen Synkretismus der verschiedensten religiösen Strömungen und gleichzeitig deren synthetisie- rende Re-Interpretation darstellt, integriert auch die Romantrilogie jede denkbare und undenkbare esoterische Wahrheit, „conspiracy theory” und esoterische Codierung. Strukturiert nach dem kabbalistischen Baum des

IShea und Wilson 1975. ILLUMINATI PROJECT: MEMO 15 und 16. Book Two: Zwie- tracht. The Fourth Trip, or Chesed

Lebens (wie Umberto Ecos „Foucault’sches Pendel”? (1988), in dem Bla- vatsky allerdings nur 7 Mal genannt wird), verpacken die Autoren hier eine gewaltige (gegen-) politische Parabel, nach deren Lektüre keine Lese- rin und kein Leser mehr weiß, wo ihnen der Kopf steht.

Eine gar nicht unähnliche Verwirrung betrifft viele „reale” Aspekte von Leben und Werk Helena Blavatskys —- und diese Verwirrung war vermut- lich von ihr auch intendiert. Wie politisch ist diese Theosophie - und wenn sie unpolitisch ist, wieso zog sie so viele politische Geister an? Wie weit führte Blavatsky ihre erste Weltreise wirklich? Ging es ihr in der Synthe- se verschiedener Religionen, in ihrem medialen Wirken und ihrer Rolle in Geheimgesellschaften um Wahrheit, Macht, Geltung, Revolte oder eine Mischung aus alldem? Vertrat sie eine Lehre der Seelenwanderung? oder der Reinkarnation? Passen all die Werkteile zusammen? War sie eine Fe- ministin, oder nur zufällig ein lebendiger Widerspruch zur viktorianischen Frauenrolle? Wie gehen eine Wurzelrassenlehre und die Gleichheit aller Menschen zusammen? War sie ein subversiver Geist, oder ein manipulati- ver medialer Scharlatan?

Und diese Verwirrung nimmt nicht ab, wenn man sich ansieht, was Zeit- genossinnen und spätere Denkende aus der Lehre (und dem Vermächtnis der Person) gemacht haben. Theosophie wirkt nach, bis heute, oft unge- nannt und unerkannt.

1.2 Ein Schlaglicht auf Ambivalentes

Ziel dieser Arbeit ist es, die Ambivalenzen zu beleuchten, die die theoso- phische „Gegenkultur” begleiteten. Dabei geht es vor allem darum, aufzu- zeigen,

® wieso die Theosophie zum Sammelbecken emanzipativer Individuen auf verschiedenen Gebieten wurde.

*Interessanterweise verfolgen sowohl Eco als auch Shea und Wilson dabei die gleiche Richtung, die der Emanation: von Kether zu Malkuth, von Gott zur Materie.

3Der Einfachheit halber wird im Folgenden meist von „Seelenwanderung“” und „Reinkar- nation der Seele” gesprochen. Die theosophischen Konzeptionen dessen, was am Indi- viduum konstant ist und wiedergeboren wird, sind allerdings komplexer und werden teils als „Ego“ (etwa bei Annie Besant: Bevir 1998, S. 216) oder „Spirit“ (bei Blavatsky: Faxneld 2012) bezeichnet. Der Einfluss dieser metaphysischen Details scheint aber für die vorliegende Fragestellung nur von untergeordneter Bedeutung.

e wie ambivalent das Programm der Theosophie in seiner emanzipati- ven Stoßrichtung war.

e wie unklar die Eigendynamiken der theosophischen Lehre einer sol- chen subversiven oder emanzipativen Agenda zuzuordnen sind.

Mit einem kursorischen Blick auf die Wirkungsgeschichte der Theoso- phie, sowohl in den Jahrzehnten nach ihrer Entstehung als auch im 20. Jahrhundert, soll zudem ein Schlaglicht auf die Nachwirkungen der Bewe- gung und ihrer Lehren geworfen werden.

1.3 Forschungsstand zur Theosophischen Gesellschaft

In der Forschung hat die Theosophie nicht immer einen leichten Stand:

Along with a wide range of other „deviant” religious traditions, Theosophy has very often been debunked as ludicrous by powerful individuals and in- stitutions in Christian Europe and North America.*

Die Autoren bezeichnen die Theosophie denn auch als „an unpopular field”. Diesbezüglich scheint sich in den letzten 10 Jahren etwas, aber nicht allzuviel bewegt zu haben. Die Literatur zur Theosophischen Gesellschaft (Theosophical Society, im Folgenden häufig „TS“ abgekürzt), aber auch zu vielen ihrer Vertreterinnen und Vertreter, ist umfangreich, schwankt aber oft zwischen Hagiographie und Häme.

Speziell die Frage der feministischen und frauenemanzipativen Momen- te in und durch die TS kann aber auf einige klärende Literatur zurückbli- cken. Neben dem bereits zitierten „Handbook of the Theosophical Current” (und darin vor allem dem Beitrag von Siv Ellen Kraft) stütze ich mich im Folgenden u.a. auch auf Catherine Tumbers „American Feminism and the Birth of New Age Spirituality“ (2002), die Arbeiten von Per Faxneld zu „Satanic Feminism“ (2017)8, Joy Dixons „Divine Feminine“? (2001) sowie Mark Bevirs „The West Turns Eastward“!? (1994).

Hammer und Rothstein 2013, S. 3.

>Ebd., S. 2 (Fußnote).

6Kraft 2013.

”Tumber 2002.

öFaxneld 2017. Zitiert nach der E-Book-Ausgabe anhand von Positionsangaben statt Sei- tenzahlen.

9Dixon 2001. 10Beyir 1994.

2 Umwelten und Erzählungen: Zwischen Wissenschaft und Religion

Die TS entstand, als eine Mischung aus philosophischem Debattierclub und alternativreligiöser Gemeinde, in einer Zeit des Umbruchs. 1875 in den USA gegründet, nahm sie diverse Fäden des viktorianischen Zeitalters auf: Kulturelle Einflüsse aus einem Jahrhundert des Spiritismus, der S&an- cen, des Okkultismus und der postaufklärerischen, romantischen Wieder- verzauberung; den von der Aufklärung inspirierten Gedanken, Religionen zu vergleichen und einen „Wesenskern”, eine wahre religiöse Doktrin zu finden; politische Entwicklungen der Neuverteilung von gesellschaftlicher Teilhabe; wirtschaftliche Transformationen zwischen industrieller Produk- tion und kolonialer Ausbeutung; und wissenschaftliche Überformungen und Verwerfungen traditioneller Vorstellungen. Kaum eine andere Bewe- gung wird so sehr zum - bis in die New-Age-Ära strahlenden - Prisma der Veränderungen.

Alleine die Amalgamierung romantisierender Tendenzen mit Darwinis- mus und Evolutionslehre ist eine bemerkenswerte Leistung. In diesem Ka- pitel soll daher ein Blick auf die Umwelt(en) der TS geworfen werden; auf die Zeichen der Zeit, die Rolle von großen und kleinen Erzählungen und deren Deutung.

2.1 Die viktorianische Gesellschaft und ihre Glaubenskrise

Als viktorianisches Zeitalter bezeichnet man „[the] period between 1837 and 1901 in English speaking parts of the Western world“!!. Diese Epoche ist gekennzeichnet durch Technisierung und Industrialisierung, Rationa- lisierung und Effektivierung, aber auch durch sprichwörtlich gewordene strenge Moral- und Sittenvorstellungen, die aus den organisierten Religio- nen der Zeit (v.a. aus evangelikalen Bewegungen) stammten.!? Stetige Fel- der der Auseinandersetzung waren Urbanität, Bevölkerungsentwicklung, aber auch die „Frauenfrage”, die Arbeiterbewegung und generell sozial- emanzipatorische Strömungen.

IlKraft 2013, S. 358. l2Seaman 1995, S. 16.

2.1.1 Die Dichotomisierung der Geschlechter

Relevant für die Fragestellung nach frauenemanzipativen Momenten in- nerhalb der TS ist vor allem der soziale Raum der geschlechtlichen Di- chotomisierung.!? Aus dem Bürgertum hatte sich im Verlauf des 19. Jahr- hunderts eine klare Aufteilung von Verantwortungssphären, durchaus aber auch von lebenspraktischen Topographien ausdifferenziert und in allen ge- sellschaftlichen Klassen Einzug gehalten, ein Netz aus Erwartungen und Erwartungserwartungen, das sich um das Geschlechterverhältnis wie um die Lebenswelten legte.

Die grobe (und naturgemäß wie bei allen Klassifikationsversuchen durch zahllose Gegenbeispiele in Frage zu stellende) Aufteilung der Sphären ist uns heute noch bekannt: Während sich Männer außer Haus der Lohnar- beit widmeten, dem Handel und der Politik, dem Materiellen, aber auch dem Kampf und dem Handwerk des Denkens, beschränkte sich die Frau auf die häusliche Sphäre. !? Spiritualität, Empfindsamkeit und Gefühl, aber auch die praktischen Belange von Heim, Herd und Kindererziehung obla- gen ihr. Als Hüterin der Sittlichkeit und Reinheit war ihr keine praktische (etwa politische oder wirtschaftliche, sexuelle oder reproduktive) Autono- mie zugedacht.

Das Private war gerade auch unter dem Eindruck der zunehmend nur noch außer Haus verrichteten Arbeit zusehends wichtiger geworden, so- dass sich die Verantwortung der Frau als „angel in the house” innerhalb eines „cult of domesticity“!? bezeichnen lässt mit allen durchaus einen- genden Folgen für die praktische Lebensgestaltung.

Wie u.a. in 3.1 gezeigt werden wird, steckt viel des emanzipativen Po- tenzials der TS in der Zurückweisung dieser Rollenzuschreibung durch weibliche Mitglieder, etwa durch die Gründerin Helena Blavatsky selbst. Aber auch in den Lehren der Theosophie lassen sich Gegenentwürfe und -stellungnahmen zu dieser harten gesellschaftlichen Dichotomie finden.

Bm Folgenden wird vorrangig aus einer binärgeschlechtlichen Warte argumentiert. Fra- gen nach Transsexualität, Genderfluidität, Hermaphroditismus werden u.a. unter 4.2 gestellt.

14Mit gleicher Gültigkeit könnte man umformulieren: „sie wurde beschränkt“.

15Kraft 2013, S. 357.

2.1.2 Tendenzielle Leibfeindlichkeit

Die Erzählung einer generell leib- und sexualfeindlichen viktorianischen Gesellschaft hält, wie Hugh Urban!® jedenfalls für die USA darlegt, nicht Stand. Vor allem gegen Ende des 19. Jahrhundert habe es einen „[shift from the] spiritualization of love to a new kind of sexualization of love” gegeben: Der viktorianische Fokus auf Liebe innerhalb der Ehe wich der Vorstellung, dass Sexualität in der Beziehung von Mann und Frau eine gewichtige Komponente sei.

Dennoch scheint die praktische Sexualität in der Theosophie auch zur Jahrhundertwende keine größere Rolle gespielt zu haben (ganz im Gegen- satz etwa zur Sexualmagie eines Aleister Crowley wenige Jahre später). Sowohl Blavatsky als auch die spätere TS-Präsidentin Annie Besant!”, von der noch zu reden sein wird, waren sexual- und tendenziell auch leibfeind- lich!®. Sexualität, innerhalb und außerhalb der Ehe, wurde von ihnen für psychische und physische Leiden verantwortlich gemacht, von Blavatsky sogar für „Krankheit an sich”, die bei den sich nur in der Brunftzeit paa- renden Tieren nicht existiere - nur beim permanent in Geschlechtsverkehr verstrickten Menschen. Sexualität wurde auch mit den leiblichen, „niede- ren” Ebenen des Menschen assoziiert, die einer Vervollkommung des „hö- heren Körpers” entgegen stehe. Auf einer ähnlichen Ebene argumentierten Blavatsky, Besant und spätere Autorinnen und Autoren auch für Askese, Vegetarismus und andere Formen der Enthaltsamkeit.'?

16 ‚However, as Michel Foucault and others have argued, the Victorian era was by no means simply an era of prudish repression and denial of sexuality; on the contrary, the late nineteenth century witnessed an unprecedented explosion of discourse about sex, which was now categorized, classified, and discussed in endless titillating”. Urban 2004, S. 696.

Kraft 2013, S. 361.

18Tumber 2002, S. 22.

Kraft 2013, 361f.

2.1.3 Wissenschaft und Religion: The victorian crisis of faith und deren (scheinbare) Überwindung

Die Geologie und ihre Erkenntnisse über das Erdalter, der Darwinimus”

und die Entwicklung der Arten stellten im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Frage, inwieweit die Bibel als authentische, faktische Quelle zu interpretie- ren sein kann.?! Die Religion der viktorianischen Gesellschaft stand aber nicht nur unter dem Druck, sich mit neueren Erkenntnissen der Wissen- schaft auseinandersetzen zu müssen.

Etwa in Amerika schloss sich an die wirtschaftliche Depression 1873 auch ein Rechtfertigungsproblem an, wie Gott so etwas zulassen konnte —- zumal insbesondere der evangelikale Moralismus in Folge des Calvinis- mus das Seelenheil äußerlich eng mit weltlichem Erfolg verknüpft hatte.?? Diese Lesart des Christentums sah sich inzwischen zudem dem Vorwurf ausgesetzt, zu sozialem Konformismus zu führen - der sich wiederum mit eher innerlichen, pietistisch-devotionalistischen Auslegungen wenig ver- trug, die ja auf radikale Aufrichtigkeit der religiösen Empfindungen ab- hoben. Devotionalistischen Tendenzen wiederum wurde wegen radikaler Innerlichkeit die Nähe zu moralischem Relativismus vorgeworfen.

Dieser (verkürzten) Darstellung lässt sich bereits entnehmen, dass von ei- ner einheitlichen christlichen Antwort auf die Fragen des Lebens und des- sen Krisen im Viktorianismus nicht die Rede sein kann. Unter diesem Ein- druck und diversen anderen geistesgeschichtlichen Einflüssen ergibt sich die Gemengelage, aus der die theosophischen Ideen einerseits entstehen, auf der sie andererseits gedeihen können.

Durch den (u.a. romantisch inspirierten?*) Import fernöstlicher esoteri- scher bzw. religiöser Vorstellungen wie Auren, Chakren, vor allem aber

20Wije per Faxneld darlegt, war Helena Blavatsky selbst wohl der Idee einer Evolution sehr zugetan, lehnte die Grundannahmen Darwins allerdings ab, insbesondere ei- ne Abstammung des Menschen vom Affen. Er bezeichnet Blavatsky daher als „anti- Darwinian esoteric evolutionist”, vgl. Faxneld 2017, Pos. 4323.

Bevir 1994, S. 752.

??Tumber 2002, S. 24-26.

PEbd., S. 27.

4 The imagined Orient, peopled by wise and mysterious Hindus and Buddhists, was largely inherited by Theosophy from the Romantics, and had close parallels in the way the Orient was conceived of in other forms of 19th century esotericism and popular culture.” Hammer und Rothstein 2013, S. 8.

Karma und Reinkarnation?® konnte den nicht mehr tragenden christli- chen Ideen und Mythen etwas Neues entgegengesetzt werden - etwas, das (scheinbar) „kosmologisch” mit Darwin und der modernen Geologie ver- einbar war und gleichzeitig durch eine Karma-Lehre handfeste moralische Antworten erlaubte.”

Angemerkt sei hier eine Ambivalenz der Karma-Idee. Einerseits argu- mentiert Blavatsky”’, dass eine karmal begründete Moral eher zu morali- schem Verhalten führe als eine Lehre der reinen Vergebung, wie sie sie dem Christentum unterstellt.2® Die Ratio: Wer weiß, dass alle Handlungen eine karmale Gegenreaktion erzeugen, wird moralischer handeln als jemand, der sich darauf verlässt, dass ein Erlöser für seine Sünden am Kreuz ge- storben ist.

Gleichzeitig bringen transzendente Gerechtigkeits- und Ausgleichsvor- stellungen mit sich, dass jeder beliebige Ist-Zustand gerechtfertigt werden kann: „Crucially, each got what they deserved.”?” Diese Haltung ist schwer vereinbar mit der Idee, dass sich an der Realität etwas ändern sollte, etwa durch emanzipative oder subversive Akte oder politische Betätigung - in einem Zeitalter omnipräsenter patriarchaler, kolonialer, rassistischer und sonstiger Diskriminierung eine ethisch schwer vertretbare Position.

Doch all diesen inhärenten Ambiguitäten zum Trotz: Die Theosophie trat an, um die Widersprüche innerhalb der Religion zu beseitigen. Und mehr noch: Sie schickte sich an, auch diejenigen zwischen Religion und moder- ner, aufgeklärter Wissenschaft zu beseitigen.

2.2 Die Evolution der Seele und der Rassen

So sehr Blavatsky Darwins Lehre hinsichtlich der Abstammung des Men- schen vom Affen ablehnte, so sehr vertrat sie ein fundamental evolutio- näres Weltbild, auch wenn dieses nicht von natürlicher Selektion, sondern von Emanationen, Reinkarnation und Seelenwanderung dominiert wurde. Dieses unter dem kontroversen Stichwort Wurzelrassenlehre zusammenge-

2Hammer und Rothstein 2013, S. 2.

?6Bevir 1994, S. 748.

?7Ebd., S. 761.

28 Wie weit es mit der praktischen, liberalisierenden Wirkung der Vegebung aller Sünden im Christentum her ist, darf natürlich bezweifelt werden.

PBevir 1994, S. 761.

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fasste und bis heute etwa in der Anthroposophie wirksame Erklärungsmo- dell wirft erneut sowohl problematische wie auch emanzipative Wirkungen auf.

Denn da die Seele sowohl in männlichen wie auch in weiblichen „fleisch- lichen Hüllen” reinkarniere (‚the soul must reincarnate both as male and female, thereby to develop through the entire spectrum of human possibili- ties“°0), Jassen sich einerseits gewichtige Argumente für eine Besserstellung des weiblichen Geschlechts entwickeln; andererseits kann aber auch fest- gestellt werden, dass eine Ungleichbehandlung im kosmischen „Großen Ganzen” nicht vorliegt: Wer in einer Inkarnation weniger Rechte genießt, wird möglicherweise durch die nächste Inkarnation karmal dafür entschä- digt.

2.2.1 Wurzelrassenlehre

Nach Blavatskys „Ihe Secret Doctrine” verläuft die Evolution in einer Art U-Form, in deren Tal wir uns gerade befinden:

The Secret Doctrine describes the evolution of mankind through seven so- called Root Races. Humanity, according to this perspective, started out as ethereal and androgynous beings (during the first and second Root Race) and will, in a distant future, return to this status (during the sixth and seventh Root Races).>!

Zwischen diesen Stadien der menschlichen Entwicklung liegt ein „Fall in die Materie”, eine etwa auch aus Emanationslehren wie der kabbalisti- schen Tradition des westlichen Okkultismus bekannte Vorstellung. Dieser Fall war „evolutionär notwendig”; nicht notwendig war aber, dass es hier auch zu einer Art Sündenfall kam, durch den das Sex-Problem in die Welt kam, das bereits in 2.1.2 ausgedeutet wurde.

Lust wurde als Anzeichen niedrigerer Entwicklungsstufen betrachtet und sie komme bei Männern häufiger vor als bei Frauen”, bei unterge- gangenen Völkern häufiger als in der Gegenwart und bei „lower races” häufiger als bei „Aryan races“.>

30Kraft 2013, S. 368. 31 Ebd., S. 364. ?Man beachte die Anschlussfähigkeit an die viktorianische Überzeugung, dass Frauen

eher sexualabstinente Wesen und Hüterinnen der Reinheit seien. 3Kraft 2013, S. 365.

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Diese hochproblematische im Geist des Kolonialismus aber sehr an- schlussfähige rassistische Konzeption wird später (mindestens partiell) auch von Rudolf Steiners Anthroposophie aufgegriffen. ”*

2.2.2 Karma und Reinkarnation

Das Amalgamat von restriktiver Sexualmoral, neuplatonischer Leibfeind- lichkeit”, biologistischer und esoterischer Rassenlehre geht wie erwähnt Hand in Hand mit Vorstellungen von Karma, Reinkarnation und Seelen- wanderung:

According to Blavatsky, humans have an immortal soul whose origin lies in an impersonal divine absolute, which she simultaneously identified with the highest neo-Platonic hypostasis (the One), the Hindu parabrahman, and the Buddhist Adi Buddha. This divine absolute was said to emanate all creation from itself in a series of levels.°®

Die für unsere Fragestellung relevante Hoffnung, die die theosophischen Vertreterinnen und Vertreter hegten, ist, dass sich in der Zukunft bessere, reinere und weniger „schädliche“ Möglichkeiten finden, den wandernden bzw. wiedergeborenen und sich entwickelnden Seelen Körper zur Verfü- gung zu stellen, als es die menschliche Sexualität tut.

Ein etwas obskures Beispiel nennt Kraft” mit Bezug auf C.W. Leadbea- ter®®: „Leadbeater [...] claimed that experiments in the creation of mind- born babies were now being performed by the Manu”, auch wenn diese Experimente bis dato keine befriedigenden „Früchte“ getragen hätten.”

Mygl. z.B. Peter Staudenmaier: „Race and Redemption. Racial and Ethnic Evolution in Rudolf Steiner’s Anthroposophy“”. In: „Nova Religio. The Journal of Alternative and Emergent Religions“, 11, H. 3 (2008), S. 7.

Vgl. etwa Störmer-Caysa 2004, S. 141. Störmer-Caysa argumentiert hier für eine leibliche Ambivalenz im Christentum, u.a. mit Verweis auf die Vorstellung einer körperlichen Auferstehung. Im Karmalsystem der Theosophie fiel naturgemäß auch dieser Aspekt weg, was eine noch deutlichere Leibferne nahelegt.

36Chajes 2019, S. 3.

%7Kraft 2013, S. 367.

38] eadbeater war nicht nur Co-Autor von mehreren von Annie Besants Werken und ein- flussreicher Theosoph um die Jahrhundertwende, er wurde auch des (u.a. sexuellen) Missbrauchs mehrerer Jungen bzw. junger Männer angeklagt. Vgl. zu dieser verwor- renen Kontroverse Dixon 2001, S. 94-118.

Das Konzept des „Manu“, des Hervorbringers einer neuen Wurzelrasse aus der alten, wäre eine Untersuchung wert, die hier leider den Rahmen sprengt. Kurz erwähnt sei,

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So abstrus und abschreckend diese Vorstellungen auf uns heute wirken mögen, haben sie in der viktorianischen Zeit sicherlich eine Funktion für Frauen erfüllt, die sich ihren „ehelichen Pflichten“ entziehen wollten. In einer Epoche, die Frauen mehr oder minder die Kontrolle darüber ver- wehrte, wer auf ihren Körper zugreifen durfte, waren derartige zölibatäre Argumentationen vermutlich deutlich attraktiver.

2.3 Mystische Legitimationen und Immunisierungsstrategien

An dieser Stelle scheint es relevant, kurz auf die Schwierigkeiten und Pro- bleme hinzuweisen, die man aus moderner, aber auch generell aus ratio- naler Perspektive damit hat, sich auf mythische?, mystische und transzen- dente Legitimationsregime einzulassen.

Helena Blavatsky nutzte für ihre großen Monographien, aber auch für alltägliche Deutungs-Auseinandersetzungen u.a. immer die Legitimation durch den Rückbezug auf „uraltes Wissen” („ancient wisdom”, das bis aufs mythische Atlantis zurückgeführt wurde).*! Auch ihre mediale Bega- bung“? diente ihr immer wieder als Rechtfertigung für die Autorität ihrer Äußerungen, und natürlich der Kontakt zu den „Ancient Masters”, einer der wichtigsten Quellen ihrer Schriften.

Eine weitere Immunisierungsstrategie Blavatskys fußte darauf, ihr im Kern der Religionen vorgefundenes „Wissen“ zur Interpretation der Rea- lität heranzuziehen, unabhängig davon, ob dieses „Wissen“ mit der Em- pirie oder der Einschätzung von wissenschaftlichen Disziplinen vereinbar war. Mark Bevir fasst zusammen: „Here her subjectivist approach becomes so marked that she seems almost to declare that Indian religions and so

dass der Manu laut Besants und Leadbeaters Monographie „Man: Whence, How and Whither” männlich vorgestellt wird und mit einer angemessenen weiblichen Vertrete- rin der „alten Rasse” die ersten Individuen der neuen zeugt.

407u verschiedenen Modi des Umgangs mit Mythen - „challenging”, „replacing”, „rein- terpretation” vgl. Faxneld 2017, Pos. 17004. Aus meiner Sicht fehlt hier eine besonde- re Form des „challenging“, nämlich der parodistisch-satirische Umgang gerade in der Spätmoderne.

#lChajes 2019, S. 2.

#2Bevir 1994, S. 749.

%Auf die Analogie zu anderen, im 19. Jahrhundert durchaus auch aus feministischer Sicht relevante transzendentale Autorisierungs- oder Legitimationsregimes kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden. Zu denken ist etwa an Offenbarungen, mystische Verzückungen, Medialität, Mariensichtungen etc.

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Indian society must be as she wishes - irrespective of any evidence to the contrary. Orientalists might or might not support her analysis: if they did, well and good; if they did not, they were wrong.”

Spätere Generationen der IS werden diese Legitimationsformen über- nehmen und ausbauen, u.a. den Kontakt zu den „Ancient Masters“ ®. Die- ser Kontakt ist in sich bereits nicht rein emanzipativ auszudeuten, da die „Ancient Masters” nahezu ausschließlich als männliche Wesen dargestellt (wenn auch vielleicht nicht konzipiert) wurden - siehe hierzu 4.2. Ein Bei- spiel für die Ambivalenz der Offenbarung liefert uns Olav Hammer: Man- chen Führungspersonen wurde eine pro-christliche Lesart von Jesus Chris- tus „geoffenbart” eine Lesart, der Blavatsky als selbst vermutlich vehe- ment widersprochen hätte.?°

Während also die transzendente Begründung von Deutungsmacht zu- nächst Handlungsspielräume eröffnet, verlieren gerade charismatische Au- toritäten wie Blavatsky spätestens posthum die Kontrolle, da sich die Le- gitimationsweise auch immer auf andere Weise und für andere Inhalte ge- brauchen lässt und nicht überprüfbar ist. Die fehlende Rückbindung an intersubjektiv (oder, wie die Naturwissenschaften der Zeit vielleicht be- haupten würden: objektiv) wahrnehmbare, veri- und falsifizierbare Fakten macht das Werkzeug der Offenbarung und des medialen Kontakts zu einer mächtigen, aber gefährlichen Waffe - die sich immer auch gegen denjeni- gen oder diejenige ins Feld führen lässt, der oder die sie zuerst gebraucht.

Zusammengefasst war der Kontakt zu höheren Wesent bei Blavatsky, Besant und auch Leadbeater ein ambivalentes „Management tool“*.

#Bevir 1994, S. 763.

% The second generation leaders (after Blavatsky), Annie Besant (1847-1933) and Charles W. Leadbeater (1847-1934), significantly modified Theosophical teachings and legi- timized their occultist innovations by referring to their visionary contacts with the Masters.“ Hammer und Rothstein 2013, 5f.

SEbd.; SL

47Pedersen 2008, S. 148.

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3 Die Gründung der TS und ihre ersten Jahrzehnte

Bereits bei der Gründung der Theosophischen Gesellschaft 1875 fällt ein Ungleichgewicht ins Auge. Die Doktrin der Gesellschaft, ihre wesentlichen Mythen und Narrative, ihr Symbolvorrat und die sprituelle Ausrichtung stammen von Helena Blavatsky*® - dem berühmten Medium, der exzenttri- schen Weltreisenden und Religionsstifterin. Erster Präsident aber war Hen- ry Steel Olcott, und die beiden trugen stetige Deutungsstreitigkeiten über die Stoßrichtung der Gesellschaft aus:

It also explores the contradictions inherent in the founding of the Theoso- phical Society, which were never fully resolved. These contradictions were reflected in the differences between the two founders: Henry Steel Olcott, the organizer and practical man of business who envisioned the society as a kind of religious and philosophical debating club, versus Blavatsky, the my- stic, occultist, and seer who emphasized the society’s function as a school of occult development and who bolstered her claims with impressive displays of „phenomena.“*?

Einerseits beobachten wir hier den bemerkenswerten Einfluss einer Reli- gionsstifterin, eines Mediums mit Führungsanspruch und -fähigkeiten (s.a. 3.1 zur Biographie und 2.3 zu Blavatskys diskursiven Immunisierungs- strategien). Andererseits fügt sich die Rollenaufteilung ins viktorianische Schema (vgl. 2.1.1 zur viktorianischen Geschlechterdichotomie): Die äußer- liche, politische und gesellschaftliche Wirkung, das strategische Manage- ment, übernimmt der Mann; die Rolle des exzentrischen Mediums und der spirituellen Leitfigur kommt der Frau zu.

Diese Ambivalenz in Wertung und Wirkung setzt sich fort, wie im Fol- genden anhand ausgewählter biographischer Fakten und Deutungen zu Helena Blavatsky und der sozialistisch-feministischen Theosophin Annie Besant gezeigt werden soll. Und auch in den Statuten und Institutionen der TS finden sich einige derartige Ambiguitäten hinsichtlich der geschlechter- emanzipativen Wirkung.

4Bevir 1994, S. 749. Dixon 2001, Preface xii.

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3.1 Personen und Geschichten

Helena Petrovna Blavatskys (geb. Fadeevna von Hahn, 1831-1891)°° Bio- graphie ist lückenhaft.°! Mehrere Abschnitte ihrer Reisetätigkeiten in jun- gen Jahren sind nicht dokumentiert und ihre eigenen Angaben darüber waren widersprüchlich. 1885, also 10 Jahre nach Gründung der TS, führten die Widersprüchlichkeiten in den Lehren, der Vita und der Öffentlichkeits- wirkung dazu, dass die „Society for Psychical Research” (eine Art Vorläu- ferorganisation von „Myth Busters” und Skeptikern) einen vernichtenden Bericht über Scharlatanerie und Betrug in der TS veröffentlichte, der Bla- vatskys Reputation nachhaltig und bis zu ihrem Tod irreparabel beschä- digte und zu einer Entfremdung von Olcott führte.’?

Unabhängig davon, ob sie auf ihren Reisen nun Menschen aus Fleisch und Blut oder Geistwesen aus einer anderen Dimension traf”, Fakt bleibt: Sie reiste allein unerhört für eine Frau im viktorianischen Zeitalter. Und es finden sich noch weitere Aspekte ihrer Lebenshaltung und -führung, die der viktorianischen Frauenrolle widersprachen:

Her public rejection of „proper” Victorian womanhood - traveling extensi- vely on her own, occasionally dressing up in men’s clothing, swearing and smoking profusely, reviling marriage - also helped destabilize gender cate- gories.>*

Blavatskys wichtigster Beitrag zur emanzipativen Bewegung bestand al- so vielleicht in dieser Destabilisierung von Geschlechterrollen - ein Beitrag, der angesichts der im Viktorianismus fest etablierten Dichotomie nicht zu unterschätzen ist.

Eine klarere feministische Linie vertrat Annie Besant (1847-1933)”°, Frei- maurerin, Sozialistin, Frauenrechtlerin, Publizistin und Referentin zu Fra- gen der Geburtenkontrolle. Besant war vor allem in Indien tätig und un- terstützte die dortige „Home Rule” Bewegung zur Unabhängigkeit von Großbritannien.

OBevir 1994, S. 749. 5lHammer 2016, S. 251. 52Chajes 2019, 5f. 53Hammer 2016, S. 251. 5Faxneld 2012. 55Hammer 2016, S. 253.

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Mit Annie Besant begegnen wir 1894 auch einem sprechenden Beispiel für die Ambivalenz tranzendenter Legitimationen wie unter 2.3 ausgeführt: Ein Gerichtsprozess gegen ihren Kontrahenten William Quan Judge sollte u.a. klarstellen, dass eine von diesem angeblich empfangene Offenbarung gefälscht war. Der Streit führte zur Spaltung der in Adyar angesiedelten Besant/Leadbeater-TS und der Amerikanischen TS, die kurz darauf von einer anderen Frau angeführt werden sollte: Katherine Tingley.”

Annie Besant liefert uns ebenfalls ein Beispiel für das Problem des inne- ren logischen Zwangs irrationaler Erzählungen zur Rechtfertigung von ge- sellschaftlichem und politischem Engagement. Besant, die - vor allem mal- thusianisch beeinflusst stets pro-feministische Argumente für vermehrte Selbstbestimmung bei Geburtenplanung vertreten hatte, rückte von dieser Position nach ihrer theosophischen Bekehrung ab. Denn die Reinkarnati- onslehre Blavatskys und damit der TS vertrug sich aus ihrer Deutung nicht mit dem Recht auf Verhütung und Abtreibung, wie Carol MacKay zeigt.” Nicht nur die Karma-, auch die Reinkarnationslehre kann also leicht auch anti-emanzipativ (um-)gedeutet werden.

In jedem Fall lässt sich aber festhalten: Weibliches Führungspersonal war in den ersten Generationen der TS präsent und wichtig, und dieser Um- stand macht vermutlich einen wesentlichen Teil des Reizes aus, der gerade Frauen anzog und zur TS „bekehrte”. Und auch das „mission statement” dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben.

3.2 Statuten: „without distinction of race, Creed, sex, caste or color“

1877 veröffentlichte Blavatsky ein „statement of purpose” der TS®®8:

to form a nucleus of the Universal Brotherhood of Humanity, without distinc- tion of race, creed, sex, caste or color; to encourage the study of comparative religion, philosophy and science; and to investigate the unexplained laws of Nature and the powers latent in man.

Sieht man vom aus heutiger Sicht merkwürdigen Widerspruch zwischen Geschlechtsunabhängigkeit und der „Brotherhood” ab, handelt es sich um

Vgl. zu diesem Komplex Hammer 2016, S. 256. >7MacKay 2017. 58Tumber 2002, S. 23.

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ein sehr modernes Programm. Wie aber u.a. die Wurzelrassenlehre zeigt, gab es in den eigentlichen Lehrinhalten durchaus Widersprüche zur erklär- ten Zielsetzung: Die Doktrin der „root races” scheint mit einem Absehen von „race” und „color“ nicht vereinbar.

Die Theosophie konnte in ihrer Anfangszeit schnelle und erstaunliche Erfolge verbuchen. Das lag u.a. daran, dass sie deutlich breitere und an- schlussfähigere Angebote machen konnten als das traditionelle Christen- tum - durch Importe von buddhistischen und hinduistischen Vorstellun- gen, durch internationale Vernetzung und nicht zuletzt durch die Integra- tion von modernen Erkenntnissen der Wissenschaft, wenn auch in ein eso- terisches Denkgebäude.”

Die Freiheit von den Beschränkungen, denen das Christentum als alte und etablierte Iradition mit starren Regularien und mächtigen Institutio- nen unterworfen war, ermöglichte der TS die Bildung einer neuen Traditi- on. Gleichzeitig muss festgehalten werden, dass auch die TS keine hierar- chiefreie, genuin liberale Institution war, sondern zentralisiert funktionier- te und top-down gesteuert wurde°® - auch institutionell begegnen wir hier also einer latenten Widersprüchlichkeit zwischen öffnenden und wieder schließenden, inklusiven und exklusiven Wirkungen.

59pedersen 2008, S. 144. SOEHd., 144.

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4 Gender- und Emanzipations-Konzeptionen in der Theosophischen Gesellschaft

[N]o individual ought to be subjugated because of what flesh their spirit was temporarily housed in.e!

Wir haben in den biographischen und institutionellen Details, aber auch in den theosophischen Großerzählungen bereits nach Einflüssen auf das Geschlechterbild gesucht und in Ansätzen deren Auswirkung auf prakti- sche Belange untersucht. In diesem Abschnitt geht es nun um weitere Ide- en, Lehren und assoziierte Bewegungen, die aus Platzgründen nur über- sichtsartig besprochen werden.

4.1 „Gnostic Feminism“: Eine Auflösung der Gegensätze?

Fundamentale theoretische Bedeutung spielte die Lehre der All-Einheit des Seienden, eine Art spiritueller Monismus, aus dem alle realen, physischen Gegensätze emanieren.°? In der Folge dessen sind die beiden Geschlechter als Polaritäten (oder auch: auf einem Kontinuum‘) prinzipiell gleich be- deutsam.°? Dieser „gnostic feminism”® sprach beispielsweise Frauen wie die Künstlerin Hilma af Klint an, und muss generell für emanzipiertere,

nach Selbstwirksamkeit strebende Frauen attraktiv gewesen sein.°?

6lFaxneld 2012.

62Hammer 2016, S. 253.

Kraft 2013, S. 371.

647u einer Einschränkung der praktischen Ausdeutung dessen siehe 2.2.2: Mit dieser Vor- stellung lässt sich auch eine Ungleichbehandlung rechtfertigen, die über mehrere Rein- karnationen hinweg wiederum „gerecht“ ausgeglichen wird.

65Tumber 2002, S. 8.

66Hogsberg 2020, S. 81.

67 Aus Platzgründen kann in dieser Arbeit nicht auf die weitreichenden kulturellen Wir- kungen der Theosophie eingegangen werden, sofern sie nicht mit der Frage nach (Frauen-)Emanzipation zusammenspielen. Neben Hilma af Klint seien in der bilden- den Kunst auch Mondrian und Kandinsky genannt, vgl. Hammer und Rothstein 2013, S. 10. Auch spätere Literaten wie H.P. Lovecraft ließen sich inspirieren, wie Reis 2013 zeigt - wenn auch auf eine Weise, die man eher parodistisch nennen könnte, schließ- lich war Lovecraft überzeugter atheistischer Materialist und bediente sich mythisch- religiöser Ideen nur zu atmosphärischen oder kritischen Zwecken. Ein Beispiel ist die Verwendung des „Book of Dzyan”, die Grundlage für Blavatskys „Ihe Secret Doctri- ne”. Lovecraft erwähnte und zitierte das „Original“ mehrfach, wobei aus diesen Ver-

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Auch weitere Dichotomien lassen sich aus diesem Weltbild umdeuten und umwerten: Die Theosophie versucht, Wissenschaft und Religion zu vereinbaren, wie oben gezeigt; Ost und West (vor allem religiös und welt- anschaulich) näher zu bringen; Homo- und Heterosexualität auszuglei- chen, was wiederum eine Klientel anzog, die es im herrschenden mora- lischen und religiösen Diskurs des 19. Jahrhunderts schwer hatte und Ver- folgung ausgesetzt war. Trotzdem war die TS vermutlich kein ’refuge for lesbians and gay men.’°® Es muss auch bemerkt werden, dass in okkul- tistischen Vorstellungen generell und auch in Blavatskys Lehren und der TS duale Vorstellungen wichtig blieben - alleine der platonische Gegen- satz von einer wahren Realität und einer materiellen Scheinwelt.°” Dieses Problem führt ja auch zur unter 2.1.2 ausgeführten Leibfeindlichkeit.

Während es bei den meisten gnostisch-feministischen Auslegungen eher darum ging, die prinzipiell unterschiedlichen Geschlechter Frau und Mann als gleichwertig zu deuten, begegnen wir auch einer Infragestellung der Zweigeschlechtlichkeit an sich.

4.2 Androgynität und der „Divine Hermaphrodite“

Die Anhängerinnen und Anhänger der Theosophie haderten genau wie ihre Begründerin’® - stets mit dem Androzentrismus der etablierten Re- ligionen, allen voran des Christentums. Dieses habe die Unterdrückung der Frauen „taken to the extreme“! - vor allem im Bild des männlichen Schöpfergottes.

Blavatskys Gegen-Mythos war nun keineswegs ein weiblicher Gott (wie es in zeitgenössischen Wicca-Kulten oder auch in manchen Satansdarstel-

wendungen wie auch aus Briefwechseln klar hervorgeht, dass er nicht an die Authen- tizität glaubte (vgl. Harms und Gonce 2003, Abschnitt „The Haunter of Theosophy“). Eine spannende literaturwissenschaftliche Frage könnte sein, wie die theosophische Doktrin bei Lovecraft quasi auf den Kopf gestellt wird. Während die Theosophie von heilsamen, erleuchtenden Lehren ausgeht, ist Erkenntnis des Übernatürlichen in Love- crafts „Cthulhu Mythos” stets die Quelle von Unheil, Wahnsinn und Verderben. Beide Ansätze sind möglicherweise exemplarisch für einen Umgang der Moderne mit dem Unbekannten und Unheimlichen.

68Dixon 2001, S. 118.

© Tumber 2002, S. 31.

"OBezüglich des biologischen Geschlechts von Helena Blavatsky selbst gab und gibt es zahlreiche Spekulationen, etwa bei Kraft 2013, S. 371.

"1Ebd., S. 368.

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lungen bzw. Spielarten des Satanismus im 19. Jahrhundert”? der Fall war), sondern wie unter 2.3 bereits angedeutet die Konzeption androgyner, bei- de Geschlechter inkorporierender „Masters of the Ancient Wisdom“. Die Androgynität der Darstellung dieser „Meister“ war allerdings umstritten: „A mixed blessing from the perspective of Theosophical feminists, andro- gyny was nevertheless also a matter of concern. Theosophy’s presumably sexless and androgynous Masters were consistently depicted in male bo- dies and with masculine personalities.”7?

Eine Argumentationslinie schält sich heraus, die aber mehr oder weniger wie eine Rechtfertigung maskulinisierter Darstellungen wirkt: der Körper spiele eben keine Rolle, und damit auch nicht die äußerliche geschlechtli- che Darstellung. Früher oder später werde die Evolution der Menschheit ohnehin den geschlechtlichen Körper überwinden; die Weiblichkeit und die Männlichkeit aber seien Merkmale der Seele, und werden daher in den späteren androgynen „Rassen“ der fünften und sechsten Stufe (siehe 2.2.1) aufgehen:

Blavatsky’s esoteric ideas in general also attended to the theme of gender by denying its ultimate reality. For Blavatsky, ‘esotericism ignores both sexes’ and spiritual development through a series of incarnations ultimately led to the emergence of a spiritual androgyne, a ‘Divine Hermaphrodite’.’>

4.3 Der Fall Evas und die Rolle „Lucifers“

Stellen wir uns die (scheinbar) herrschende Ordnung der viktorianischen Zeit als eine auf dem Fundament von Christentum und Kirche ruhende vor, dann gerät sie wie gezeigt -— zunehmend unter Beschuss. Breitsei- ten kommen aus der Richtung der Aufklärung, der Säkularisierung und Wissenschaft. Aber gleichzeitig treten dieser Fundierung auch auf dogma- tischer, exegetischer und allgemein spiritueller Ebene Denkschulen entge- gen; sozusagen auf ihrem eigenen Terrain.

Das liegt, nicht zuletzt, an der Flanke, die eine „rationalere” und auf Mo- ral reduzierte Religion offen gelassen hat. Aber der traditionell-religiösen

aNgl. Faxneld 2017, Kapitel 2, Abschnitt „The Devil is aWoman: Representations of Satan as a Woman“.

Kraft 2013, S. 368.

AEhd., S. 368.

75Faxneld 2017, Pos 4189-4191.

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Legitimation fällt auch zur Last, dass sich ihr heiliger Text auf diese und auf jene Weise auslegen lässt.

Ein derartiger mythischer Kampfplatz des 19. Jahrhunderts war die Aus- legung des „Sündenfalls” Evas in Genesis 3. Wie Per Faxneld’® zeigt, war es kein Zufall, dass Blavatsky ihr „Konkurrenzmagazin” zu Olcotts „The Theosophist” mit dem Titel „Lucifer” versah. Blavatskys Interpretation von Genesis 3 ist vielleicht paradigmatisch für Ihr Denken: Sie nutzt die luciferi- sche Intervention im Garten Eden als Mythos der aufklärenden, rationalen, fast prometheischen Rolle des Teufels gegen einen unterdrückenden Gott. In gewisser Weise deutet sie dieses Ereignis auch als Anthropogonie, da wir ohne diesen Eingriff des Teufels nie zum kritischen Denken gekommen und auf der Stufe von Tieren verblieben wären. Damit entlastet Blavatsky Eva vom Sündenfall, ohne aber gleichzeitig ein starkes Augenmerk auf die Frau Adams zu legen.’’ Diese Lesart exemplifiziert Blavatskys Rolle für den Feminismus: Sie nahm keinen spezifisch feministischen Standpunkt ein, dekonstruierte aber die herrschende patriarchale Doktrin - in ihrem Werk und durch ihre Lebensführung.

Das Beispiel zeigt erneut, dass sich Mythen - ob nun „religiöse“, „pseu- doreligiöse” oder „okkulte” - stets in verschiedene Richtungen deuten las- sen; das ist vielleicht eine der hervorstechendsten und überzeugendsten Qualitäten des Mythos und der Mythologien. Ihr Einsatz ist per se ambi- valent, denn selbst, wenn Mythen sich für subversive oder emanzipatori- sche Zwecke deuten lassen, liegt auch die Gegendeutung stets nahe. Durch die Umdeutung von Genesis 3 nimmt Blavatsky einerseits diesen Mythos für sich in Anspruch; andererseits beglaubigt sie ihn aber auch.’® Und sie stärkt die Assoziation des Dämonischen mit dem Weiblichen und leistet damit traditionalistischer Ideologie Schützenhilfe:

Pro-feminist appropriations of demonic motifs must [...] have strengthened such connotations among anti-feminists and the general public. What we can observe in this context is therefore a rather intriguing circularity, where the feminists in fact help sustain and perpetuate a misogynist tradition whilst subverting it.’?

76Faxneld 2017.

7Nel. ebd., Pos. 16645: „her counter-reading [of Genesis 3] in spite of it having no specific focus on Eve fits well with this tradition of feminist subversions“.)

’8Ebd., Pos. 16845.

”Ebd., Pos. 16934.

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4.4 Differenzfeministische Frauenbilder

Es muss erwähnt werden, dass es neben einer monistischen Auflösung der Geschlechterdichotomie in höheren spirituellen Sphären auch strikt pro- feminine Frauenbilder gab. Kraft°® nennt als Beispiel „Ihe Call of the Mo- ther” der englischen Theosophin Emily Lutyens. Das Buch „insists upon the complementarity of male and female qualities and functions. [...] Socie- ty has no need for female copies of men, according to Lutyens’ perspective. It needs woman-the-nurturer, the protector of lifeforces and the transmuter of forms.”

In Einklang mit der in 2.1.2 ausgeführten tendenziellen Sexualfeindlich- keit der Bewegung ist diese Mutterschaft allerdings eher spirituell, symbo- lisch oder metaphorisch zu verstehen (die in 2.2.2 erwähnten „mind born babies“).

4.5 Emanzipative Bewegungen: Sozialismus, „Home Rule“ in Indien und die Nachwirkungen der TS

Wie gezeigt wurde, war die TS inhaltlich, organisatorisch und personell sehr anschlussfähig an vielfältige subversive Bewegungen, Gegenkulturen und Aktivismen. Über Annie Besant kam ein starker Bezug zur „Home Rule“-Bewegung in Indien einerseits und zum Sozialismus andererseits auf. Den „Re-Import” des Hinduismus nach Indien untersucht Mark Be- vir in Bevir 1998 und kommt u.a. zu dem Schluss, dass sich eine kollek- tivistische hinduistische Mythologie besser eignet, sozialistische Ideen zu propagieren als das koloniale Christentum des Raj-Staats (S. 214f).

Zum Sozialismus sei angemerkt, dass es sich hier wohl eher um ein eli- täres Projekt®! handelte. Zwar analysiert Faxneld: „[T]he immanentist doc- trine formulated by Blavatsky lent itself very well to legitimizing socialist ideas, since her organic vision of a world where all is one clearly challen- ged atomizing liberal ideas about the state as an association of completely autonomous individuals.”®? In der Praxis partizipierten daran aber wohl hauptsächlich die gebildeten, gut vernetzten Bürgerlichen und Intellektu- ellen. Während andere (religiöse) Institutionen wie die christlichen Kirchen

80Kraft 2013, S. 363. $lVgl. Faxneld 2017, Pos. 3851. #Ebd., Pos. 3880-3882.

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mit Diakonien und Kongregationen Frauen die Möglichkeit zur Vergesell- schaftung durch Arbeit und Lohnerwerb boten, beschränkte sich die Theo- sophie meist auf Offenbarungen und Diskussionen in gebildeten Zirkeln.® Und auch die TS-Einflüsse auf die indische Unabhängigkeit waren wohl eher ein Projekt der höheren Klassen.®*

Für beides -— Sozialismus wie auch die Unabhängigkeit Indiens gab es unterschiedliche Bewegungen auch in Großbritannien, die sich häufig überschnitten oder vermischten. In Bezug auf Geschlecht wird im Vikto- rianismus oft von der „New Woman” gesprochen. Dieser Idealtyp ist aber nicht nur feministisch aktiv, sondern meist

sympathetic to if not actively engaged in [...] the broader field of ’progressive’ agendas, such as vegetarianism, anti-vivisection, antivaccination, homeopa- thy, peace movements, and anti-imperialism.®°

Gerade für die Nachwirkung der TS ist bezeichnend, dass hier neben klar emanzipativen Themen auch - in heutiger Terminologie eher mora- lische oder Lifestyle-Fragen (Vegetarismus, Tierversuche) sowie Homöopa- thie und Impfgegnertum aufgeführt werden —- zwei Themenkomplexe, die man heute dem esoterischen bis wissenschaftsfeindlichen Spektrum zu- rechnen kann. Im 19. Jahrhundert, als die wissenschaftliche Medizin und die medizinische Wissenschaft Frauen allerdings eher als Gebärerinnen ob- 87, auf weibliche Bedürfnisse einzugehen, lag hierin sicherlich ein positiv zu wertendes, emanzipatives Potenzial.

jektifizierten®® und weit davon entfernt waren

Gleichzeitig bleibt das gesamte Spektrum der mystischen oder mythi- schen Handlungsbegründungen problembeladen. Man muss gar nicht auf die Ariosophie abzielen, die theosophisches Gedankengut in Richtung der NS-Ideologie weiterentwickelte; es genügt ein Blick auf die Anthroposo- phie Rudolf Steiners und die erneute starke Rezeption der Theosophie

®Vgl. Tumber 2002, S. 96.

#4 Theosophy’s alliance with South Indian elites, for example, played a critical role in both the nationalist and feminist movements in colonial India.” Vgl. Dixon 2001, S. 230.

8Kraft 2013, S. 359.

86Tumber 2002, S. 31.

87 Vieles weist darauf hin, dass auch die heutige Medizin Frauen systematisch benachtei- list, in Forschung wie auch Behandlung. Beispielhaft sei auf die Dokumentation „Frau- en sind keine kleinen Männer” der Gendermedizin-Professorin Vera Regitz-Zagrosek verwiesen: SWR2 2021

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oft ohne Nennung von Blavatsky, Besant und anderen - in der „New Age”- Bewegung der 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts.®® Im New Age begegnen wir dann eher körperpositiven und sexualfreundlichen®” Kon- zepten - hier wird jene Iantra-Idee zum wichtigen Indien-Import, die Bla- vatsky eher aussparen musste -, in einer deutlich geschlechtssensitiveren Welt”, aber wiederum mit stetem gegenwissenschaftlichen Unterton.

Das Problem bleibt uns erhalten: Mittels nicht überprüfbarer Mythologi- en - seien sie traditionell-religiös oder modern-esoterisch fundiert lässt sich zwar nicht alles (es gibt eine innere Logik der Mythen), aber sehr Di- verses rechtfertigen. Ein letztes Beispiel sei hier angeführt: Theosophische Einflüsse können, unabhängig ihrer rassistischen Implikationen, auch für den Afrofuturismus fruchtbar gemacht werden, wie Paul Youngquist am Beispiel Alton Abrahams zeigt: Die Kreuzigung wird von Abraham, dem Manager des einflussreichen Jazz-Musikers Sun Ra, als rassistische Gewalt- tat gegen einen „Nichtweißen“ umgedeutet.”! Gleichzeitig lässt sich aber bekanntermaßen auch der Antijudaismus auf die Kreuzigungsgeschichte gründen.

88] eider kann hier auch nicht auf die spannenden Bezüge Krishnamurtis sowohl zu Annie Besant als auch zur späteren Esoterik-Landschaft eingegangen werden.

%Dixon 2001, S. 230.

Kraft 2013, 370f.

A yYoungquist 2023, 38f.

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5 Fazit

In der TS und ihren Nachwirkungen und Rezeptionen kommen jeweils subversive, die herrschende Ordnung in Frage stellende Momente und ech- te Lebensverbesserungen für Frauen (und andere marginalisierte Gruppen) zusammen mit Pseudowissenschaft und Irrationalismus auf der einen und den je aktuellen Fragestellungen der Zeit auf der anderen Seite. Proble- matisch bleibt die schwere Kontrollierbarkeit mythischer und mystischer Legitimationen und Narrative. Tumber fasst zusammen:

Just as late nineteenth-century „bohemians” often found spiritual support in the radical subjectivity of theosophy, so is New Age spirituality dressed with a touch of irony, jargon, and artifice - compatible with postmodernist criticism. All of these characteristics render gnostic reform - in spite of its ad- herents’ claims - antithetical to the universal spirit of science, not to mention democratic debate.??

Mythen entwickeln eine schwer kontrollierbare, ggf. auch nicht mehr einzufangende Eigendynamik (etwa im Vergleich zu logisch-ethischen Ar- gumenten), aber sie sind wirkmächtig und motivierend, wo rationale Argu- mente nicht verfangen. Unsere heutige, nachaufklärerische Einschätzung, die grundsätzlich zwischen säkular-modernem und sakral-traditionalisti- schem Denken unterscheidet”, hat es schwer mit der Vorstellung emanzi- pativer Religiosität und Spiritualität - diese Brille muss bei Einschätzungen gerade auch der TS stets mitbedacht werden.

An der TS lässt sich weniges eingleisig oder eindeutig interpretieren. Die TS ist nicht als Zwischenhalt zu interpretieren und auch nicht als Vertei- lerbahnhof, denn das Schienennetz war und ist nach wie vor im Entstehen begriffen - es handelt sich eher um Straßen und Wege, Sackgassen und Ab- wege. Strömungen der Geistesgeschichte und der politischen Aktion pas- sieren die TS und die Lehren Helena Blavatskys und biegen danach hierhin und dorthin ab. Es wurde gezeigt, wieso diese „Raststätte Theosophie” at- traktiv auf emanzipative Bewegungen wirkte, und dass weder die innere Logik der Lehren noch die praktische Wirkung der Institutionen eine klare Stoßrichtung auszumachen erlauben.

92Tumber 2002, S. 11. Dixon 2001, S. 231.

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